FAZ 18.12.2025
10:25 Uhr

Straßentiere in Marokko: Müssen Millionen Hunde wegen der Fußball-WM sterben?


Erschossen, vergiftet und lebendig verbrannt? Um das Land für Afrika-Cup und Fußball-WM aufzuhübschen, sollen Marokkos Straßenhunde verschwinden. Tierschützerinnen beklagen Brutalität und Ignoranz der Behörden.

Straßentiere in Marokko: Müssen Millionen Hunde wegen der Fußball-WM sterben?

Der Fußweg hinauf zum „Beldi Refuge“ ist ein ausgetretener kleiner Pfad. Das Auffanglager für gerettete Straßenhunde im Rif-Gebirge – rund 15 Kilometer vom Touristenort Chefchaouen entfernt – ist aber kaum zu verfehlen. Lautes Gebell aus unzähligen Kehlen weist den Weg. Wenig später öffnet Nada Zaouyte dem angesichts des Lärms durchaus eingeschüchterten Besucher das angerostete Eisentor zum Gelände. Es ist der Eintritt ins Reich der Hunde. Etwa 120 leben hier im Moment. Sie verdanken Nada Zaouyte und ihren Mitstreiterinnen ihr Leben. Die Fußball-WM 2030, bei der Marokko ein Gastgeber sein wird, wirft für die Straßentiere des Landes ihre todbringenden Schatten: Die Städte sollen bis dahin von den Hunden befreit werden. Diese „Säuberungsaktionen“ sind schon länger im Gange: Schon vor dem Afrika-Cup, der ab dem 21. Dezember so etwas wie eine WM-Generalprobe in Marokko darstellen soll, sind Tausende von Tieren von den Straßen verschwunden. „Die Tiere fressen sich am Ende gegenseitig auf“ „Hunde werden in Marokko aus religiösen Gründen als minderwertig und dreckig angesehen“, erklärt Nada Zaouyte, 26 Jahre alt, die mit ihren Gummistiefeln, groben Jeans, dickem Pullover und Basecap kernig daherkommt. „Man betrachtet die Tiere als regelrechte Feinde. Wer daheim einen Hund hält, dessen Haus wird als unwürdig betrachtet“, erläutert sie. Sie stammt aus Casablanca und arbeitet seit fünf Jahren im Team der Deutschen Eyleen Kanzler, die seit 2019 den Verein „Beldi Dog Rescue“ leitet. Eyleen Kanzler ist bei einer Urlaubsreise 2018 auf das Thema gestoßen und hängen geblieben. „Ich habe auf meiner Reise die Hunde auf der Straße gefüttert, und eines Abends waren sie auf einmal weg, und dann haben schon zwei Hunde tot dagelegen, und die Anwohner haben mir gesagt, dass sie über Nacht vergiftet worden sind“, erzählt Eyleen. Sie fragt herum und erfährt: Es gibt nichts für die Tiere. Keine Tierheime, keinen Tierschutz, keine Tierärzte. Sie kündigt ihre Wohnung und ihren Job als Gastronomie-Leiterin in Deutschland und kommt vier Monate später mit dem Rucksack in Marokko an: „Ich war komplett allein, habe die Sprache nicht gesprochen und einfach herumgefragt, wer etwas Land für ein Tierheim hat.“ Sie sagt: „Ich bin jemand, der nicht einfach die Augen verschließen kann. Ich hab das Leid gesehen. Und hatte das Gefühl, helfen zu müssen.“ Laut der weltweit größten Tierschutzorganisation PETA werden Straßentiere in Marokko erschossen, vergiftet und bei lebendigem Leibe verbrannt. Vielfach werden sie auch in Pferchen zusammengetrieben und ohne Nahrung sich selbst überlassen, bis sie verenden. „Das ist ganz schlimm“, sagt Eyleen, „die Tiere sind verzweifelt und fressen sich am Ende gegenseitig auf.“ „GenZ ist wie eine riesige Flutwelle über Marokko hinweggeschwappt“ Laut PETA hatte Marokkos König Mohammed VI. das jahrzehntelange Massaker an heimatlosen Hunden und Katzen im Jahr 2019 in Marokko eigentlich gestoppt. Die regionalen Behörden, die zuständig sind, hatten daraufhin ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet. Doch die Vereinbarung sei offenbar gebrochen worden, sagt Eyleen Kanzler. Das grausame Töten heimatloser Tiere habe nie aufgehört. Nun setzt es sich fort, um Städte zur geplanten Fußball-WM 2030 zu „verschönern“. Die WM wird Marokko, mit Spanien, Portugal, Argentinien, Uruguay und Paraguay, ausrichten. Das Land fiebert hin auf das größte Ereignis in der Geschichte des Landes. So wird es den Menschen von Regierungsseite jedenfalls verkauft, um die gewaltigen Investitionen in die Infrastruktur zu rechtfertigen. Allein für den Bau von neuen und die Renovierung bestehender Stadien werden aktuellen Schätzungen zufolge rund 3,5 Milliarden Euro investiert. Eingeschlossen in diese Rechnung ist der Bau des „Grande Stade Hassan II“ in Benslimane, ein paar Kilometer nördlich von Casablanca. Die Arena, die einmal 115.000 Zuschauer fassen soll, wird das größte Fußballstadion der Welt und soll 2028 fertiggestellt sein. Es ist ein Prestigeprojekt. Derlei Investitionen, mit denen das Königreich seine wirtschaftliche Führungsrolle auf dem afrikanischen Kontinent dokumentieren möchte, haben im Herbst die Demonstranten der „GenZ 212“-Bewegung auf die Straße gebracht. Vorwiegend junge Leute – organisiert über die Streaming-Plattform Discord, über Tiktok und Instagram – gingen allen voran in den Metropolen Rabat und Casablanca auf die Straßen. Mit Slogans wie „Keine Weltmeisterschaft, Gesundheit geht vor“ und „Wir wollen Krankenhäuser, keine Fußballstadien“ protestierten sie gegen den marokkanischen Kurs, Fußballprojekten den Vorzug vor der dringend nötigen Renovierung des Gesundheits- und Bildungssystems zu geben. „GenZ ist wie eine riesige Flutwelle über Marokko hinweggeschwappt“, schrieb die Tageszeitung „Atalayar“. „Die öffentlichen Proteste kamen überraschend, spiegeln aber die Stimmung im Land derzeit gut wider“, sagt Eyleen Kanzler. „Die Menschen lieben Fußball und sind auch auf jeden Fall sehr stolz auf die kommenden Fußball-Feste. Aber sie wollen Fußball nicht um jeden Preis“, sagt sie. „Die FIFA schweigt, Sponsoren profitieren.“ Über 1500 Tiere haben Eyleen, Nada und ihre Leute seit sechs Jahren gerettet. Ihr Tierheim nimmt die Straßenhunde auf und kümmert sich um ihre medizinische Versorgung, die Bereitstellung von Futter, ihre Kastration und – im besten Fall – ihre Vermittlung in ein sicheres neues Zuhause. Darüber hinaus hat Eyleen Kanzler auch das Projekt „Taggy Dog“ ins Leben gerufen. Mithilfe dieses Projektes können Straßenhunde geimpft und kastriert werden und im Anschluss eine Ohrmarke zur Identifikation erhalten. Alles mithilfe von privaten Spendengeldern. Beim Spaziergang durch Chefchaouen, eine der schönsten Städte Marokkos und mit seinen blauen Farben ein großer Touristenmagnet, begegnet man auf den Straßen etlichen Hunden mit blauen Ohrmarken. Diese sind allesamt durch die Hände Eyleen Kanzlers und ihrer Mitstreiter gegangen. „Wir haben hier in Chefchaouen bisher circa 500 Hunde kastriert, geimpft und getaggt.“ Es wäre viel mehr möglich, würde sie ein wenig Unterstützung von der öffentlichen Hand erfahren. Die gibt es aber trotz der königlichen Order nicht. „Eine Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen, die wir anstreben, funktioniert leider nicht“, sagt sie. Dabei wäre so viel zu tun. Vor allen Dingen in Sachen Aufklärung. „Die Tiere werden geschlagen, brutal misshandelt. Wir haben Welpen gehabt, denen man das Bein abgetrennt hat“, berichtet Eyleen. „Wir haben ganz oft Fälle, wo Kinder die Tiere misshandeln – die schauen sich das einfach ab.“ Aus diesem Grund sei Aufklärung so wichtig. Sie wünscht sich eine Zusammenarbeit mit der Regierung, mit der Öffentlichkeit und mit den Schulen: „Wir wollen in die Schulen gehen, wir wollen aufklären, wir müssen die Kinder für das Thema sensibilisieren.“ Ein Projekt wie das von Eyleen Kanzler und ihren Leuten bedeutet in Marokko, in dem nach groben Schätzungen bis zu drei Millionen Straßenhunde leben, allerdings nur den berühmten Tropfen auf den heißen Stein. Die Situation für heimatlose Tiere in Marokko werde sich laut Einschätzung der PETA noch verschlimmern, da die Regierung Berichten zufolge plane, 99 Prozent aller heimatlosen Hunde im ganzen Land zu töten. „Während Stadien gebaut werden und Hotels entstehen, verschwinden auf den Straßen die Hunde.“ Die marokkanische Regierung setze auf Gewalt. „Eigentlich müsste auch der Fußballweltverband FIFA einschreiten“, findet Eyleen Kanzler. Sie kritisiert: „Die FIFA schweigt, Sponsoren profitieren. Sie alle tragen Verantwortung, wenn Millionen Tiere ihr Leben verlieren.“ Das marokkanische Innenministerium bestreitet, ein Tötungsprogramm aufgesetzt zu haben. Vielmehr habe man schon 2019 nach dem königlichen Dekret die lokalen Behörden angewiesen, nachhaltige Lösungen zur Kontrolle der Population heimatloser Hunde im Einklang mit internationalen Tierschutzstandards umzusetzen. Laut PETA hat die Regierung diese Lösung allerdings nicht umgesetzt. Stattdessen haben Wohltätigkeitsorganisationen in ganz Marokko allein in den letzten Jahren mehr als 6000 heimatlose Hunde und Katzen behandelt, kastriert, geimpft und gekennzeichnet. Die Hunde danken es ihr mit Zuneigung Tierschützer beobachten genau, ob es von königlicher Seite nochmals eine Reaktion auf die internationale Berichterstattung zum Thema „Massentötung von Straßenhunden“ geben wird. Letztlich hat der marokkanische König stets das letzte Wort, wenn es um wichtige Entscheidungen im Land geht. Zwar werden die Alltagsgeschäfte Marokkos von einer parlamentarischen Regierung geleitet, doch wenn es um weitreichende außenpolitische Entscheidungen und Beschlüsse geht, zählt das Wort von Mohammed VI. Der König ist Staatsoberhaupt, er ernennt den Premierminister aus der nach Wahlen stärksten Partei des Landes. Er allein hat aber auch das Recht, das Parlament aufzulösen und den Premierminister seines Amtes zu entheben. In einer Rede vor dem Parlament reagierte König Mohammed VI. auf die GenZ-Proteste und verlangte von der amtierenden Regierung Taten. Er rief das Parlament dazu auf, Arbeitsplätze zu schaffen sowie das Gesundheits- und Bildungssystem des Landes zu stärken. Er unterstrich, dass nationale Großprojekte wie die kommende Fußball-WM und soziale Programme nicht im Widerspruch zueinander stehen dürften. In einigen marokkanischen Medien wurde das dahin gehend interpretiert, dass der König „den Ruf der Jugend gehört“ habe. Dass König und Parlament auch den Ruf der Tierschützer nachhaltig vernommen haben, ist bislang nicht spürbar. Eyleen Kanzler kann keine Verbesserung der Situation erkennen. Ganz im Gegenteil: „Ich spüre eher, dass der Druck auf die Regierung zugenommen hat, seit bekannt ist, dass Marokko die WM mit ausrichten wird. Die Tötungsaktionen haben definitiv zugenommen“, sagt sie. Im „Beldi Refuge“ hat Mitarbeiterin Nada Zaouyte die Fütterung abgeschlossen. Zwei Säcke Trockenfutter von je 20 Kilogramm gehen jeden Morgen drauf, die Hunde danken es ihrer Pflegerin mit Zuneigung. Welches der insgesamt zehn Gehege sie auch betritt, sogleich wird sie von dankbaren Hundeschnauzen empfangen und umschmust. Nur ganz selten muss sie Streitigkeiten oder Beißereien im Lager schlichten. „Passiert schon mal, wenn die Tiere allzu große Langeweile kriegen“, erklärt sie. Dann entlässt sie den Besucher wieder durch das rostige Eisentor zum Fußpfad. Hundegebell begleitet den Rückweg zur Straße.