Möchte man jemanden ermahnen, eine Sache mit Augenmaß anzugehen, so rät man ihm, die Kirche im Dorf zu lassen. Kirche und Dorf nämlich bilden seit vielen Jahrhunderten eine derart unverbrüchliche Einheit, dass ihre räumliche Trennung zu einer redensartlichen Metapher für Unvernunft wurde. Doch die Realität bildet das nicht mehr ab. Immer weniger Gemeindemitglieder finden sich regelmäßig zum Gottesdienst ein, Pfarreien werden zusammengelegt. Die Schäfchen, die ein Pfarrer zu betreuen hat, zerstreuen sich auf einer immer größeren Fläche. Die Kirchen wissen das und reagieren mit Reformen. Das Bistum Limburg berät die Gemeinden zur KIS, der Kirchlichen Immobilien-Strategie, um die zahlreichen Gebäude zu erfassen und zu ordnen. Das kann dann auf eine Sanierung hinauslaufen, aber auch auf einen Verkauf. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat ihre Reformbemühungen unter dem Kürzel „ekhn2030“ gebündelt, hier sollen „regionale Verkündigungsteams“ gebildet werden, heißt es auf der Website, um unter effizienter Ressourcennutzung „Nachbarschaftsräume“ zu gestalten. Nach „Kirche im Dorf“ klingt das wahrlich nicht mehr. Anderswo hingegen sorgt man sich um real existierende Dorfkirchen, nämlich in Thüringen. Die evangelische Kirche dort bewarb sich mit ihren sage und schreibe 2000 Dorfkirchen, fast alle stehen unter Denkmalschutz, bei der Internationalen Bauausstellung des Landes, um Nutzungsmodelle zu erarbeiten, die ausdrücklich auch ganz weltliche Bedürfnisse erfüllen können. Seitdem kann man am Rennsteig in Herbergskirchen übernachten, in anderen Gotteshäusern entstanden Kunstinstallationen oder Meditationsräume. Ganz so viele Kirchen sind es zum Glück nicht, mit denen das katholische Bistum Limburg zurechtkommen muss. Doch auch hier sind Ideen gefragt, um diesen Strukturwandel zu gestalten. Während etliche Gemeindehäuser einer Neubebauung weichen dürften, ist ein Abriss bei Kirchen nur selten eine Option. Der Kindergarten in Kelkheim-Ruppertshain, der unter das Zeltdach von St. Matthäus hineingebaut wurde, zeigt, wie eine architektonisch anspruchsvolle Lösung aussehen kann, bei der die Kirche sogar im Dorf bleibt. Es werden in den nächsten Jahren noch etliche gute – aber auch bezahlbare – Ideen und Lösungen gesucht werden, denn die Gemeinden schrumpfen auf absehbare Zeit weiter. Die zu groß gewordenen Gebäude auch weiterhin mit Leben zu füllen, wird keine ganz leichte Aufgabe.
