FAZ 29.01.2026
19:59 Uhr

Streit über Teilzeit: „Ohne Teilzeit wären wir in der Personalplanung unflexibler“


Die Pläne in der CDU, das Recht auf Teilzeit einzuschränken, sehen viele Arbeitgeber kritisch. Sie erkennen auch Vorteile, wenn Arbeitszeit reduziert wird, und haben andere Wünsche.

Streit über Teilzeit: „Ohne Teilzeit wären wir in der Personalplanung unflexibler“

Für die Ärztin in einer Klinik aus dem Frankfurter Umland steht fest: „Würde ich gezwungen, Vollzeit zu arbeiten, würde ich kündigen.“ Mit „Lifestyle-Teilzeit“, wie sie derzeit nach einem Vorstoß der CDU-Mittelstandsunion diskutiert wird, hat das für die Medizinerin nichts zu tun. Die Endfünfzigerin sagt, sie brauche ihre Dreieinhalb-Tage-Woche, weil sie die Belastung im Alltag als sehr hoch empfinde und sich außerdem um ihren betagten Vater kümmern wolle. Ein Einzelfall ist das nicht. Aus einem Frankfurter Krankenhaus ist zu erfahren, dass mehr als die Hälfte der rund 2000 Beschäftigten nicht in Vollzeit arbeitet. Das liegt wohl auch daran, dass das Gros davon Frauen mit familiären Verpflichtungen sind. „Stress“ wird in den Gesundheits- und Pflegeberufen oft als Grund dafür genannt, warum der Anteil der Teilzeitbeschäftigten in der Branche hoch ist. „Pflegefachpersonen sind besonders hohen psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt: Zeitdruck, hohe Arbeitsverdichtung, emotionale Anforderungen, Nacht- und Schichtarbeit“, erläutert Sonja Driebold, die bei der Diakonie Hessen das Ressort Gesundheit, Alter, Pflege leitet. Sie ergänzt: „Empirische Untersuchungen zeigen, dass Teilzeit bewusst als Strategie genutzt wird, um notwendige Regeneration zu ermöglichen und überhaupt im Beruf bleiben zu können.“ Daher sieht man bei dem Träger vieler Pflege- und Kinderbetreuungseinrichtungen, bei dem etwa ein Drittel der Belegschaft in Teilzeit arbeitet, eine Abschaffung des Rechtsanspruchs als Gefahr. „Das könnte den Fachkräftemangel sogar noch verschärfen“, so Driebold auf F.A.Z.-Anfrage. „Keine Komfortentscheidung“ Ganz ähnlich äußert sich die BVZ GmbH, die in Frankfurt knapp 150 Kindertagesstätten betreibt. 54 Prozent der 2200 Beschäftigten arbeiten laut einer Sprecherin in Teilzeit. Für die meisten sei dies „keine Komfortentscheidung, sondern Voraussetzung, um den anspruchsvollen Berufsalltag langfristig gesund bewältigen zu können“. Zumal bei der Kinderbetreuung „stete Aufmerksamkeit und Teilhabe“ gefordert und die Arbeit im Homeoffice nur „minimal für wenige Vorbereitungszeiten möglich“ sei. Von den 2200 BVZ-Beschäftigten seien gut 80 Prozent Frauen, eine Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit berge die Gefahr, dass „noch mehr Fachkräfte den Beruf verlassen oder sich gegen einen Einstieg entscheiden“. Die Sorge, dass ohne Teilzeitangebote Fachkräfte fehlen würden, gibt es nicht nur im Sozial- und Gesundheitswesen. Auch Lars Witteck, Vorstandssprecher der Volksbank Mittelhessen, meint, dass Teilzeitangebote helfen, Fachkräfte zu halten. „Ich gehe davon aus, dass uns deutlich weniger zur Verfügung stünden, wenn wir diese Angebote nicht hätten“, sagt er. Im Geschäftsgebiet der Volksbank zwischen den Ballungsräumen Frankfurt und Kassel sei es ohnehin nicht leicht, qualifiziertes Personal zu finden. „Ohne Teilzeitangebote wären wir in der Personalplanung viel unflexibler“, so der Bankchef. Er geht davon aus, dass die meisten Teilzeitbeschäftigten seines Hauses aus familiären Gründen keine volle Stelle wollen. Aber auch wenn Beschäftigte aus anderen Motiven ihre Arbeitszeit reduzierten, gebe es  keinen Grund, das Anrecht einzuschränken. Entscheidend sei nicht, warum jemand weniger arbeite, sondern dass diejenigen, die das täten, es meist mit „übergroßem Engagement“ dankten. „Lieber über Flexibilisierung der Arbeitszeit sprechen.“ Flexibilität ist auch der Grund, warum Andreas Schmitt auf Teilzeit setzt. Der Unternehmer beschäftigt in seiner Backwaren-Kette „Café Ernst“ mit mehr als 20 Filialen rund 300 Personen. Mehr als die Hälfte seiner Mitarbeiter hat keine Vollzeitstelle. „Wir bieten rund 140 verschiedene Teilzeitmodelle“, sagt er mit Augenzwinkern. Das sei auch notwendig, um die Schichten so zu organisieren, dass auch Stoßzeiten gut bewältigt werden könnten – immerhin müssten die Filialen an sieben Tagen in der Woche mit frischen Backwaren beliefert werden, einige seien zwölf Stunden und mehr geöffnet. „Statt über die Teilzeit zu diskutieren, sollte man lieber über die Flexibilisierung der Arbeitszeit sprechen“, sagt Schmitt. Das würde beispielsweise ermöglichen, die Wochenarbeitszeit auf vier Tage zu verteilen, oder auch auf sieben halbe. Das sei aber aufgrund der Ruhezeitregelungen derzeit kaum möglich. Schmitt kritisiert auch, dass im Arbeitszeitgesetz bei mehr als sechs Stunden Arbeitszeit eine halbe Stunde Pause vorgeschrieben ist – weil diese den Arbeitstag insgesamt verlängere, entschieden sich einige Mitarbeiter, nur sechs Stunden zu arbeiten. Zustimmung für eine Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit kommt von der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände (VhU). „In unseren Betrieben werden Tag für Tag einvernehmlich sehr gute Lösungen zwischen Beschäftigten, Betriebsräten und Arbeitgebern zur maßgeschneiderten Arbeitszeitgestaltung gefunden“, sagt VhU-Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert. Gesetzliche Ansprüche auf Teilzeit seien nicht erforderlich und führten in Einzelfällen zu vermeidbaren administrativen Aufwänden im Unternehmen. Furcht vor mehr Bürokratie Personalexperten warnen allerdings, dass ein Wegfall des Teilzeitanspruchs mit Ausnahmen für Kinderbetreuung und Pflege zu noch mehr Bürokratie führen könnte. „Dann müssen wir jeden Einzelfall überprüfen“, sagt eine Frankfurter Personalchefin. Weil die Notwendigkeit der Teilzeit oft mit familiären Verpflichtungen begründet wird, fordert der Handelsverband, der Staat müsse vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter verbessern. „Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Kinderbetreuung an allen Werktagen nach 17 Uhr, inklusive der Samstage, noch immer nicht der Standard in Deutschland ist“, so Steven Haarke, HDE-Geschäftsführer für Arbeit und Soziales. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels nimmt die Bereitschaft von Arbeitgebern, Teilzeit anzubieten, offenbar zu. Gezielt nach Teilzeitkräften gesucht wird aber nur recht selten. Nach Angaben der hessischen Arbeitsagenturen waren dort im Januar 61 Prozent der Stellen in Vollzeit ausgeschrieben, gut 13 Prozent in Teilzeit und rund 25 Prozent mit beiden Möglichkeiten, das entspricht auch dem Schnitt des Jahres 2025. Bei den Arbeitslosen waren es nur zwölf Prozent, die eine reine Teilzeitstelle suchten, während 34 Prozent Vollzeit wollten und die übrigen für beides offen waren. Nach einer für die F.A.Z. erstellten Analyse von Printanzeigen, Jobportalen und Firmenwebsites in der Stellenanzeigen-Datenbank der Index-Gruppe zeigt sich, dass von 2019 bis 2025 der Anteil der Teilzeitstellen am Gesamtangebot zwischen sieben und acht Prozent lag und sich nicht wesentlich verändert hat. Im Jahr 2025 waren es nur 7,6 Prozent aller Stellenangebote in Hessen. Auch Lars Witteck sagt, die Volksbank schreibe Stellen nicht in Teilzeit aus. Das sei vielmehr Verhandlungssache. Für seine Café-Ernst-Filialen sucht Andreas Schmitt indes oft gezielt nach Teilzeitkräften. „Mittel, um Eltern oder Ältere zu gewinnen“ Virginia Sondergeld, Ökonomin beim Personalvermittler Indeed, sagt: „Während die Suche nach Teilzeitstellen auf Arbeitnehmerseite konstant bleibt, sehen wir auf Arbeitgeberseite eine andere Dynamik: Die Nachfrage nach Teilzeitkräften ist seit 2020 deutlich stärker angestiegen als der Gesamtmarkt.“ Das zeige, dass Teilzeit kein reiner Arbeitnehmerwunsch sei. Vor allem in sogenannten Engpassberufen nutzten Arbeitgeber Teilzeit als strategischen Hebel gegen den Fachkräftemangel. „Sie bieten gezielt reduzierte Stunden an, um potentiell verfügbare Arbeitskräfte, zum Beispiel Eltern oder Ältere, die nicht Vollzeit arbeiten können oder wollen, überhaupt für sich zu gewinnen.“ Ein weiterer Faktor könnte sein, dass viele Teilzeitkräfte sich gerade im Gesundheitssektor flexibler bei der Schichtplanung einteilen ließen als Vollzeitkräfte. Insofern werde eine Einschränkung von Arbeitnehmerrechten kaum zu der erhofften massiven Umwandlung in Vollzeitstellen führen, meint Sondergeld. Zudem bestehe das Risiko, dass Menschen, die etwa aus gesundheitlichen Gründen nicht in Vollzeit gehen wollten, durch einen wegfallenden Anspruch ganz aus dem Erwerbsleben gedrängt würden. „Statt die Arbeitsstunden insgesamt zu erhöhen, würde man riskieren, dass wertvolle Fachkräfte dem Arbeitsmarkt vollständig verloren gehen – was die Nettoarbeitszeit in Deutschland am Ende sogar senken würde“, warnt Sondergeld. Für eine gute Mitarbeiterbindung durch Teilzeit spricht nach Auswertungen des Jobportals Kununu auch, dass die Gehaltszufriedenheit bei Teilzeitbeschäftigten mit fast 60 Prozent höher ist als bei Vollzeitbeschäftigten, wo sie gut 57 Prozent beträgt. Zudem zeigt nach Angaben der Agentur HR-Präsenz eine Auswertung der Königsteiner Gruppe, dass der Antrieb, den Job zu wechseln, nach einer Umfrage aus dem Dezember nur bei etwa 25 Prozent liegt, während es bei Vollzeitbeschäftigten 32 Prozent sind, die das in Erwägung ziehen. In den Berufen im Gesundheitswesen, der Erziehung und Pflege, die ohnehin unter Fachkräftemangel leiden, würden Kündigungen dazu führen, dass noch mehr Care-Arbeit in die Familien verlagert werden müsste. Was bedeuten könnte, dass weitere Beschäftigte ihre Arbeit aufgeben oder reduzieren würden. Die Ärztin, die Wert auf ausreichend Freizeit legt, auch um für einen Marathon zu trainieren, sieht das weniger als „Lifestyle“, sondern als die Erhaltung ihrer Arbeitskraft.