FAZ 07.01.2026
19:48 Uhr

Stromausfall in Berlin: „Dit is dann alles wieda schick“


Der Strom ist wieder da! Unsere Autorin erreichen Glückwünsche aus der ganzen Republik: „Happy Stromversorgung.“  Was hat sie beim Blackout in Berlin gelernt?

Stromausfall in Berlin: „Dit is dann alles wieda schick“

Um 9.30 Uhr bricht in der Hauptstadt noch einmal kurz Panik aus, diesmal flächendeckend. Die Katastrophenwarnung auf dem Smartphone meldet „extreme Gefahr“. Darin warnt die Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport vor einem „Stromausfall für Berlin: Informieren Sie sich in bekannten Warnmedien.“ Das schreckt die Berliner außerhalb des Blackout-Dreiecks auf, die noch unerfahren sind im Umgang mit Krisensituationen. Von ihnen erreicht mich die bange Frage: „Geht das jetzt auch bei uns los?“ Wer sich in den „Warnmedien“ oder über den angefügten Link informiert, bekommt dort Anweisungen für die nahende Rückkehr aller betroffenen 45.000 Haushalte im Südwesten Berlins, einen Tag früher als ursprünglich geplant. Die Bürger sind zur Mitwirkung angehalten, deshalb die Dringlichkeit. Privat betriebene Notstromaggregate MÜSSEN vom Netz getrennt werden, um Schäden zu vermeiden. Und: Nach der schrittweisen „Rückschaltung“ bloß nicht die Wasch­maschine wieder einschalten. Ich hoffe, das gilt nur vorübergehend. Zu den vielen Unterscheidungen, die der Berliner jetzt schon macht (Ost/West, Autofahrer/Radfahrer, innerhalb/außerhalb des S-Bahn-Rings), ist eine neue hinzugekommen: innerhalb/außerhalb des Blackout-Dreiecks. Sie trennt diejenigen, die souverän mit Campingkocher und Kerzen hantieren, künftig stets aufgeladene Powerbanks bei der Hand haben und ihren Wasser- und Weinvorrat pflegen, von allen anderen. „Mit freundlichen Grüßen, Ihre Berliner Polizei“ Im Blackout-Dreieck bekommt man die Anweisungen von der Polizei auch vorgelesen. Zwei Polizisten fahren im Schritttempo bei klirrender Kälte und strahlendem Sonnenschein durch die Straßen und machen ihre Durchsage. Der Anfang ­erklingt in ohrenbetäubender Lautstärke, aber sobald es spannend wird, sind sie außer Hörweite. Nur undeutlich vernehme ich: „Mit freundlichen Grüßen, Ihre Berliner Polizei.“ Ich laufe hinterher, der Polizei­wagen bleibt stehen. Ist das Stromnetz wieder vollständig repariert? Sie wissen es nicht genau, aber der eine traut sich ein optimistisches Urteil zu: „Ick geh davon aus, dass dit dann allet wieda schick is.“ Als der Strom zurückkehrt, wird mir klar, dass auch mein Mann und ich uns in fünf Tagen des Strom- und Heizungsausfalls unterschiedlich entwickelt haben. Ich finde das nicht schlimm, es zeigt, dass wir uns in Krisenzeiten gut ergänzen. Während ich in der Dunkelheit und mit zunehmender Kälte immer mehr in mich zusammenfalle, wächst er über sich hinaus. Er hat die Episode offenbar unter „kosten­loses Survivaltraining“ abgespeichert. In aller Herrgottsfrühe stellt er sich pfeifend unter die eiskalte Dusche, schreitet dann im Handtuch durchs Wohnzimmer und ruft mit provozierender Fröhlichkeit: „Hast du es hier mollig warm.“ Und er läuft auf Patrouille durch die verlassene Nachbarschaft, auf der Suche nach Einbrechern. Ich bin mir nicht sicher, ob dahinter eine ausgeklügelte Strategie steckt. Hat er einen Plan für den Fall, dass er tatsächlich Einbrechern begegnet? Die kommen ja selten allein. „Guter Punkt“, sagt er. „Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Ich habe mich jedenfalls mental darauf vorbereitet, sie zur Not auch zur Strecke zu bringen.“ Dann referiert er seine Überlegungen zu zahlreichen Waffenverstecken. Die Menschen bekommen Angst, ich auch. Unser Nachbar hatte gebeten, mal nach dem Rechten zu schauen. Er und seine Familie haben ein beneidenswertes Gespür für Timing. Einen Tag vor dem Stromausfall hatten sie die Stadt für einen Kurzurlaub verlassen. Kaum hat uns eine Flensburger Abordnung am Dienstag an ein Notstromaggregat angeschlossen, ­kehren sie planmäßig zurück. Die Bitte, nach dem Rechten zu schauen, hätte mich höchstens dazu veranlasst, auf dem Weg zur Mülltonne einen Blick auf die Haustür zu werfen. Mein Mann nahm sich eine ­Taschenlampe und strich im Stockdunkeln mehrmals um das Haus. Als er die Wohnungstür mit dem uns überlassenen Schlüssel öffnete, schlugen die Meerschweinchen Alarm. Jedenfalls leidet in Zeiten von Dunkelheit und Kälte das Sicherheitsgefühl. Die Menschen bekommen Angst, ich auch. Schon über die Weihnachtszeit hat es bei uns in der Nachbarschaft zwei Einbrüche gegeben. In den Notunterkünften erzählen sich die Menschen von verdächtigen Kleintransportern und Spuren im Schnee. Einige verlassen ihre Wohnungen und Häuser daher nicht, andere bestellen einen professionellen Wachdienst. Mit der Rückkehr zum Stromnetz ist auch das vorbei. Die Glückwünsche kommen aus der ganzen Republik. Eine Freundin wünscht „Happy Stromversorgung“, ein Kollege sagt: „Bleib unter Strom.“ Ich bin erleichtert und dankbar.