Der Präsident ließ in seinem Appell keinen Zweifel am Ernst der Lage. In einer eindrücklichen Videobotschaft rief Wolodymyr Selenskyj seine Landsleute am Freitagabend abermals dazu au, sich hinter der politischen Führung zu versammeln. „In einem der schwierigen Momente der ukrainischen Geschichte“ forderte er Zusammenhalt ein, um dem äußeren Druck standzuhalten. Dem Land drohe ein Verlust der eigenen Würde oder des wichtigsten Partners, warnte der Präsident. Vor grauem und düsterem Kiewer Himmel sprach Selenskyj mit ernster Miene. Aufgenommen wurde der Clip vor seinem Dienstsitz in der Bankowa-Straße. Etwa an jener Stelle, an der er zu Beginn des Krieges versichert hatte, nicht aus der Hauptstadt geflohen zu sein. Seither hat Selenskyj die Ukrainer in schwierigen Momenten mehrfach erfolgreich zum Zusammenhalt aufgerufen. So appellierte er auch am Freitag an das Gerechtigkeitsempfinden und den Stolz seiner Landsleute. Doch lässt sich seine Rede auch als Vorbereitung auf eine bevorstehende, schmerzhafte Vereinbarung verstehen. Werden die Ukrainer ihrem Anführer ein weiteres Mal folgen? Viele Menschen sind außer sich angesichts eines Korruptionsskandals ungekannten Ausmaßes – deren Aufarbeitung kaum begonnen hatte, als die 28 Punkte aus den Vereinigten Staaten alles zu überlagern begannen. Im Zentrum des Skandals standen enge Vertraute des Mannes, der nun um Verständnis und Zusammenhalt wirbt. Ist noch genügend Vertrauen übrig, um in diesem entscheidenden Moment geeint zu bleiben? Was sagen die Menschen, um deren Zukunft es geht? Freitagabend, ein Park im Zentrum der Hauptstadt. Wegen des Nieselregens hat sich eine Handvoll Nachtschwärmer unter einem schützenden Blätterdach versammelt. Sie trinken Jägermeister aus Plastikbechern und sprechen laut durcheinander. Wie blicken sie auf den amerikanisch-russischen „Friedensplan“, der sowohl eine Verkleinerung der Armee als auch die Aufgabe des seit über zehn Jahren umkämpften Donbass vorsieht? „Ein Ende des Krieges ist gut, lasst uns ganz ehrlich sein“, sagt ein junger Mann mit wilder Mähne. „Doch was kommt nach diesem Deal, wie soll es weitergehen?“ Es gebe keinerlei Garantien, dass Russland nicht schon nach kurzer Zeit von Neuem angreife. In einem passenden Moment, wenn die Ukraine etwa durch ein politisches Machtvakuum geschwächt sei. Die Sicherheitsgarantien im Entwurf seien vage, es sei unklar, ob sich dahinter überhaupt irgendetwas verberge. „So hoch wie jetzt war der Druck wohl noch nie“, ergänzt der Mann. „Sogar das halte ich für möglich“ Samstagfrüh, ein Boxstudio im Keller eines Wohnhauses im Solomjanka-Bezirk im Westen der Stadt. Verschwitzte junge Männer sitzen nach dem Training auf einer Holzbank und schnüren ihre Boxstiefel auf. Was halten sie von dem neuen Plan? Allgemeines Gelächter. „Was soll man dazu schon sagen, es ist eine Schande, eine Demütigung“, sagt einer. „Das Problem ist, dass die Amerikaner diesmal wirklich Ernst machen“, ein anderer. Ob Selenskyj am Ende notgedrungen doch unterschreiben wird? „Weißt du, dem Kerl ist doch alles zuzutrauen. Vielleicht verrät er alle, unterzeichnet das Dokument und setzt sich im nächsten Moment ins Ausland ab“, antwortet ein Dritter. Die anderen schweigen, es widerspricht keiner. „Vielleicht sollte ich einen Youtube-Kanal mit politischen Analysen aufmachen“, scherzt der junge Boxer noch. Samstagnachmittag, über dem Majdan liegt dichter Nebel. Auf den Treppen hinter den tausenden Gedenkfahnen für die Gefallenen hat sich eine kleine Gruppe Demonstranten versammelt. Es ist nur ein Häufchen Leute, große Proteste gibt es angesichts des Korruptionsskandals nicht. Auf den wenigen handgemalten Schildern stehen Parolen gegen Korruption und die Regierung. Rundherum stehen zur Sicherheit ein paar ernst dreinblickende Männer mit Herrenhandtaschen aus Leder. Eine junge Frau hat sich in eine blau-gelbe Nationalflagge gehüllt und streamt die Veranstaltung mit ihrem Telefon. Etwas widerwillig tut sie ihre Meinung zu dem neuen Plan kund. „Das wäre aus russischer Sicht ein Zwischenschritt auf dem Weg zu ihrem Ziel, die Ukraine zu zerstören“, sagt sie. Es sei schier unvorstellbar, Territorien aufzugeben, für die die Armee derart hart gekämpft habe, sagt die Frau. „Am Ende könnte Selenskyj unterschreiben“, ist sie überzeugt. Sogar die aktuelle Fassung? „Sogar das halte ich mittlerweile für möglich“, antwortet sie.
