FAZ 20.11.2025
12:29 Uhr

Story aus Bosnienkrieg: Gab es die reichen Menschenjäger von Sarajevo?


Der Autor Ezio Gavazzeni schreibt ein Buch über die „Sarajevo Safaris“ und erstattet Strafanzeige: Im Bosnienkrieg sollen reiche Männer dafür bezahlt haben, in Sarajevo Menschen zu töten. Viele Medien übernehmen die Story. Doch jetzt gibt es Zweifel.

Story aus Bosnienkrieg: Gab es die reichen Menschenjäger von Sarajevo?

Was ist dran an der drei Jahrzehnte alten Story über die „Sarajevo Safaris“? Reiche Leute aus den USA und Kanada, aus Russland und Westeuropa, so geht die Geschichte, sollen während der Belagerung Sarajevos von 1992 bis 1995 viel Geld bezahlt haben, um von den Hügeln über der bosnischen Hauptstadt auf Zivilisten schießen zu können. In Italien hat eine Anzeige des Mailänder Schriftstellers Ezio Gavazzeni bei der Staatsanwaltschaft Mailand die Geschichte über die „Kriegstouristen“ von Sarajevo, die von internationalen Medien seit Mitte der Neunzigerjahre mehrfach aufgegriffen worden war, unvermittelt wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht und findet ein großes Medienecho. Mindestens fünf italienische Staatsbürger aus Mailand, Turin und Triest, so Gavazzeni, hätten für Wochenendausflüge nach Sarajevo umgerechnet 80.000 bis 100.000 Euro bezahlt, um von den serbisch besetzten Hügeln aus Jagd auf Kinder, Frauen und Männer in den Straßen Sarajevos zu machen. Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf Die Staatsanwaltschaft Mailand hat Ermittlungen wegen des Verdachts des mehrfachen Mordes aus niedrigen Beweggründen eingeleitet. Nach italienischen Medienberichten soll die Vernehmung von Zeugen bald beginnen, namentlich des ehemaligen Mitarbeiters des bosnischen Geheimdienstes Edin Subašić. Auch Sarajevos ehemalige Bürgermeisterin Benjamina Karić soll zur Aussage bereit sein. Zudem hat die linkspopulistische Fünf-Sterne-Bewegung eine parlamentarische Anfrage gestellt, ob die mutmaßlich in den Archiven der italienischen Geheimdienste vorhandenen Dokumente zum Themenkomplex der „Sarajevo Safaris“ zugänglich gemacht werden können. In Italien hatte der „Corriere della Sera“ schon 1995 von den angeblichen Wochenendausflügen zur Menschenjagd berichtet. In einem Interview mit „La Repubblica“ in der vergangenen Woche bezog sich Gavazzeni ausdrücklich auf diesen frühen Pressebericht, der sein Interesse an der Sache seinerzeit geweckt habe. Erst Jahre später habe er aber intensiv zu recherchieren begonnen, ausgelöst maßgeblich durch den Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ des slowenischen Regisseurs Miran Zupanič von 2022. Der Film wurde von Al Jazeera Balkans (AJB) mitproduziert und beim AJB Documentary Festival in Sarajevo im September 2022 uraufgeführt. Kurz darauf eingeleitete Ermittlungen der bosnischen Staatsanwaltschaft haben bisher aber offenbar keine nennenswerten Erkenntnisse erbracht. Ob es mit den Mailänder Ermittlungen anders sein wird? Gavazzeni behauptet, er kenne einige Namen der italienischen Wochenend-Menschenjäger, bei einem handele es sich um den damaligen Besitzer einer Mailänder Privatklinik. Vom Frühjahr 1993 bis zum Frühjahr 1995 hätten gut 100 Ausländer an der Menschenjagd teilgenommen, will Gavazzeni wissen. Der bosnische Geheimdienst-Agent Edin Subašić hat nach Angaben Gavazzenis damals dem Vertreter des italienischen Militärgeheimdienstes SISMI (heute AISE) in Sarajevo von den italienischen Teilnehmern an den „Sarajevo Safaris“ berichtet. Der SISMI habe nach einigen Monaten geantwortet, die Italiener seien zu ihren „Jagdausflügen“ vom Flughafen Triest aus gestartet und dann über Belgrad nach Pale gebracht worden, die damalige Hauptstadt der serbischen Gebiete in Bosnien-Hercegovina östlich von Sarajevo. Ob tatsächlich mehr als 100 reiche Männer aus aller Welt vor drei Jahrzehnten zur monströsen Menschenjagd in die Berge über Sarajevo gekommen sind oder ob es sich bei der Erzählung von den „Sarajevo Safaris“ um eine der zu Kriegszeiten ins Kraut schießenden Legenden über die Infamie des Menschengeschlechts oder um Propaganda gegen die serbischen Aggressoren handelt, steht dahin. Angeblich haben die serbischen „Reiseleiter“ fürs Abschießen von Kindern zusätzliche Aufschläge erhoben, das „Erlegen“ von Älteren sei im Paketpreis inbegriffen gewesen. Bisher konnten in keinem der vorgeblichen Herkunftsländer der Menschenjäger von Sarajevo – auch aus Deutschland sollen welche angereist sein – Verdächtige identifiziert oder gar angeklagt werden. Als gesichert kann gelten, dass die Menschen in Sarajevo an Wochenenden besonders unter den mörderischen Angriffen der Heckenschützen litten. Das dürfte aber nicht an „Menschenjägern“ aus dem Ausland gelegen haben, sondern am zusätzlichen Einsatz von bosnisch-serbischen Milizionären, die unter der Woche einem Brotberuf nachgehen mussten. Gavazzeni, dessen Recherchemethoden nicht über alle Zweifel erhaben sind, hat nach eigenen Angaben sein Buch zu dem Thema „zu 80 Prozent“ fertiggestellt. Zurzeit seien seine Anwälte mit der juristischen Prüfung des Manuskripts befasst. Wenn er mit der Anzeige bei der Staatsanwaltschaft in Mailand vor allem eine Medienkampagne für sein neues Buch anstoßen wollte, dann hat der Autor damit Erfolg gehabt. Schon haben sich, über die Behauptung Gavazzenis hinaus, wonach wegen der „Indifferenz gegenüber dem Bösen“ die Menschenjäger von Sarajevo auch nach 30 Jahren noch nicht entlarvt und zur Rechenschaft gezogen seien, im Medienecho verschiedene Narrative über die Motive der Teilnehmer an den „Sarajevo Safaris“ herausgeschält. In linken Blättern wie dem britischen „Guardian“ und der italienischen „Repubblica“, die Gavazzenis unbewiesene Behauptungen fast schon als Tatsachen darstellen, ist von Sympathien der mutmaßlichen Mörder für rechte und rechtsextreme Parteien die Rede. Im türkischen Staatssender TRT und beim qatarischen Nachrichtensender Al Jazeera, die ebenfalls ausführlich über den wiederentdeckten Kasus der „Sarajevo Safaris“ berichten, wird dagegen die Verrohung der (westlichen) Täter beim Krieg gegen die (muslimischen) Opfer herausgestrichen und sogleich eine Verbindung zum „Völkermord“ an den muslimischen Palästinensern im Gazastreifen hergestellt. So (er)findet jeder vorab das Profil der Täter gemäß seinen weltanschaulichen Vorlieben, selbst wenn es sich bei den Menschenjägern von Sarajevo um Phantome handeln sollte.