Man sollte bekanntlich nicht über Geschmack streiten. Erst recht nicht, wenn es um Musik geht. Aber: „Bella Napoli“, „Wackelkontakt“ und „Der Zug kennt keine Bremse“ (Mallorcastyle Edit!) in einem Spiel? Quasi nacheinander? Ästheten hätten sich in Stuttgart und Dortmund die Ohren zugehalten. Dem Publikum gefiel es, so beschallt zu werden – den Spielerinnen auch. Am Ende des WM-Turniers ließen die es dann nämlich selbst noch einmal krachen. Und das obwohl das Finale gegen Olympiasieger Norwegen am Sonntagabend knapp 20:23 verloren gegangen war. Hupend und mit wummernden Bässen fuhr ihr Partybus trotzdem durch Rotterdam, in der Bar „1NUL8 Meent“ legten die Silbermedaillengewinnerinnen dann so manches Freudentänzchen aufs Parkett. „Die dritte Halbzeit gewinnen wir“, tönte Rückraumspielerin Viola Leuchter. Fest der Formen und Farben Vor allem in der Porsche Arena und im Dortmunder Viertelfinale gegen Brasilien waren die Menschen in der Halle die achte Frau bei dieser Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland und den Niederlanden. Das galt übrigens auch für die Gegnerinnen: „Es ist großartig, in diesem handballverrückten Land spielen zu dürfen“, sagte der Trainer der Isländerinnen. Und das nach ihrer Niederlage gegen Deutschland. Hochgedrehte Regler und ein einpeitschender Hallensprecher („Deutsch-land!“, „Alle aus den Sitzen!“) gehören zum gewöhnungsbedürftigen, aber akzeptierten DHB-Länderspiel-Setting. Dazu kommen Spielerinnen zum Anfassen – ob nach der Schluss-Sirene oder im sogenannten Fan-Village. Antje Döll, Emily Vogel und alle anderen erfüllten gerne Wünsche und ließen Kinderaugen strahlen. Die Tage von Trier, Stuttgart und Dortmund bildeten ein Fest der Formen und Farben. Rotterdams Ahoy Arena leuchtete am Finalwochenende in Orange. Einmal mehr war diese Weltmesse des Frauenhandballs – mit wenigen Ausnahmen – eine Ode an die Fairness. Und ein Ausweis deutscher Klasse: Wenn auch sonst nur wenig hierzulande zu klappen scheint (wahrscheinlich mehr, als unsere „Negativitis“ uns sehen lässt), ist auf deutsche Organisation Verlass: So fragte der montenegrinische Verbandspräsident nur halb im Spaß, ob nicht fortan jede WM hier stattfinden könne. Er lobte Transport, Verpflegung und Hotels. Das berichtete der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Handballbundes (DHB) Mark Schober. 40 Mitarbeiter haben im Kernteam des DHB mitgeholfen, die WM zu einem sportlichen, atmosphärischen und finanziellen Erfolg zu machen. Das erwartete Minus von etwa einer Million Euro, das DHB-Präsident Andreas Michelmann als Investment in den Frauenhandball bezeichnet, verringerte sich durch die gute Hallenauslastung – sind die Ticketeinnahmen doch die einzigen, die dem DHB bleiben: Sie lag mit 70 Prozent über den eingeplanten 66,6 Prozent und ließ wiederum Schober frohlocken: „Wir haben nach der Highlight-EM im Januar 2024 (der Männer, d. Red.) gedacht, was jetzt wohl noch kommen würde. Doch da kam was! Und wir hören nicht auf. Wir machen mit der Juniorinnen-WM 2028 (gemeinsam mit Frankreich, d. Red.) und der EM 2032 weiter.“ Überraschungen? Fehlanzeige In sieben Jahren wird die Endrunde der 20. Europameisterschaft in Deutschland stattfinden. Anders als die Endrunde bei dieser WM, die dem Juniorpartner Niederlande gegeben wurde, damit auch dieser finanzielle Mitnahmeeffekte erzielt würde – das Finalwochenende in Rotterdam war jedenfalls ausverkauft. Solche Huckepacklösungen mehrerer Länder sind Usus: Die EM in einem Jahr teilen sich gleich fünf Nationen. Pikiert reagierten DHB-Vertreter allerdings auf die Frage nach dem Spielniveau bei der diesjährigen Weltmeisterschaft. Denn im Trend werden die Guten besser. Und haben somit die außereuropäischen Teams abgehängt. Sicher, da gab es zwar Tore für Paraguay und Paraden für Uruguay, die die jeweiligen Akteurinnen strahlen ließen. Die Qualität in diesen Spielen wird aber von jeder deutschen Trainingseinheit übertroffen. Die Viertelfinals hätte man vor dem Turnier besetzen können. Überraschungen? Gab es nicht. Dabei besaßen einzelne Partien gehobene Klasse. Das lag auch daran, dass die Schiedsrichter großzügiger pfiffen als in der Handball-Bundesliga (HBL). Dadurch blieb harte Abwehrarbeit im Rahmen der Regeln erlaubt. „Hasenhandball“ mit ewigem Gerenne und 70 und mehr Toren – ein Graus für Puristen – blieb aus. Vielleicht ist das eine Blaupause für HBL und das Pendant der Frauen. Bundestrainer Markus Gaugisch ließ in seinem Urteil die Außenseiterinnen unbenannt. Er lobte den kreativen Stil der Färöer und das Fortkommen Ungarns. Für den internationalen Verband IHF bleiben Weltturniere in dieser Größe und Länge satte Gewinnbringer. Auch der olympische Status scheint auf diese Weise abgesichert. Deswegen wird sich wohl auch an der Übergröße mit 32 teilnehmenden Teams nichts ändern. Mit dem Motto „Hands up for more!“ hatte sich der DHB entschieden, nicht einzelne Spielerinnen ins Schaufenster zu stellen, sondern die Entwicklung und Gleichstellung des Frauenhandballs hervorzutun. Dass das gut funktionierte, sagte auch die Abwehrspezialistin Xenia Smiths: „Mit der Kampagne haben wir einen großen Schritt in eine richtig gute Richtung gemacht, was die Nachhaltigkeit für den deutschen Frauenhandball angeht. Das soll in den kommenden Jahren Standard werden, dass die Deutschen so gut sind und so souverän über das Turnier spielen. Es ist wirklich etwas Großes, das wir jetzt hier geschafft haben.“ Auch wenn der krönende Abschluss am Ende ausblieb.
