Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende verliert selten die Contenance. Beim Jahrhundertprojekt Ostfeld ist das Stadtoberhaupt aber zunehmend genervt, und das ist gut nachvollziehbar. AfD und Linke lassen keine Gelegenheit aus, im Stadtparlament die immer gleichen Argumente gegen einen neuen Stadtteil für bis zu 12.000 Menschen vorzutragen: klimaschädlich, finanziell ein Fass ohne Boden, unnötig und den angespannten Wohnungsmarkt nicht entlastend. Zudem stellen die beiden Fraktionen immer wieder die Frage, wer zwischen Autobahn, Mülldeponie und Militärflugplatz eigentlich wohnen will, vor allem weil die Mietpreise erwartbar nicht besonders günstig sein können. Für kaum lösbar halten AfD und Linke zudem die Frage, wie der neue Stadtteil an ein Schienennetz angebunden werden soll. Neu sind alle diese Vorbehalte und Fragen nicht. Tatsächlich geht es um die Positionierung für den Wahlkampf, weshalb auch die FDP nicht müde wird, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Ablehnung einer Ostfeld-Straßenbahn zu postulieren. Für politische Beobachter hat sich die Wiesbadener FDP inzwischen auf eine monothematische Antitrampartei reduziert. Ob das den Wählern genügt, muss sich zeigen. Das Projekt Ostfeld krankt vor allem an der schneckenhaften Langsamkeit, mit der es vorangeht. Dieses „Wiesbaden-Tempo“ ist zwar symptomatisch bei vielen Großprojekten, beim Ostfeld aber besonders ausgeprägt. Das erhöht die Kosten und verringert die Akzeptanz. Dass die Machbarkeitsstudie für eine alternative Busanbindung, die ohnehin keine Chance auf Verwirklichung hat, noch nicht einmal öffentlich ausgeschrieben wurde, ist ein Armutszeugnis für die Verwaltung. Es scheint, dass bis zum Oberbürgermeister alle Beteiligten auf den Ausgang der Kommunalwahl im März warten. Nicht ausgeschlossen ist, dass eine Mehrheitsbildung dann noch schwieriger werden wird. Eine wie auch immer zustande kommende Koalition darf jedoch nicht den Fehler des Wünsch-dir-was-Linksbündnisses wiederholen, eine der zentralen Fragen der Stadtentwicklung einfach auszuklammern. Wenn das Ostfeld so bedeutsam für Wiesbaden ist, wie der Oberbürgermeister immer wieder sagt, müssen sich die Partner der nächsten Stadtregierung einig sein. Eine Linkspartei, die sich nicht zum Ostfeld durchringen kann, hat im hauptamtlichen Magistrat nichts verloren.
