FAZ 18.01.2026
19:10 Uhr

Stress vor Winterspielen: Biathletin Grotian hält dem maximalen Druck stand


Wie im deutschen #Biathlon Sorgen und Nöte kurz vor den Olympischen Spielen in Italien halbwegs erfolgreich verdrängt werden: Selina Grotian schafft die Nominierung, Franziska Preuß trifft wieder besser, und David Zobel rückt ins Team.

Stress vor Winterspielen: Biathletin Grotian hält dem maximalen Druck stand

Auch wenn sie am Wochenende in Ruhpolding nicht auf dem Podium stand, zählte Selina Grotian doch zu den Gewinnerinnen des Biathlon-Weltcups im Chiemgau. Sie verdrängte die dunklen Gedanken in ihrem Kopf, die Olympischen Spiele im Februar könnten ohne sie stattfinden. Weil eine Corona-Infektion vor Weihnachten ihren Zeitplan durcheinandergewirbelt hatte und die Wettkämpfe in Oberhof vor gut einer Woche nicht erfolgreich für sie waren, blieben ihr nur noch zwei Rennen, um die nationale Norm für die Winterspiele in Südtirol zu erfüllen. Maximaler Druck für die erst 21 Jahre junge Biathletin. Doch sie hielt ihm stand. Am Freitag im Sprintrennen erfüllte sie den ersten Qualifikationsteil, indem sie 15. über 7,5 Kilometer wurde, am Sonntag folgte Rang 13 in der Verfolgung. Damit gab sie dem Deutschen Skiverband (DSV) gute Argumente, sie als sechste Frau für die olympischen Biathlonrennen zu nominieren – neben Franziska Preuß, Vanessa Voigt, Janina Hettich-Walz, Anna Weidel und Julia Tannheimer. Sie hatten die Norm schon früher erfüllt. Als Anspannung und Freudentränen einem Lächeln gewichen waren, erzählte Selina Grotian von der Last, die sie seit Dezember mit sich herumgetragen hatte und die über die vergangenen Tage immer schwerer geworden sei: „Ich glaube, ich hatte noch nie so viel Druck, das war unbeschreiblich. Ich konnte nicht mehr schlafen, weil ich so nervös war.“ Viele Telefonate mit ihrer Familie hätten sie aufgebaut und ihr Mut gegeben, doch die hohen Erwartungen an sich selbst belasteten sie sehr: „Man will sich beweisen, dass man es draufhat und es verdient hat, mitzufahren. Dass es jetzt geklappt hat, macht mich überglücklich.“ Normalerweise, das hatte die Bayerin schon nach dem Sprint über sich selbst gesagt, sei sie kein nervöser Mensch. Umso mehr verband sie mit dem Erfolg eine Hoffnung: „Dass ich zu meinem alten Ich zurückkommen kann.“ „Es geht nicht um tolle Weisheiten“ Ein „mentales Spiel“ seien die vergangenen Tage für sie gewesen, in denen nicht nur Eltern und Bruder, sondern auch ihre Trainer als zurückhaltende Psychologen gefragt waren. „Natürlich redet man miteinander“, sagte Bundestrainer Kristian Mehringer, „aber die Athleten sind in so einer Situation schon aufgeregt genug. Da ist es wichtig, Ruhe auszustrahlen.“ Ein, zwei offene Ohren statt kluger Ratschläge können offensichtlich nicht nur Nachwuchssportlerinnen wie Selina Grotian helfen, sondern auch gestandenen Weltmeisterinnen wie Franziska Preuß. Die derzeit beste deutsche Biathletin haderte nach dem Staffelrennen von Ruhpolding, in dem sie am Mittwoch eine Strafrunde hatte drehen müssen, sehr mit ihrem unsicheren Stehendschießen. DSV-Sportdirektor Felix Bitterling berichtete von einem längeren Gespräch, das er und Sverre Olsbu Röiseland, Ko-Trainer der deutschen Frauen, danach mit ihr geführt hätten: „Das hat ihr gutgetan, dass sie was losgeworden ist. Es geht nicht um tolle Weisheiten, sondern ums Zuhören, darum, Mut zuzusprechen.“ Und siehe da: Im Sprint schoss Franziska Preuß fehlerfrei und wurde Fünfte. Ihren Rückstand von 17 Sekunden auf die Siegerin aus Schweden, Hanna Öberg, konnte Preuß im Verfolgungsrennen am Sonntag allerdings nicht mehr wettmachen. Zwei Fehler, einer im Liegen, einer im Stehen, waren zwei zu viel. Sie wurde zum Abschluss Siebte, während ganz vorn die Französin Lou Jeanmonnot trotz eines Fehlers siegte und wieder bewies, dass sie die größte Favoritin auf olympische Einzelmedaillen sein wird. David Zobel beweist, dass er nicht nur Spaßvogel ist „Ich habe schon gesehen, dass nicht viel nach ganz vorn fehlt“, sagte Preuß, „aber heute haben mehrere Teile nicht hundertprozentig gepasst. Da ist das Feld so eng, dass man sich das nicht erlauben kann.“ Die nötige Sicherheit am Schießstand, aber auch eine noch bessere Laufform will sie sich in der kommenden Woche beim Weltcup in der Tschechischen Republik holen, ehe es für sie ins letzte Trainingslager vor den Olympischen Spielen geht, die für die Biathletinnen am 8. Februar beginnen. Die zusätzlichen Rennkilometer sollen ihr den letzten Schliff geben und auch das Selbstvertrauen, dass sie pünktlich zum Saisonhöhepunkt ihre Bestleistung abrufen kann. Zu seinem eigenen Mutmacher wurde David Zobel, der in Ruhpolding ebenfalls noch ein Top-15-Ergebnis für die Olympia-Norm brauchte und die Vorgabe als Neunter im Sprint anstandslos erfüllte. Er bewies, dass er nicht nur der Einpeitscher und Spaßvogel im deutschen Team ist, sondern auch als vierter Mann in der olympischen Staffel gebraucht wird. Vor ihm hatten nur Philipp Nawrath, Philipp Horn und Justus Strelow die Bedingung erfüllt – ein Mann zu wenig für den Teamwettkampf. Doch Zobel behielt in Ruhpolding die Nerven, schoss fehlerfrei und feuerte sich auf den letzten Sprint-Kilometern mit einem Gedanken selbst an: „Komm, der olympische Traum lebt, gib Gas.“ 2022 war er noch Ersatzmann bei den Winterspielen von Peking gewesen, nun stehen dem 29 Jahre alten Bayern die ersten olympischen Rennen seines Lebens bevor. Trotz seiner Glanzleistung am Schießstand betrug sein Rückstand auf den Sieger aus Schweden, Sebastian Samuelsson, 48 Sekunden, eine zu große Hypothek, um im Verfolgungsrennen am Sonntag noch große Sprünge nach vorn zu machen. Stattdessen wurde Zobel mit zwei Schießfehlern 15. Als bester Deutscher belegte Philipp Nawrath nach drei Strafrunden Rang zehn hinter dem Sieger aus Norwegen, Johannes Dale-Skjevdal. Während der DSV bei den Frauen nun alle sechs Quotenplätze für die Winterspiele in Antholz besetzen kann, ist der fünfte Platz bei den Männern weiter offen. Weder Johannes Kühn noch Danilo Riethmüller oder Lucas Fratzscher nutzten in Ruhpolding die Chance, sich mit einem Top-acht-Ergebnis direkt zu qualifizieren.