Italiens Rechte will ihrer Vorstellung vom richtigen Leben intellektuelle Würde verleihen. Sie hat deshalb schon Antonio Gramsci, Autor und Gründer der Kommunistischen Partei Italiens, zu einem ihrer Vordenker erklärt. Wie man dessen Konzept der kulturellen Hegemonie neu und für eigene Ziele interpretieren könnte, darüber schrieb Melonis Kulturminister Giuli das Buch „Gramsci è vivo“ (Gramsci lebt). Die Aufregung über den intellektuellen Übernahmeversuch ist inzwischen wieder abgeflaut. Ein Bestseller wurde das Werk des Kulturministers nicht. Er hat sich mittlerweile einer anderen Persönlichkeit zugewandt, die einen äußerst hohen Symbolwert in Italien besitzt, nämlich Pier Paolo Pasolini. Die Rechte zeigt sich schon lange von ihm fasziniert. Schließlich war Pasolini ein radikaler Antimodernist, kritisierte den Neokapitalismus und die Homogenisierung der Kultur und lobte die vormoderne Welt als authentisch. Meloni zitiert Verse Pasolinis in ihrer Biographie. Dass aber ausgerechnet er, der zu Lebzeiten wegen seiner politischen Ansichten und seiner Homosexualität eine Zielscheibe faschistischer Rechter war und den Konsumismus als neue Form des Faschismus kritisierte, nun der neue Vorzeige-Konservative der Rechten sein soll, war trotzdem kaum vorstellbar. Feindseligkeit gegenüber dem Mussolini-Regime Den Startschuss für den Umdeutungsversuch gab Federico Mollicone, Vorsitzender des Kulturausschusses der Kammer und Abgeordneter von Melonis „Brüder Italiens“ in der Zeitung „Il Foglio“. Pasolini sei ein „überzeugter Faschist“ gewesen, sagte der rechte Politiker dort mit Verweis auf Pasolinis Mitwirken in faschistischen Studentengruppen sowie dessen temporäre Zusammenarbeit mit faschistischen Magazinen. In Italien ist das widersprüchliche Verhältnis des jungen Pasolini zum Faschismus hinlänglich bekannt. Liest man aber in seinen Werken, versteht man auch, dass diese unmittelbare Erfahrung mit dem Faschismus ihn nicht für die Themen der Rechten einnahm, sondern in eine tiefe Feindseligkeit gegenüber dem Regime mündete. Es folgten hitzige Debatten. Eine rechte Stiftung lud zu einer Konferenz im Senat mit dem provokanten Titel „Pasolini conservatore“ (Pasolini, der Konservative) ein. Der Senatspräsident Ignazio La Russa kam als Ehrengast, fast alle Redner beteuerten, man wolle Pasolini weder annektieren noch in den Pantheon der „Brüder Italiens“ aufnehmen. Im Dezember wirkte das allerdings schon wieder anders. Beim Atreju-Festival, dem alljährlichen nationalen Fest der Partei, das von einem Jugendtreffen mit Hobbit-Kostümen zu einem bedeutenden Großereignis geworden ist, bei dem schon Elon Musk auftrat, wurde Pasolini eine Nähe zu Gabriele D’Annunzio nachgesagt, und es wurden Parallelen zwischen ihm und dem japanischen Schriftsteller Mishima Yukio, einer Ikone der extremen Rechten, gezogen. Abermals hieß es, man wolle Pasolini nicht in das eigene Pantheon aufnehmen. Man wolle ihn nur „aus dem Gefängnis der Linken befreien“. Pasolini ein Gefangener der Linken? Auf Grundlage von Werkauszügen und biographischen Episoden wird versucht, Analogien zu rechtem Gedankengut nachzuweisen. Man schafft Verbindungen zwischen Politik und Kultur, aber es wirkt so grob und oberflächlich, dass dem kaum eine ernste Strategie zugrunde liegen kann. Italiens Rechte hat eigentlich genügend intellektuelle Gewährsleute wie Marinetti oder D’Annunzio, auf die sie sich berufen kann. Doch worum geht es dann? Soll einer Ikone der Linken, die einen Gegenentwurf verkörpert, die Strahlkraft genommen werden, indem man sie dem Verdacht aussetzt und so gewissermaßen mit brauner Soße bekleckert? Oder soll Empörung provoziert werden, die Aufmerksamkeit verspricht und linke Kritiker wie engstirnige Gralshüter aussehen lässt? Zuletzt meldete sich Dacia Maraini zu Wort. Die 89-jährige Grande Dame der Literatur verband eine tiefe Freundschaft mit Pasolini. Er sei weder ein Reaktionär noch ein Konservativer gewesen, sagte sie gegenüber der Zeitung „La Stampa“: „Er war ein Anarchist, und man muss nur seine Gedichte lesen, um das zu erkennen. Er war gegen jede Form von Macht, im anarchistischen und nicht im konservativen Sinne.“
