FAZ 18.09.2026
10:38 Uhr

Streit in Chile: Erdbeben am Nationalfeiertag


Die Chilenen feiern ihre Unabhängigkeit jedes Jahr am 18. September als riesiges Volksfest. Doch unter der ultrarechten Regierung ist das Land gespalten wie schon lange nicht mehr seit dem Ende der Diktatur.

Streit in Chile: Erdbeben am Nationalfeiertag

Chile habe im Gegensatz zu seinen Nachbarländern keinen Karneval, doch auch die Chilenen verdienten es, maßlos zu feiern, schließlich hätten sie genug gelitten. Das hat der chilenische Schriftsteller und Performancekünstler Pedro Lemebel 2005 in einem Interview über den 18. September gesagt, den Nationalfeiertag, an dem das Land seine Unabhängigkeit zelebriert. Der Kommunist und queere Aktivist Lemebel war jeder nationalen Tümelei und jedes Chauvinismus unverdächtig, und doch liebte er diese Festtage um den 18. September, an denen das ganze Land sich mit so viel Verve in seine rot-weiß-blauen Landesfarben wirft, dass die USA an ihrem 4. Juli blass dagegen aussehen. Vor jedem chilenischen Haus hängt eine Fahne, ganz gleich, ob es sich um den Regierungssitz La Moneda in der Hauptstadt Santiago oder eine ärmliche Hütte in Patagonien handelt. Das liegt nicht nur an der gesetzlichen Pflicht, die Nationalflagge zu hissen – Verstöße werden mitunter tatsächlich bestraft –, sondern vor allem daran, dass „El Dieciocho“ eine Feier ist, auf die sich das ganze Land einigt. An diesem Tag vergewissert sich Chile über alle sozialen Grenzen und politischen Gräben hinweg seiner selbst: Freunde und Familie treffen sich, um zusammen ein Barbecue zu veranstalten, den Nationaltanz Cueca zu tanzen und Terremoto zu trinken, was übersetzt Erdbeben heißt, weil dieses Mixgetränk im Kopf dieselbe Verwüstung anrichtet wie ein Beben von acht Richterskala-Punkten auf dem Erdboden. Der Nationalfeiertag ist wie eine Katharsis Das Nationalfeiertagsgetränk ist eine Mischung aus jungem Wein, Grenadine und Ananaseis, was jedes Jahr dazu führt, dass der Verkauf dieser eher abseitigen Eissorte Mitte September, zum Ende des chilenischen Winters, in die Höhe schnellt. Schon Wochen vorher wird in den Supermärkten ein Frontalangriff auf die menschliche Langlebigkeit geprobt, wenn das Angebot nur noch aus Alkohol, Fleischmassen und überzuckerten Keksen zu bestehen scheint. Vielleicht feiern die Chilenen ihren Nationalfeiertag auch deshalb so ausgelassen, weil er eine kathartische Funktion hat: Am 18. September findet das Land wieder zusammen, nachdem es genau eine Woche vorher jedes Jahr tief gespalten ist. Am 11. September 1973 nahm sich Chiles demokratisch gewählter Präsident Salvador Allende das Leben, als sich der General und spätere Diktator Augusto Pinochet an die Macht putschte. In diesem Jahr keine offizielle Gedenkfeier Noch heute feiert das rechte Lager diesen Tag als Befreiung des Landes vom Kommunismus, während die politische Linke in stillem Gedenken an die Gräber von Salvador Allende und des ermordeten Liedermachers Víctor Jara auf dem Hauptfriedhof von Santiago pilgert. Viele Chilenen empfinden es als bittere Ironie der Geschichte, dass die USA, deren Regierung den Staatsstreich unterstützte, 28 Jahre später an demselben Datum selbst Opfer einer terroristischen Attacke wurden. In diesem Jahr fand am 11. September zum ersten Mal seit dem Ende der Diktatur 1990 keine offizielle Gedenkfeier am Regierungssitz La Moneda statt. Der ultrarechte Präsident José Antonio Kast, seit einem halben Jahr im Amt, erklärte seine Entscheidung damit, dass er seinen Landsleuten nicht zumuten könnte, stets zurück in die Geschichte und nicht nach vorne zu blicken. Für die Angehörigen der während der Diktatur verschleppten Gefangenen klangen diese Worte wie Hohn. In mehr als 1000 Fällen ist noch immer nicht geklärt, was genau mit den Verschwundenen geschah und wo ihre sterblichen Überreste liegen. Dass die Hinterbliebenen unter der jetzigen Regierung die Wahrheit erfahren, ist dabei mehr als ungewiss, hat Kast in der Vergangenheit doch mehrfach seine Sympathien für Pinochet und dessen Regime bekundet. Aus Protest gegen den aktuellen Präsidenten haben linke Aktivisten am 11. September ihren Idealpräsidenten einfach wiederauferstehen lassen: In Santiagos Arbeiterviertel Yungay hielt ein Imitator mit zurückgekämmtem Haar und markanter Brille Allendes berühmte letzte Radioansprache, die er während des Militärputsches ans chilenische Volk richtete. Aus dem geöffneten Fenster der Cafetería Popular, deren Emblem Karl Marx mit Basecap und Kaffeetasse in der Hand zeigt, drangen Allendes berühmte Worte: „Ich bin kein Märtyrer. Ich bin ein sozialer Kämpfer, der eine Aufgabe erfüllt, die ihm das Volk übertragen hat.“ Sie gingen unter dem riesigen Jubel der Anwesenden fast unter. Wenn das Land in diesem Jahr seinen Nationalfeiertag begeht, ist es gespalten wie schon lange nicht mehr. Für die Versöhnung wird ein Erdbeben aus Ananaseis nicht ausreichen.