FAZ 20.01.2026
18:09 Uhr

Streitpunkt Grönland: Kann Rutte Trump umstimmen?


Die NATO hat einen neuen Deal vorbereitet, um Trump zu besänftigen. Die F.A.Z. hat Details erfahren: Es geht auch um den Besitz von Militärbasen in Grönland.

Streitpunkt Grönland: Kann Rutte Trump umstimmen?

Mark Rutte bleibt sich treu. Bevor sich der NATO-Generalsekretär an diesem Mittwoch mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump in Davos trifft, hat er ihn abermals mit Lob überhäuft – für dessen Bemühungen um einen Waffenstillstand in Syrien, nachdem dort abermals Kämpfe aufgeflammt waren. „Was Sie in Syrien erreicht haben, ist unglaublich“, schrieb Rutte dem US-Präsidenten in einer Textnachricht, die dieser umgehend mit einem Dank an den Absender veröffentlichte. Er werde seine Medientermine in Davos nutzen, so Rutte weiter, um Trumps Arbeit in Syrien, in Gaza und in der Ukraine hervorzuheben. Außerdem wolle er nach einem Ausweg in Sachen Grönland suchen. „Ich kann es kaum erwarten, Sie zu sehen“, so endet die Nachricht, die an eine Botschaft erinnert, die Rutte dem US-Präsidenten kurz vor dem NATO-Gipfel in den Haag im vorigen Jahr zukommen ließ. In der Allianz selbst hat man sich an diese Art der Kommunikation gewöhnt. Rutte müsse als Generalsekretär den Laden zusammenhalten, heißt es zur Erläuterung. Deshalb könne er keine öffentliche Kritik üben. Allerdings verwies ein Diplomat auch darauf, dass es nun Zeit sei, dass der Generalsekretär das politische Kapital einsetze, das er mit seiner Lobhudelei angesammelt habe. Rutte, so die Erwartung, soll Trump von seinen Zolldrohungen gegen acht europäische Staaten abbringen, die sich für die Sicherheit Grönlands einsetzen wollen. Und er soll Trump dessen territoriale Ansprüche auf die zu Dänemark gehörende Insel ausreden – indem er ihm einen neuen Deal vorschlägt. Trump verneint einen NATO-Einsatz zumindest nicht Wie dieser Deal aussehen könnte, darüber haben der dänische Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen und die grönländische Außenministerin Vivan Motzfeldt am Montagnachmittag mit Rutte beraten. „Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Zeit“, schrieb Lund Poulsen anschließend auf der Plattform X. Man sei mit einer gemeinsamen Botschaft nach Brüssel gekommen, wo beide auch die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und die Verteidigungsminister der nordischen Länder trafen, nämlich: „dass eine gemeinsame NATO-Mission in Grönland eingerichtet werden muss“. Also nicht bloß, wie jetzt, eine erhöhte Präsenz dänischer Soldaten, die im Rahmen einer Übung von einigen europäischen Partnern unterstützt werden. Sondern ein Einsatz nach dem Vorbild der Überwachungsmissionen in der Ostsee und im Baltikum – mit NATO-Flagge. Einen solchen Plan hatten die Mitgliedstaaten am 8. Januar im Nordatlantikrat erörtert und Rutte um Prüfung gebeten. Er soll sogar schon mit dem Oberbefehlshaber der Allianz für Europa abgestimmt gewesen sein, wie die F.A.Z. erfuhr. Alexus Grynkewich hätte das Recht, Truppen der Verbündeten für eine solche „enhanced vigilance activity“ einzusetzen, ohne dass der NATO-Rat das formal beschließen muss. Allerdings trägt der Viersternegeneral zwei Hüte und ist zugleich Oberbefehlshaber der US-Truppen in Europa. Deshalb galt es zuerst, das Weiße Haus zu überzeugen. Als Trump vor einer Woche von einem Reporter gefragt wurde, ob er sich einen solchen NATO-Einsatz vorstellen könne, reagierte er ausweichend. Das würde nicht viel ändern, antwortete er – was immerhin kein Nein war. Allerdings preschten Dänemark und dessen Unterstützer dann mit bilateralen Zusagen vor, die kurz vor dem Treffen zwischen US-Vizepräsident J. D. Vance und den Außenministern Dänemarks und Grönlands in Washington veröffentlicht wurden. Das war gut orchestriert. Zuerst kündigte Dänemark eine Verstärkung seiner Kampftruppen in Grönland an, dann meldeten sich Stunde für Stunde weitere Verbündete für eine Erkundungsmission: Schweden, Norwegen, Frankreich und Deutschland. Bislang sind die Amerikaner nur zu Gast Das sollte ein doppeltes Signal senden. Zum einen, explizit, dass die Europäer bereit sind, angesichts der wachsenden Bedrohung durch Russland und China mehr für die Sicherheit in der Arktis zu tun. Zum anderen, implizit, dass Trump sich in einen Konflikt nicht bloß mit Dänemark, sondern mit den europäischen Führungsnationen begeben würde, falls er sich Grönland gewaltsam aneignet. Diese zweite Botschaft kam auch deutlich bei Trump an – er reagierte darauf mit seinen Strafzoll-Ankündigungen. Allerdings ging die andere Botschaft offenbar komplett an ihm vorbei. Der britische Premierminister Keir Starmer erinnerte Trump am Sonntagabend in einem Telefonat daran. Wie der Fernsehsender Sky News am Montag berichtete, gestand der US-Präsident daraufhin ein, er sei möglicherweise über die militärische Aufklärungsmission mehrerer europäischer NATO-Partner in Grönland „nicht richtig informiert“ gewesen. Das könnte ihm und allen Beteiligten einen gesichtswahrenden Ausweg ebnen, so wird es auch bei der NATO gesehen. Zumal intern noch über ein weiteres Element nachgedacht wird, mit dem die NATO und Dänemark Trump entgegenkommen könnten. Nach F.A.Z.-Informationen gibt es Überlegungen, den USA Militärstützpunkte in Grönland förmlich zu übertragen. Bisher sind US-Soldaten auf dem Weltraum-Stützpunkt Pituffik, der früheren Thule Air Base, nur zu Gast. Im Abkommen zwischen Dänemark und den USA zur Verteidigung Grönlands, das von 1951 stammt, ist festgelegt, dass über Stützpunkten zur Verteidigung die Flagge beider Länder weht. Dänemark übt darüber Souveränität aus, auch wenn es den USA im Einzelfall Sonderrechte übertragen kann und ihnen einen freien Zugang zu Grönland gewährt. Den USA gehören die von ihnen errichteten Anlagen. Nach einem Abzug müssen sie die Einrichtungen im ursprünglichen Zustand hinterlassen. Im Jahr 2004 wurde das Abkommen ergänzt. Demnach dürfen die USA ihre militärische Präsenz signifikant verändern, wenn sie die Regierungen Dänemarks und Grönlands darüber vorab informieren und konsultieren. Speaker Johnson lobt Premierminister Starmer Dadurch ändert sich aber nichts an der Miet-Logik, die der Immobilientycoon Trump vehement ablehnt. Da die USA in Grönland ihre nationale Sicherheit verteidigen und Trump dort das Raketenabwehrsystem „Golden Dome“ errichten will, könnte Dänemark ihm aber entgegenkommen und eine Besitzübertragung anbieten. Das wäre nicht bloß für Pituffik, sondern auch für weitere Stützpunkte denkbar. Im Kalten Krieg unterhielten die USA insgesamt 17 Einrichtungen auf Grönland und waren mit rund 10.000 Soldaten präsent. Die Regierung in Kopenhagen hat deutlich gemacht, dass sie mit einem verstärkten Engagement der USA einverstanden sei. Derlei interne Überlegungen erklären womöglich auch, warum sich der Sprecher des amerikanischen Repräsentantenhauses, Mike Johnson, am Dienstag in London überzeugt zeigte, dass in der Grönlandfrage eine gemeinsame Lösung gefunden werden könne, „wie wir immer eine Lösung gefunden haben“. Johnson hatte zuvor in einem Fernsehinterview beteuert, er halte eine militärische Aktion amerikanischer Streitkräfte zur Einverleibung Grönlands für ausgeschlossen. In einer Rede vor Abgeordneten des britischen Parlaments lobte er ausdrücklich den britischen Premierminister Keir Starmer für dessen Rede am Vortag, in der Starmer Widerstand gegen Trump markiert hatte. Starmer hatte am Montag Trumps Zoll-Drohungen gegen jene Europäer, die sich gegen seine Grönland-Pläne wendeten, als „kompletten Fehler“ bezeichnet, dabei jedoch auf eine Drohung mit Gegenzöllen verzichtet. Johnson sagte, der britische Premierminister habe das „gut gemacht“ und „lösungsorientiert“ gehandelt. Johnson fuhr fort, er habe später ein längeres Telefonat mit Trump geführt und ihm erläutert, dass er es während seines Aufenthaltes in London als seinen Auftrag ansehe, „die Wogen zu glätten“.