FAZ 06.01.2026
18:29 Uhr

Stromausfall in Berlin: Wenn die Bundeswehr Suppe verteilt


Der Südwesten der Hauptstadt liegt seit Tagen in Dunkelheit – nun kommen auch Soldaten zu Hilfe. Ist das noch nützlich? Da lächeln die THW-Leute.

Stromausfall in Berlin: Wenn die Bundeswehr Suppe verteilt

Die Temperaturen sinken weiter, ebenso die Stimmung. Seit vier Tagen fehlt großen Teilen des Berliner Südwestens der Strom, nachdem ein Anschlag am Teltowkanal mehrere Starkstromkabel zerstört hat. Wer am späten Nachmittag durch Zehlendorf oder Wannsee fährt, bewegt sich im Finstern. An den S-Bahnhöfen Wannsee oder Mexikoplatz haben das Technische Hilfswerk (THW) und die Feuerwehr Lichtinseln errichtet. Lichtmasten erhellen die Szenerie, für Augenblicke sieht man Hin- und Wegeilende, ehe das Dunkel sie verschluckt. Am Bahnhof Nikolassee steht eine Hundertschaft der Bundespolizei in ihren Fahrzeugen bereit. Für alle Fälle. Ein Team des THW ist am Wannsee mit zwei containergroßen Generatoren angerückt, zusammen liefern sie fast ein Megawatt – ausreichend um den Bahnhof alsbald wieder zu betreiben. Zwar fährt die Berliner S-Bahn mit eigenem Strom, aber die Bahnhöfe können ohne Licht nicht genutzt werden. Ohnehin ist im Bezirk wenig los: kaum Autos, noch weniger Leute auf der Straße. In einigen Seitenstraßen leuchten trotz Blackout die hübschen alten Straßenlaternen. Sie gehören zu den letzten Exemplaren, die noch mit Gas betrieben werden. Berlin hat sie längst durch LED-Lämpchen ersetzen wollen, jetzt sind die Anwohner umso dankbarer, dass sie noch da sind. Etliche sind zu Freunden und Verwandten gegangen, manche in Hotels, wofür der Senat neuerdings bezahlt. Viele harren in ihren Wohnungen aus, oft mit Diesel-Generatoren aus dem Baumarkt. Die betreiben auch elektrische Heizkörper und helfen in dieser und der folgenden Nacht, das Einfrieren der Wasserleitungen zu verhindern. Wer versäumt hat, beim Verlassen eines der vielen Einfamilienhäuser das Wasser abzustellen, kann noch eine böse Überraschung erleben, wenn es taut. Neben den Kleingeneratoren werden im Bezirk mobile Großgeneratoren betrieben, vor allem damit die 74 Pflegeheime bewohnbar bleiben und die älteren Menschen nicht umziehen müssen. Hilfsangebote dafür gibt es aus anderen Berliner Bezirken, aber sie wurden bislang nicht in Anspruch genommen. Der Senat hingegen ruft bundesweit um Hilfe – große Generatoren aus Nordrhein-Westfalen oder Mecklenburg-Vorpommern treffen ein, Hamburger hat eine ganze Wagenladung spendiert. Das reicht nicht, um die fehlenden Kapazitäten zu ersetzten. Dabei sind von dem Ausfall seit Samstagmorgen nicht einmal drei Prozent des Gesamtnetzes betroffen, wie der Geschäftsführer von Stromnetz Berlin, Bernhard Büllmann, mitteilt. Und während er eher auf die Solidarität und Kompetenz der Strombetreiber deutschlandweit setzt, auch bei der Reparatur der zerstörten Kabel, kündigt der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) einen großen Bundeswehreinsatz an. Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sagt, die Bundeswehr werde Berlin „massiv“ unterstützen und fügt hinzu: „Wir können jede Hilfe gebrauchen.“ In Berlin ist Brigadegeneral Horst Busch Kommandeur des Landeskommandos. Über ihn läuft alles, was die Bundeswehr betrifft. Dem General liegt am Montagabend allerdings erst ein einziger Antrag auf Amtshilfe vor. Es geht um Diesel für die „Netzersatzanlagen“. Kurz vor 18 Uhr sind Busch und ein paar Soldaten vom Logistikbataillon 172 auf dem Bereitstellungsplatz des THW im benachbarten Bezirk Lankwitz eingetroffen. Das THW hat in Berlin zwölf Ortsverbände, zum Landesverband gehören außerdem Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Eine schlagkräftige Truppe Freiwilliger, die mit Engagement und Technik zur Stelle sind. An Bord der eigenen Fahrzeuge befinden sich Behälter mit 400 oder auch 1000 Litern Fassungsvermögen. Aus denen werden auch die Stromaggregate betankt. Die THW-Leute können sich ein Lächeln nicht verkneifen Dass die Bundeswehr auf den Platz in Lankwitz nun einen 9000-Liter-Laster geschickt hat, schadet zwar nicht. Die THW-Leute können sich ein Lächeln aber nicht verkneifen, wenn man sie nach der Notwendigkeit der Bundeswehrunterstützung fragt. Allerdings, und auch das gehört zur Lage, haben vier Jahre Ukrainehilfe auch die Technischen Hilfswerke oder Feuerwehren beansprucht, die dem überfallenen Land mit Fahrzeugen und Material helfen. Ob Berlin genug getan hat, um sich für solche Situationen zu wappnen, wird bereits diskutiert, der Wahlkampf hat begonnen Busch, erfahrener Offizier, versichert diplomatisch, es sei den Soldaten eine große Freude zu helfen. Er verweist aber auch auf die eigentlichen Aufgaben der Pioniere bei der Landes- und Bündnisverteidigung. Es scheint, als hätte der Berliner Senat die Hilfe dringender nötig als das THW oder die Betroffenen. Denn Wegner hatte seine anfängliche Abwesenheit vom Geschehen damit gerechtfertigt, dass er beim Kanzler, Kanzleramtschef, Innenminister und Verteidigungsminister persönlich Nothilfe organisiert habe. Am Dienstag verteilt die Bundeswehr Suppe im Bezirk, obgleich ein paar hundert Meter entfernt die Supermärkte längst wieder geöffnet haben. Warme Getränke und Suppe gibt es zudem reichlich, etwa in der Emmaus-Gemeinde, wo Pfarrerin Susanne Seehaus gemeinsam mit zahlreichen Gemeindemitgliedern erfolgreich jede Art von Hilfe organisiert: Ladestationen für Handys, heiße Dusche, eine Tee-Plauderei über die Lage. Es werden auch Wohnungs- und Zimmerangebote für diejenigen gesammelt, die zu Hause nicht mehr durchhalten. „Wir haben mehr Angebote als Nachfrage“, sagt eine Freiwillige. Am Dienstagmorgen machen sich die Helfer mit Thermoskannen und Wärmflaschen auf den Weg, um Leute zu suchen, die es nicht zu den öffentlichen Angeboten schaffen. In der Emmaus-Gemeinde haben sie am Abend so viele Suppenspenden für den nächsten Tag, das die Pfarrerin im Fernsehen dazu aufrufen kann: „Wer morgen Lust hat: Wir haben hier ganz viel Suppe!“ Derweil heißt es Abwarten, bis die komplexen Arbeiten an den Stromkabeln voranschreiten. Die zerstörten Starkstromleitungen haben einen Durchmesser von zehn Zentimetern, Reparaturen brauchen Reinheits- und Klimabedingungen wie in einem Operationssaal. Die müssen drei Meter tief in der gefrorenen Erde erstmal geschaffen werden. Dann erst können die Fachleute ran. Das Rathaus des Bezirks Steglitz-Zehlendorf mit knapp 300.000 Einwohnern hat die Krise zunächst verschlafen, dabei wäre es die zuständige Katastrophenschutzbehörde. Ein Drittel der Bevölkerung ist betroffen. Erst neun Stunden nach Beginn des Stromausfalls informierte der Bezirk auf seiner Homepage über die Lage und Hilfemöglichkeiten. Freiwillige, die sich am Sonntag auf einen dringenden Aufruf hin gemeldet haben, hören in den nächsten Tagen nichts. Bezirksbürgermeisterin Maren Schellenberg (Grüne) gesteht, man habe das Informationswesen „erst hochfahren müssen, damit es funktioniert“. Dabei gibt es in ihrem Rathaus die ganze Zeit Strom und Internet. Mobilfunkbetreiber haben ihre Anlagen teilweise wieder in Betrieb genommen, so kann man nicht nur telefonieren, sondern auch den Miles-Leihwagen verschließen, den manche mangels öffentlicher Verkehrsmittel nutzen. Sofort zur Hilfe geeilt ist auch die AfD. Ronald Gläser, Bundestagsabgeordneter aus Pankow, und sein Team sind mit einem ausrangierten Feuerwehrfahrzeug an eine kleine, dunkle Einkaufsstraße am S-Bahnhof Schlachtensee gekommen, um dort belegte Brötchen und Reden vom Staatsversagen auszuteilen und sich dabei selbst zu filmen. Weiterhin sind mehr als 27.000 Haushalte ohne Strom und Heizung, Dutzende Schulen, Hunderte Geschäfte und Betriebe geschlossen. Zum Wochenende werden minus 14 Grad erwartet. Doch wenn alles klappt, könnte am Donnerstag ein Großteil des Berliner Südwestens wieder ans Netz gehen, nach dem längsten Stromausfall seit 1945.