FAZ 22.11.2025
10:07 Uhr

„Stranger Things“ endet: Wie ist es, als Serienstar aufzuwachsen?


Früher Ruhm hat schon manchen Jungstar beschädigt. Nun endet die Serie „Stranger Things“, die gleich mehrere junge Menschen berühmt gemacht hat. Wie ist ihnen der Hype bekommen? Ein Treffen in Berlin.

„Stranger Things“ endet: Wie ist es, als Serienstar aufzuwachsen?

Woran merkt ein Schauspieler, dass er zur Ikone der Popkultur aufgestiegen ist? Ein Oscar kann hilfreich sein, ist aber nicht zwingend. Ein deutlicheres Zeichen ist es, wenn die Leute anfangen, seine Sätze aus Filmen nachzusprechen („You talking to me?“, „Hasta la vista, baby“), oder sich nach seinem Vorbild kleiden (unvergänglich: das Kleine Hepburn-Schwarze, aus der Mode gekommen: Woody-Allen-Brille). Ein eindeutiges Signal dürfte es auch sein, wenn man ein Überraschungsei aufpult und die Spielzeugfigur, die man darin findet, einen selbst darstellt. Den jungen Darstellern der amerikanischen Erfolgsserie „Stranger Things“ einen solchen Moment zu bescheren, das haben wir zumindest versucht. Zum Interview im Berliner Luxushotel haben wir vier Eier der Marke Kinder Joy mitgebracht; neben vielem anderen ist „Stranger Things“ für offensives Product-Placement berühmt, das wir uns hiermit dann auch mal gestatten. Zwei der Eier werden wir wieder mit nach Hause nehmen, denn Gaten Matarazzo (Dustin) und Finn Wolfhard (Mike) sind nicht dabei; am Morgen hatte uns der Anruf erreicht, dass die Schauspieler, die vor dem Start der fünften und letzten Serienstaffel eine Welttournee absolvieren, am Ende ihrer Kräfte seien und ihre Interviewauftritte sparsamer dosiert würden. So empfangen uns an diesem Vormittag „Lucas“ Caleb McLaughlin, 24, und „Will“ Noah Schnapp, 21. Angesetzt sind schlanke 15 Minuten; Journalisten nicht nur aus Deutschland, sondern aus ganz Europa und auch Afrika sollen an diesem Tag, persönlich im Hotel oder per Videoschalte, zum Zuge kommen. Big Brother hört mit Auch an so einem Medientag offenbart sich die gewaltige Maschinerie, die das für Netflix immens wichtige Großprojekt „Stranger Things“ vorantreibt. Der Interviewraum gleicht einem Studio, in unserem Nacken warten Kameraleute auf ihren Einsatz, weiter hinten sitzt ein geschätztes Dutzend Menschen mit Laptops und uns unbekannter Funktion, und uns gegenüber, gut zwei Meter entfernt, sitzen Schnapp und McLaughlin. Außerdem im Raum, wenn auch unsichtbar, ist ein ganz großer Bruder: Netflix hört mit, um bei Spoileralarm einzuschreiten. Also dann, wenn sich jemand über die Handlung der neuen Folgen verplappert. Die fünfte Staffel wird bei Netflix scheibchenweise erscheinen: vier Folgen am 27. November, drei am zweiten Weihnachtsfeiertag, das Finale schließlich – in unserer Zeitzone – am Neujahrsmorgen um zwei Uhr. So manche Silvesterparty dürfte damit schlagartig ein Ende finden. Wie wichtig das von den Zwillingsbrüdern Matt und Ross Duffer erdachte „Stranger Things“ für Netflix ist, lässt sich daran ablesen, dass eine neue Staffel Rekordabrufe einzufahren pflegt – und zugleich freundliche bis begeisterte Kritiken. Die Serie verknüpft Genres und Generationen: Der Mix aus Mystery, Horror und Coming-of-Age-Story spielt in den Achtzigerjahren und weckt die Nostalgie bei denen, die damals jung waren, ebenso wie die Neugier der heute Jungen auf jenes sagenumwobene Jahrzehnt, in dem die Musik poppiger, die Mode drolliger und generell womöglich alles besser war (Spoiler: Wenn ihr wüsstet). Reihenweise hat „Stranger Things“ Phänomene der Achtziger zurückgebracht: BMX-Räder. Vokuhila-Frisuren. Winona Ryder. „Die Generation Z fühlt sich jetzt dieser Welt verbunden“, sagt Caleb McLaughlin. Fürs Streamingfernsehen, könnte man sagen, ist „Stranger Things“ das, was „Harry Potter“ fürs Kino war – des Hypes wegen, aber auch deshalb, weil die Welt hier wie dort jungen Schauspielern beim Erwachsenwerden zusehen konnte. Caleb McLaughlin, aus der Vierergruppe der Älteste, war 2015 beim Dreh der ersten Staffel 14, Noah Schnapp war elf, ebenso wie Millie Bobby Brown, die als Eleven zum wohl größten Star der Serie wurde. Brown ist heute, mit 21, verheiratet, hat ein Kind adoptiert und lebt mit ihrer Familie auf dem Land – eine ganz eigene, konsequente Art, dem „Stranger Things“-Rummel zu entfliehen. „Wir sind alle Nerds“ Doch zurück in den Interviewraum, zu Schnapp und McLaughlin. Trotz leichter Bedenken, gleich von Sicherheitsleuten überwältigt zu werden, die einen Giftanschlag auf die Jungstars abzuwehren suchen, überreichen wir jedem von ihnen ein Kinder-Joy-Ei mit dem Hinweis, sie könnten auf ein Abbild ihrer selbst stoßen: 24 Figuren und Gadgets aus dem „Stranger Things“-Universum sind dort die aktuellen Gimmicks. Routiniert öffnet Schnapp sein Ei und stellt fest: „Ich habe Nancy.“ (Will wäre wirklich ein großer Zufall gewesen.) Für McLaughlin scheint das Ei ein fremdes Ding zu sein. „Ich habe – Essen“, ruft er erstaunt und hält die Hälfte mit Milchcreme und Knusperkugeln hoch. In der anderen Hälfte, in der er endlich sein Spielzeug findet, ist etwas zum Zusammenbauen. Ähnlich wie der 1986er Filmklassiker „Stand by Me“ und viele andere Jugendepen erzählt „Stranger Things“ die Geschichte einer Freundesgruppe von Außenseitern und Nerds, die dank ihrer Spezialinteressen und -talente das Böse besiegen, etwa schleimige Monster namens Demogorgons (die Sportskanonen haben oft weniger Fortune). Sind die Darsteller als Filmstars selbst nicht eher dem Lager der cool kids zuzuordnen? „Nein, wir sind alle Nerds“, sagt Schnapp. McLaughlin bekräftigt: „Schauspieler sind Nerds! Kids, die Theater und Filme lieben, sind nicht cool. Sie können so tun, als seien sie cool, aber sie sind es nicht.“ Früher Ruhm hat schon manchen Jungstar beschädigt. Aus dem „Stranger Things“-Cast hat es – und man muss sagen: noch – niemanden aus der Bahn geworfen. „Dass wir einander hatten, hat uns sehr geholfen, unsere Kindheit zu stabilisieren“, sagt Noah Schnapp. „Sogar am Set sind wir gemeinsam unterrichtet worden, und es fühlte sich an wie ein normaler Klassenraum mit einem Haufen Kinder und einem Lehrer, der versucht, sie zu bändigen.“ – „Wir hatten auch Pausen, haben draußen Kickball gespielt“, erinnert sich McLaughlin, und Schnapp ergänzt: „Und wir hatten unsere Nachmittagsaktivität: Filmen.“ Die Erfahrung jener Jahre, so Schnapp, würde er gegen nichts eintauschen wollen. Was er allerdings nicht vermissen werde, das sei „der Druck, der mit der Serie kam. So viele Augen blicken darauf, und mit jeder Staffel ist es größer und größer geworden.“ Alles wurde immer größer Zu groß: Das gilt auch für die Serie selbst, deren Folgen immer länger wurden und, wenn auch mit mehr Aufwand, bald das Immergleiche zu erzählen schienen. Aber auch für die Darsteller: Konnte sich McLaughlin noch hineinversetzen in den 16 Jahre jungen Lucas, den er mit zuletzt 23 spielte? „Ja, denn ich war einst selbst 16“, sagt er. Schnapp spricht von Momenten, in denen er dachte: „Oh, ich bin ein wenig aus dieser Rolle herausgewachsen.“ Es habe sich dennoch nie zu unangenehm angefühlt, „außer vielleicht ein wenig in Staffel drei“. Von großem Aufwand zeugt auch das Berliner Fan-Event zur Serie. Für nur zwei Tage hat Netflix im Hangar 7 des Flughafens Tempelhof einen Themenpark um die fiktive Kleinstadt Hawkins aus dem Boden gestampft, dessen Besucher durch ein Wäldchen voller Demogorgons radeln, die aus der Serie bekannte „Surfer Boy“-Pizza essen und bei einem Musikquiz feststellen können, dass Kate Bushs „Running Up That Hill“ – das dank „Stranger Things“ noch mal die Charts enterte – rückwärts abgespielt kaum anders klingt. Die vier nach Berlin gereisten Schauspieler schließlich könnten sich durch einen Berg Kinder-Joy-Eier fressen und dabei garantiert sich selbst finden. Doch sie lassen sich am Abend nur kurz blicken; irgendwann ist alles doch zu viel. Eine Gemeinschaft, glauben sie, werden sie bleiben. Jennifer Aniston, sagt Noah Schnapp, habe mal erzählt, dass sie und ihre „Friends“-Kollegen, wenn sie sich bei einem Event über den Weg liefen, sofort den Rest der Welt ausblendeten und sich die ganze Nacht lang miteinander austauschten. „Ich denke, für den Rest unserer Karriere wird das auch mit uns so sein“, sagt er. „Wir werden immer durch unsere ,Stranger Things‘-Kindheit verbunden bleiben.“