FAZ 13.02.2026
12:39 Uhr

Streit um Shorttrackerin: Ist Rekordhalterin Arianna Fontana italienisch genug?


Niemand gewann mehr Olympia-Medaillen für Italien als Shorttrackerin Arianna Fontana. Zur Nationalheldin taugt sie trotzdem nicht. Sogar Teamkollegen kritisieren sie scharf.

Streit um Shorttrackerin: Ist Rekordhalterin Arianna Fontana italienisch genug?

Sie musste zweimal den olympischen Rekord unterbieten und im Finale eine gewagte Abwehrfahrt meistern, dann war es so weit: Silber über 500 Meter Shorttrack. Damit ist Arianna Fontana – gemessen an der Anzahl der Medaillen – die erfolgreichste Athletin Italiens bei Olympischen Spielen. Mit ihrem dreizehnten Edelmetall egalisierte sie den Rekord von Fechter Edoardo Mangiaroti. Eine erhabene Gestalt des Sportes vom Apennin – sollte man meinen. Doch ausgerechnet aus den eigenen Reihen kommen Zweifel. Nach dem Mixed-Team-Wettbewerb am Dienstag – die „Azzurri“ gewannen Gold – äußerte sich Teamkollege Pietro Sighel kritisch in der italienischen Zeitung „La Repubblica“: „Wer kennt schon Arianna Fontana? Seit acht Jahren trainiert sie im Ausland. Mit ihr sind wir sicherlich kein Team – abgesehen von den zweieinhalb Minuten auf der Bahn.“ „Die wirklich Guten sind unsere Mädchen“ Fontana lebt (und trainiert) seit einigen Jahren in den USA und Kanada, wo ihr Mann, der amerikanisch-italienische frühere Shorttracker Anthony Lobello Jr., sie coacht. Sighels Vorwurf: Sie sei bereits so lange fort, was sei an ihr noch italienisch? Und was gibt sie dem italienischen Sport zurück? „Die wirklich Guten sind unsere Mädchen, die es geschafft haben, ein Team zu bilden und auch ohne sie zu wachsen“, behauptete Sighel. Für die italienischen Zuschauer war damit ein pikantes Fernduell gesetzt. Denn in abwechselnder Reihenfolge maßen sich am Donnerstag die Frauen über 500 sowie die Herren über 1000 Meter. Mit dabei: Pietro Sighel auf der Jagd nach seiner ersten Einzelmedaille. Fontana war zuerst gefordert. Sie lief olympischen Rekord, nur überboten von der Niederländerin und späteren Siegerin Xandra Velzeboer. Sighel wiederum lag in der letzten Kurve seines Rennens aussichtsreich auf Rang drei, musste jedoch einen weiteren nach vorne rücken, um im Wettbewerb zu verbleiben. Nun kommt es beim Shorttrack nicht nur auf die Geschwindigkeit, sondern auch auf kluge Entscheidungen, Cleverness und Wagnis an. In jeden noch so kleinen Spalt zwischen Schlittschuh und Streckenbegrenzung gilt es, die eigene Kufe zu zwängen, um Platz für ein Überholmanöver zu öffnen. Insbesondere in den Kurven wirkt es, als würden bis zu drei Gegner auf der Fläche eines Bierdeckels skaten. Sighel versuchte sich an diesem Kunststück – und wagte zu viel. Es schleuderte ihn aus der Bahn in die Schaumstoffbanden. Fontana gewann also das Fernduell auf dem Eis – von dem sie nichts mitbekommen haben will. „Ich muss das noch lesen, falls ich das denn wirklich lesen möchte. Wenn es dann eine Antwort verlangt, werde ich sie geben.“ Die Brisanz hinter dem Teamzwist ist dem italienischen Verband wohl bewusst: Man möge sich doch bitte über das Sportliche unterhalten, sagte der Presseattaché. Die Gründe, auf der anderen Seite des Atlantiks zu trainieren, seien auch im Sport zu finden, sagt Fontana. „In Italien haben wir keinen Ort, an dem wir sowohl Shorttrack als auch die Langdistanz trainieren können.“ Ihr Ziel war es, in beiden Disziplinen antreten zu können: „Sowohl das US- als auch das kanadische Team haben verstanden, was ich tun wollte. Und mein Mann war so ziemlich das Genie hinter meiner Vorbereitung.“ Die Mixtur aus sportfokussierter Mentalität und perfekt aufeinander abgestimmten Anlagen hat neben Fontana auch andere italienische Sportstars ins Ausland getrieben, etwa Marcel Jacobs und Thomas Ceccon, Olympiasieger im 100-Meter-Sprint und im Schwimmen. Das Phänomen kennt man auch in Deutschland. Zehnkampf-Weltmeister Leo Neugebauer, Langstreckenläuferin Konstanze Klosterhalfen oder Schwimmerin Anna Elend: Sie alle trainieren in Übersee, weil sie dort bessere Bedingungen vorfinden. Fontana wirkte durch ihr Training wie entfesselt. Im Halbfinale verbesserte sie abermals den olympischen Rekord – und das mit 35 Jahren. Doch auch die Niederländerin Velzeboer steigerte sich – und lief Weltrekord. „Es ist so ausgegangen, wie es ausgehen musste“ Der befreite Auftritt scheint jedoch noch andere als rein athletische Gründe zu haben. Vor und nach den Spielen in 2022 in Peking hatte sich Fontana beklagt, ihr Mann würde als Coach vom Verband nicht ausreichend anerkannt. Schwerwiegender war jedoch der Vorwurf, die zwei Teamkollegen Tommaso Dotti und Andrea Cassinelli, der auch in Milano-Cortina an den Start geht, hätten sie absichtlich im italienischen Trainingsort Courmayeur zu Fall gebracht. Die Causa kulminierte 2023 in einer Erklärung Fontanas, vollständig mit Verband und Trainerteam zu brechen. Etwas, das Teamkollege Sighel ihr offenbar nachträgt: „Es ist so ausgegangen, wie es ausgehen musste, eigentlich hätte es gar nicht erst beginnen dürfen: Die beiden Jungs wurden 2024 freigesprochen, weil sie die Tat nicht begangen haben.“ Journalisten befürchteten in ihren Publikationen, Fontana würde gar die Staatsbürgerschaft wechseln. „Alle Optionen liegen auf dem Tisch, auch jene, von denen ich nie gedacht hätte, sie in Betracht zu ziehen“, schrieb sie in Sozialen Medien. Selbst der Sportminister schaltete sich ein. Fontana blieb Italienerin und gewann als solche die nächste Olympia-Medaille. Zwar musste sie Velzeboer ziehen lassen, spielte aber in der atemlosen Schlusskurve ihre Erfahrung aus und schloss jede noch so kleine Lücke, durch die man sie hätte passieren können. Silber für eine herausragende Defensivleistung. Fontana sprang zu Mann und Trainer über die Bande, in Tränen aufgelöst. Als sie den Helm abnahm und in die Kamera winkte, war klar: Für das Publikum, das sie lauthals feiert, ist sie italienisch genug. Vom Eis gleitete sie mit wehender Tricolore.