In den bald 77 Jahren ihres Bestehens hat die NATO viele Krisen erlebt. Eine der letzten ist noch gar nicht so lange her: Im Jahr 2003 führte der Irakkrieg zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen den Vereinigten Staaten und wichtigen europäischen Verbündeten, darunter Deutschland und Frankreich. Das war unter Präsident George W. Bush, der damals in Teilen Europas einen Ruf hatte wie heute Trump. Dass die Allianz überlebte, hing mit Afghanistan zusammen. Den islamistischen Terrorismus sah der Westen als gemeinsame Bedrohung an. Die derzeitige Krise reicht aber tiefer, sie ist die schwerste Erschütterung in der Geschichte des Bündnisses. Hier geht es nicht mehr um Konflikte über geopolitische Ziele wie in der Suezkrise in den Fünfzigerjahren oder um strategische Differenzen wie in der Debatte über die Nachrüstung im Kalten Krieg. Trumps Griff nach Grönland ist der Fall, den man sich in einem Bündnis freier und souveräner Staaten früher nicht hätte ausmalen können. Das Kujonieren von Verbündeten, gar ein militärisches Vorgehen gegen sie, das kannte man aus dem Warschauer Pakt. Trump wird ohne Zweifel von seiner persönlichen Eitelkeit getrieben. Er will einen Eintrag in den Geschichtsbüchern wie die Präsidenten des 19. Jahrhunderts, die Amerikas Territorium vergrößerten. Schon seine Antrittsrede vor einem Jahr enthielt expansionistische Ziele. Man hat in Europa vergessen, dass die Vereinigten Staaten vor allem durch Landerwerb wuchsen, was eine Voraussetzung dafür war, dass sie die Großmacht werden konnten, die sie heute sind. Die nationale Sicherheitsstrategie Aber Trumps rabiater Umgang mit den Verbündeten hat noch zwei andere Hintergründe, und die werden ein Problem für Europa bleiben, selbst wenn die NATO den Grönland-Streit übersteht. Das Bündnis definiert sich als Wertegemeinschaft, auch wenn nicht alle Mitglieder immer Demokratien waren. In Wahrheit sind es aber in erster Linie Bedrohungen, die eine Allianz zusammenhalten. Anders als im Kalten Krieg wird Russland heute in Washington parteiübergreifend nicht mehr als größte Bedrohung wahrgenommen, diese Rolle kommt China zu. Dass Trump in der Grönland-Frage mit der Abwehr Russlands argumentiert, ist da nur ein halber Widerspruch. Aufschlussreich ist, was in seiner Nationalen Sicherheitsstrategie steht, die man in Europa gründlicher studieren sollte. In der westlichen Hemisphäre, zu der Grönland gehört, beansprucht Trump die Vorherrschaft (wie viele Präsidenten vor ihm). Zu Europa dagegen ist nur vage die Rede davon, dass die US-Diplomatie die europäisch-russischen Beziehungen „managen“ müsse. Trump will auch Geschäfte mit Putin machen. Das ist ein Konflikt der Sichtweisen und Interessen, der an den Daseinszweck der NATO rührt. Wenn Amerika ein aggressives Russland nicht mehr eindämmen will, es sogar nachahmt, welchen Schutz bietet das Bündnis dann noch für Europa? Europas Schwäche Das andere Problem ist Europas Schwäche. Dass der alte Kontinent von Russland und Amerika gleichermaßen in die Zange genommen wird, ist nur möglich, weil man sich hier mit einer langen Abfolge an Fehlentscheidungen der beiden wichtigsten Machtmittel beraubt hat: wirtschaftlicher und militärischer Stärke. Die Regulierungswut in Brüssel, die Technikskepsis in vielen Gesellschaften, das Ausufern des Sozialstaats, die Deindustrialisierung durch den Klimaschutz und vor allem die jahrzehntelange Abrüstung – all das hat Europa so geschwächt, dass es Leuten wie Trump oder Putin als leichte Beute erscheinen muss. Dass die alten Internationalisten in Amerika, die den Wert von Verbündeten noch kennen, nicht mehr durchdringen, hat auch damit zu tun. Europa wird noch viele Jahre zu tun haben, diese Fehler zu korrigieren, wenn es das überhaupt schafft. Dass in Deutschland in solchen Zeiten einer Regierungspartei nichts Besseres einfällt, als über die Erbschaftsteuer zu reden, stimmt einen nicht zuversichtlich. Und dass in Frankreich das ganze Land Sturm läuft gegen das Mercosur-Abkommen, das einer der wenigen Lichtblicke für Europa ist in einer sich deglobalisierenden Weltwirtschaft, ist auch nur schwer zu fassen. Man dachte in Europa lange, dass die Multipolarität Vorteile bringe. Bisher legt sie vor allem Europas Machtlosigkeit offen. Trump ist trotz Drohungen schon in seiner ersten Amtszeit nicht aus der NATO ausgetreten. Das wird auch keiner, der bei strategischem Verstand ist, in Europa tun. Solange hier US-Truppen stehen, haben sie eine abschreckende Wirkung. Aber der Vertrauensverlust, den er dem Bündnis zugefügt hat, der ist irreversibel. Einen Angriff von außen kann die NATO abwehren, einen von innen nicht. Die Europäer werden sich unabhängiger machen müssen, und zwar viel schneller und viel gründlicher, als man das vor Kurzem noch dachte. Sie haben eines unterschätzt: Wer Sicherheit von anderen bezieht, läuft Gefahr, dass sie nicht geliefert wird.
