FAZ 13.12.2025
18:18 Uhr

Stressvermeidung im Advent: Wenn Weihnachten zur Last wird


Für viele Menschen gehören Streit und Erwartungsdruck zum Weihnachtsfest dazu. Doch das muss nicht sein. Was es braucht, ist ein bisschen Mut zur Selbstfürsorge.

Stressvermeidung im Advent: Wenn Weihnachten zur Last wird

Weihnachten, das Fest der Liebe. An keinem anderen Tag im Jahr ist es so ruhig und harmonisch wie an Heiligabend. Der Stress der vergangenen Wochen und die nicht aufgelösten Konflikte scheinen verflogen, wenn wir gemeinsam mit unserer Familie am Esstisch sitzen und im Hintergrund leise besinnliche Musik erklingt. Freudestrahlend packen alle ihre Geschenke aus und freuen sich über die Mühe, die sich die anderen gemacht haben. Und jetzt zurück zur Realität: Dieses Bild, das uns in Werbungen, Serien und Filmen immer wieder präsentiert wird, mag für einige ihrer Lebensrealität entsprechen. Für viele bedeuten diese Tage aber vor allem Streit, Stress und erheblichen Erwartungsdruck. Dreitägiger Stressmarathon Weihnachten sollte ein Fest sein, an dem wir mit den engsten und liebsten Menschen in unserem Leben zusammenkommen. Hört man sich bei Freunden, Bekannten und Kollegen um, verbringen viele diese Zeit zwar mit ihren (Schwieger-)Eltern, Großeltern, Geschwistern, Tanten und Cousins, obwohl diese weder die engsten geschweige denn die liebsten Menschen in ihrem Leben sind. Während die einen Ausreden erfinden, Extraschichten auf der Arbeit annehmen, stehen andere jedes Jahr aufs Neue den dreitägigen Stressmarathon durch – immer in der Erwartung, dass das Streit-Minenfeld jederzeit hochgehen könnte. Auf die Frage danach, wie sie die Weihnachtsfeiertage verbringen, antworten nicht wenige im Freundes- und Bekanntenkreis mit der Nennung mindestens eines Familienmitglieds, bei dem sie leise aufstöhnen und die Augen demonstrativ nach oben rollen. Bei manchen ist es gar der Gedanke an das gesamte Familientreffen, um den Puls steigen zu lassen. Zu oft haben sie beispielsweise ungefragte Erziehungstipps gehört oder politische Diskussionen geführt, die mehr Spaltung als Austausch zur Folge hatten. Weihnachtstage können organisatorisch komplex sein Doch muss es nicht gleich die Erwartung eines Streits, übergriffiger Kommentare oder Fragen nach der Familienplanung sein, die uns wünschen lassen, einmal dem ewig gleichen Prozedere zu entkommen. Patchworkkonstellationen und Fernbeziehungen machen Weihnachtstage ebenfalls organisatorisch komplex. Ein Paar, beide Ende zwanzig, das seit fast zehn Jahren zusammen ist, hat noch nie die Weihnachtsfeiertage gemeinsam verbringen können, obwohl es das gerne würde. Der Grund: Beide Familien wohnen weit voneinander entfernt, und keine von ihnen will an Weihnachten auf das eigene Kind verzichten. Zwischen beiden Familien hin und her zu fahren, ist in der kurzen Zeit unmöglich. Auch dass sie sich aufteilen und eine der Familien zum Beispiel nur wenige Tage vor oder nach den Weihnachtsfeiertagen besuchen, ist offenbar undenkbar. Er sagt: „Wenn wir erst einmal Kinder haben, hat das ein Ende. Dann müssen die alle zu uns kommen.“ Ein Gedanke, den viele junge Paare haben. Die Annahme dahinter: Um Weihnachten selbstbestimmter zu verbringen, brauchen wir eine Rechtfertigung, die kein Gegenargument zulässt. Wenn es um Weihnachten geht, scheinen viele wieder in die Rolle des Kindes zurückzufallen. Es reicht nicht aus, dass wir das Fest anders verbringen möchten als die Jahre zuvor; dass es nicht mehr in unser Leben passt, stundenlang in die Heimat zu fahren, unseren eigenen Haushalt und unsere viel zu lange To-do-Liste zu vernachlässigen, um wieder in unserem alten Kinderzimmer, dem unbequemen Gästebett oder einem überteuerten Hotel zu schlafen, oder dass wir aufgrund des stressigen Berufs mit tagelangen Vorbereitungen überfordert sind, weil das Fest immer bei uns stattfinden muss, da wir am meisten Platz haben. Nein, wir fügen uns, machen das, was von uns erwartet wird, obwohl wir uns eigentlich nach etwas ganz anderem sehnen. Weihnachten mit Freunden Warum tun wir das? Die meisten sagen, sie wollen die anderen nicht verletzen. Und natürlich: Streit vermeiden. Denn an keinem anderen Feiertag im Jahr bietet die Entscheidung, etwas zu verändern, so viel Konfliktpotential wie an Weihnachten. Jeder hat seine eigenen Erwartungen an dieses Fest, damit die klischeebehafteten Weihnachtsfilme in seinem Wohnzimmer zur Wirklichkeit werden – selbst wenn sich jedes Jahr aufs Neue herausstellt, dass das Drehbuch der Realität kein Happy End vorgesehen hat. Immer häufiger entscheiden sich – meist jüngere – Menschen dazu, Weihnachten deshalb mit Freunden zu verbringen. Das Konzept wird als „Friendsmas“ bezeichnet, also eine Mischung aus den englischen Begriffen „Friends“ und „Christmas“. Für einige von ihnen ist dieses Treffen der Lichtblick, der sie den Familienbesuch durchstehen lässt, für andere ist es gleich eine Alternative zum familiären Zusammenkommen. Sich zu priorisieren, bedeutet oft auch, die Bedürfnisse anderer bewusst nicht zu erfüllen. Wir müssen den Eltern mitteilen, dass wir sie nur für zwei Nächte statt eine ganze Woche lang besuchen. Wir sind als Einzige nicht dabei, wenn sich die Familie trifft, und müssen damit rechnen, dass von uns eine Rechtfertigung dafür erwartet wird. Das Unverständnis und vermutlich auch die Enttäuschung der anderen auszuhalten, ist nicht leicht. Jahr für Jahr seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, aber auch nicht. Warum sollte es besser sein, sich selbst zu enttäuschen? An sich selbst zu denken, sollte dabei nicht heißen, alle anderen vor den Kopf zu stoßen. Wie immer in zwischenmenschlichen Beziehungen geht es darum, Kompromisse zu finden. An Weihnachten nicht zu der Familie zu fahren, muss ja nicht bedeuten, sie gar nicht zu sehen. Vielleicht nimmt ein Treffen in der Adventszeit oder in der Woche nach dem Fest uns schon ein wenig Stress ab. Ein ehrliches und offenes Gespräch kann oft viel erreichen. Wichtig ist, dass man sich am Ende nicht selbst aus den Augen verliert. In einem Leben, das immer schneller wird, in dem immer mehr erwartet wird und das einen mit immer neuen Krisen konfrontiert, darf man sich auch einmal eine Pause erlauben. Am Fest der Liebe darf auch ruhig Platz für mehr Selbstliebe sein.