FAZ 20.01.2026
08:01 Uhr

Streit um Grönland: Ist Russland der lachende Dritte?


Die Propagandisten des Kremls genießen den Streit zwischen Europa und den USA. Sie sehen eine neue Weltordnung heraufziehen – in der Moskau zu den Siegern gehört.

Streit um Grönland: Ist Russland der lachende Dritte?

Was Wladimir Putins Sprecher zum Streit über Grönland zu sagen hatte, war nichtssagend. Man beobachte das Geschehen genau; wenn Trump Grönland an die USA anschließe, gehe er zweifellos in die Geschichte ein – „ohne Bewertung, ob das gut oder schlecht ist“, sagte er am Montag. „Und was unsere Pläne in Bezug auf Dänemark und Grönland angeht, das lasse ich unkommentiert.“ So etwas ist nicht ungewöhnlich: Putin positioniert sich bei neuen politischen Entwicklungen ungern schnell. Aber der Blick in russische Staatsmedien lässt ahnen, dass man im Kreml glaubt (oder glauben machen will), Russland sei im Streit zwischen Donald Trump und den Europäern um Grönland der lachende Dritte. Seit Tagen wiederholen die Kommentatoren der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti in vielen Formulierungen den Gedanken, dass der Westen tot und die Allianz zwischen Europäern und den Vereinigten Staaten unwiederbringlich zu Ende gegangen sei. Man sehe, wie gerade eine neue Weltordnung entstehe, in der die EU keine Bedeutung mehr habe: „Die Konturen der künftigen wirtschaftlichen Weltordnung und des politischen Systems der Welt werden heute von Moskau, Peking und Washington erörtert. Die Meinung Brüssels liegt im Papierkorb“, heißt es etwa in einem Kommentar von Anfang voriger Woche mit der Überschrift „Grönland kommt uns zu Hilfe“. Die angebliche Schwäche der Europäer ist seit langem ein beständiges Thema der russischen Propaganda. In einem bei Ria Nowosti zum Jahresanfang erschienenen langen Aufsatz mit dem Titel „Geopolitische Geschichte: Womit Russland in das Jahr 2026 eingetreten ist“ wird versucht, mit vielen historischen und kulturellen Beispielen zu belegen, dass die USA und Russland letztlich mehr miteinander gemeinsam hätten als die Länder des bisherigen Westens untereinander. Über die amerikanische Sicherheitsstrategie heißt es darin, „man kann sich dem Eindruck kaum erwehren, dass Trumps Strategie irgendwie den Richtlinien unserer Konzeption der Außenpolitik folgt“. Die „tief symbolische Bedeutung“ des Treffens der Präsidenten Trump und Putin im August 2025 in Alaska liege darin, dass beide Seiten sich die Aufgabe gestellt hätten, die aus dem 20. Jahrhundert geerbten ideologischen Belastungen in den russisch-amerikanischen Beziehungen zu überwinden. Russland mit den Rechten eines Siegers Das bedeutet nicht, dass man in Moskau ein Zeitalter der Harmonie zwischen Russland und den Vereinigten Staaten aufziehen sieht. Das Gegenteil ist der Fall: Man erwartet „eine neue Welt, in der Stärke und die Fähigkeit des Staates entscheidend sein werden, seine Ziele zu behaupten“. In einer solchen Welt sieht sich das russische Regime gut aufgehoben. Der damals noch einige Westen habe versucht, nach der Zerstörung der Sowjetunion auch Russland zu unterwerfen: „Aber Russland ist nicht auseinandergefallen. Stattdessen ist der Westen auseinandergefallen“, hieß es in einem der Kommentare bei Ria Nowosti vorige Woche. „Russland hat in schweren Kämpfen seine Kraft und Macht bekräftigt“, heißt es darin weiter. „Deshalb versucht Präsident Trump heute im Dialog mit Präsident Putin, das Schicksal der Welt zu entscheiden.“ Mit dem Krieg gegen die Ukraine „hat sich Russland einen globalen Sieg gesichert“. Zwar sei noch nicht klar, wie die Welt aussehe, die gerade auf den Trümmern der alten Welt entstehe. „Eines ist klar: Unser Land wird darin eine führende Rolle spielen. Mit dem Recht des Siegers.“ Für den weltpolitischen Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten ist Russland nach Darstellung der Kremlpropagandisten sehr gut aufgestellt – die dabei freilich die immensen wirtschaftlichen und demographischen Schwierigkeiten ihres eigenen Landes ignorieren. In ihrer Wirklichkeit ist nicht nur Europa wirtschaftlich am Boden (dessen Wirtschaftskraft die Russlands in Wirklichkeit um ein Vielfaches übersteigt); sie sehen auch die Vereinigten Staaten in einer tiefen Krise, in die sie von den „liberal-globalistischen Kräften“ und dem „tiefen Staat“ geführt worden seien. Dem amerikanischen Versuch, Grönland zu kontrollieren, könne man ruhig zusehen, denn die Vereinigten Staaten hätten für die Kontrolle des arktischen Meeres „und sei es nur eine hypothetische, überhaupt keine Hebel“. Schließlich fehle es den USA im Gegensatz zu Russland an einer eismeertauglichen Flotte: „Während die Amerikaner in der Welt die ,Ideen von Fortschritt und Demokratie‘ vorangetrieben haben, hat Russland Eisbrecher gebaut.“ Ein „verendender Hegemon“ Vor allem aber diagnostizieren die russischen Staatsmedien den USA eine tiefe innere Krise. Sie sehen das Land seit Jahren am Rande eines neuen Bürgerkriegs – die ausführlich kommentierten Demonstrationen in Minneapolis dienen als jüngster Beleg dafür. Und gleichzeitig führe Trumps Vorgehen dazu, dass sich die Länder der Welt nicht mehr im Kielwasser der Vereinigten Staaten bewegen wollten, sondern Bündnisse gegen Washington bildeten, hieß es in einem Kommentar wenige Tage nach dem amerikanischen Eingreifen in Venezuela. So wie das britische Imperium am Vorabend des Ersten Weltkriegs seien die Vereinigten Staaten ein „verendender Hegemon“. Die Briten hätten versucht, ihren Niedergang aufzuhalten, indem sie zwei Weltkriege organisiert hätten – und dabei am Ende alles verloren. In dieser historisch unsinnigen Behauptung klingen auch von Putin selbst bemühte Theorien der sowjetischen Geschichtsschreibung nach, mit denen der Hitler-Stalin-Pakt gerechtfertigt wurde. Es gebe nur eine Chance für die Vereinigten Staaten, diesem Abgrund zu entgehen: die Zusammenarbeit mit Russland und China, die den gegenwärtigen Gefahren mit einer gemeinsamen Strategie begegneten.