FAZ 08.05.2026
15:39 Uhr

Stephen Colbert geht: Warum kriegt das deutsche Fernsehen so einen nicht hin?


Mit seiner „Late Show“ geht Stephen Colbert am 21. Mai zum letzten Mal auf Sendung. Eine taktische Entscheidung seines Senders, zu der auch Colberts Vorgänger David Letterman nichts mehr einfällt. Eine Frage aber bleibt.

Stephen Colbert geht: Warum kriegt das deutsche Fernsehen so einen nicht hin?

Die „Late Show with Stephen Colbert“ ist bald Geschichte – weil CBS, der Sender, auf dem sie seit Ewigkeiten gelaufen ist, sich mit dem Weißen Haus gut stellen wollte und immer weiter nach rechts zu neigen begonnen hat und Colbert (wie seine Kollegen Kimmel und Meyers) nie verborgen hat, was von Trump zu halten ist. CBS erklärt das Ende der Show allerdings mit den schlechten Werten, aber das ist komplett durchsichtig und überhaupt nützt es alles eh nichts mehr. Und so geht also Colbert am 21. Mai zum letzten Mal auf Sendung. Selbst dem großen und lustigen und klugen David Letterman, der diese „Late Show“ vor Colbert über Jahrzehnte hinweg moderiert hatte, fiel jetzt im Gespräch mit der „New York Times“ nicht viel dazu ein, was nicht auch schon andere vor ihm gesagt haben: Schade. Schande. Aber tja. Und was soll man auch sagen. Zudem ist es das Fernsehen anderer Leute, läuft sehr weit weg von hier, ist dank Internet und sozialer Medien vielleicht etwas näher gerückt, aber trotzdem. Man würde sich ja wünschen, im deutschen Fernsehen gäbe es überhaupt mal ein Format wie Colberts „Late Show“, das abgesetzt werden könnte, aber auch das ist eine uralte Klage. Talkshow-Hosts in einer Nation ohne öffentliche Intellektuelle Die Schärfe und Perfektion amerikanischer Fernsehunterhaltung liegt in ihren Produktionsverhältnissen begründet, der Konkurrenzdruck ist obendrein hoch, ständig steigen die nächsten lustigen Menschen bei „Saturday Night Live“ aus, denen man sofort eine Talkshow im Fernsehen wünschen würde (Amy Poehler? Bill Hader? Michael Che?), denn selbst wenn die Zahlen einer wochentäglichen Fernsehshow am späten Abend nicht mehr so sein sollten wie zu Lettermans Zeiten, bleibt das Prestige ungebrochen. In einer Nation mit wenigen öffentlich auftretenden, engagierten Intellektuellen, kommt den amerikanischen Talkshow-Hosts noch einmal eine ganz andere Rolle und Kommentarfunktion zu. Auch Stephen Colbert hat mal für „Saturday Night Live“ geschrieben. Falls es dieser Comedy-Show also eines Tages an den Kragen gehen sollte, fange ich wirklich an, mir Sorgen zu machen – und hier stellt sich die Frage nach dem Generationswechsel tatsächlich, denn Lorne Michaels, der „SNL“ erfunden hat und bis heute steuert, ist 81 Jahre alt. Für Stephen Colbert wird es ein Leben nach der letzten Folge „Late Show“ geben, genau wie bei Letterman, der sie fast auf den Tag genau elf Jahre vorher verlassen hatte und ein eigenes Talkformat instabiler Qualität auf Netflix hat. Aber nur weil es Streamer und Sender gibt, die Colbert liebend gern unter Vertrag nehmen werden, ändert es nichts daran, dass dieser 21. Mai 2026 ein düsterer Tag für Fernsehunterhaltung mit Kopf und Herz sein wird.