Der Anschlag auf das Stromnetz in Teilen Berlins ist aller Wahrscheinlichkeit nach von Linksextremisten verübt worden. Ein Bekennerschreiben der linksextremistischen Gruppierung „Vulkangruppe“ sei nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen als „glaubhaft“ eingestuft worden, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag in Berlin. Die Ermittlungen zum Tathintergrund gingen aber weiter. Am frühen Samstagmorgen hatte der Brand an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal zum Kraftwerk Lichterfelde wichtige Leitungen beschädigt. „Es ist inakzeptabel, dass erneut offenkundig Linksextreme unser Stromnetz angreifen und damit Menschenleben gefährden“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU). Schon im September hatte ein politisch motivierter Brandanschlag Teile der Stadt für mehrere Tage lahmgelegt. Die Vulkangruppe hatte sich unter anderem auch im März 2024 zu einem Brandanschlag auf das Tesla-Werk im brandenburgischen Grünheide bekannt. Das lange Konvolut der mutmaßlichen Täter im aktuellen Fall trägt die Überschrift „Den Herrschenden den Saft abdrehen“. „In der Gier nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört“, hieß es dort. Das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde sei „erfolgreich sabotiert“ worden. „Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft“, behauptet die Gruppe in dem Schreiben. „Bei den weniger wohlhabenden Menschen in dem Südwesten Berlins entschuldigen wir uns“, hieß es weiter. Die „Aktion“ sei „gemeinwohlorientiert“ und „gesellschaftlich sinnvoll“. Berlins stellvertretende Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) hatte am Samstag in der RBB-„Abendschau“ gesagt, die betroffene Kabelbrücke am Teltowkanal sei mit Brandsätzen versehen worden. Bei dem Feuer seien fünf Hochspannungskabel und zehn Mittelspannungskabel zerstört worden. 10.000 Haushalte wieder am Netz Der Anschlag sorgt seit dem frühen Samstagmorgen für einen großen Stromausfall, von dem zunächst 45.000 Haushalte und mehr als 2200 Unternehmen betroffen waren – in den Stadtteilen Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde. Inzwischen konnten nahezu alle rund 10.000 Haushalte und 300 Gewerbekunden in Lichterfelde wieder angeschlossen werden, wie der Betreiber Stromnetz Berlin am Sonntagmittag mitteilte. Damit sind weiterhin 35.000 Haushalte und 1900 Gewerbekunden nicht wieder am Netz. Stromnetz Berlin geht weiterhin davon aus, dass erst am Donnerstagnachmittag wieder alle Haushalte mit Strom versorgt werden können. Die Notlage dauert nach Angaben von Stromnetz Berlin so außergewöhnlich lange, weil die Schäden am Stromnetz schwerwiegend sind und die Reparatur kompliziert. Giffeys Sprecherin sagte, normalerweise würde die Verlegung solcher Hochspannungskabel fünf Wochen in Anspruch nehmen. Binnen weniger Tage werde nun zunächst ein Provisorium errichtet. Von Montag bis Mittwoch bleiben mehrere Schulen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf geschlossen. Auf einer Liste der Senatsverwaltung für Bildung waren mehr als ein Dutzend Schulen verzeichnet – darunter Grundschulen sowie weiterführende Schulen und Berufsschulen. „Die Maßnahmen sind aus Gründen der Sicherheit unvermeidbar“, hieß es vom Senat. Es werde mit Hochdruck daran gearbeitet, die Voraussetzungen für eine schnelle Rückkehr zum regulären Schulbetrieb zu schaffen – ob das nach Mittwoch sein werde, sei aber noch unklar. Heizung ausgefallen Die Polizei zeigte mit Hunderten Beamten verstärkt Präsenz auf den dunklen, verschneiten Straßen. An einigen Punkten errichtete sie Lichtmasten, um mehr Sicherheit und Sichtbarkeit zu schaffen. Der Stromausfall bedeutete auch, dass neben der Straßenbeleuchtung auch Alarmanlagen nicht mehr funktionierten. Am Samstag mussten Supermärkte und viele Läden schließen, weil ohne Elektrizität nichts mehr ging. Heizungen funktionieren ohne Strom ebenfalls meist nicht, weil der für Pumpen und Regler gebraucht wird. Sogar die Fernwärme war nach Angaben des Senats beeinträchtigt, weil die Pumpen ohne Strom die Wärme nicht zuverlässig transportieren. Ähnliche Dimension wie im September Von der Dimension ist der Stromausfall nach seinen Worten vergleichbar mit einem ähnlichen Fall im September im Südosten Berlins. Auch dort sprach Stromnetz Berlin von zunächst 50.000 Kunden. Der Stromausfall zog sich über Tage hin. Ursache damals war ein politisch motivierter Brandanschlag auf zwei Strommasten. Die Polizei wies in sozialen Netzwerken darauf hin, dass durch den Stromausfall auch Mobil- und Festnetzverbindungen beeinträchtigt sein könnten. In dringenden Fällen sollten Menschen die Polizisten direkt ansprechen oder auf die nächste Wache oder Feuerwache gehen. Die Feuerwehr habe zudem an mehreren Orten Notrufannahmestellen eingerichtet, an denen ein Notruf abgesetzt werden könne.„Bleiben Sie aufmerksam, helfen Sie gegebenenfalls Nachbarinnen beziehungsweise Nachbarn und wählen Sie den direkten Weg zur nächsten Wache, falls ein Notruf nicht möglich ist“, hieß es in einem Post auf X. „Lieber Taschenlampen als Kerzen benutzen“ Zu Fuß oder mit dem Fahrrad sollte man wegen des Schnees besonders vorsichtig sein. Die Polizei riet dazu, bei Ausfall der Heizung zu prüfen, ob man vielleicht bei Freunden oder Verwandten unterkommen kann. Wer selbst helfen kann, sollte dies hilfsbedürftigen oder älteren Menschen anbieten. Vorsicht gelte bei der Suche nach anderen Wärmequellen, die in Innenräumen gefährlich sein können. Die Berliner Feuerwehr warnte ausdrücklich vor gasbetriebenen Heizquellen. Auch wenn es kalt ist, sollte man regelmäßig lüften, vor allem wenn Kerzen brennen. Diese dürfe man nicht unbeaufsichtigt lassen, rät die Feuerwehr. „Lieber Taschenlampen als Kerzen benutzen.“ Heiße Getränke oder kleine Mahlzeiten kann man auf einem Gas-Campingkocher zubereiten, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe schrieb. Grillen mit Holzkohle oder Gas sollte man aber keinesfalls in der Wohnung. „Es besteht Erstickungsgefahr“, warnt das Bundesamt.
