FAZ 30.11.2025
11:33 Uhr

Stellenabbau: Hessens Industrie ist in Not


Im Jahr 2025 kündigten viele hessische Betriebe Stellenabbau an. Rechnet man die Zahlen zusammen, bestätigt sich, was Experten schon länger sagen: Das ist keine konjunkturelle Delle, sondern eine Strukturkrise.

Stellenabbau: Hessens Industrie ist in Not

Der letzte Arbeitstag war emotional. Als Ende Oktober das einzige Stahlwerk in Hessen seine Türen für immer schloss, waren viele Mitarbeiter traurig und enttäuscht. Das ist verständlich, denn mit der Zerschlagung des Traditionsunternehmens Bu­derus Edelstahl endet in Wetzlar eine 300 Jahre lange Industriegeschichte. Viele Beschäftigte, die den Niedergang zuletzt erleben mussten, waren Jahre, zum Teil schon Jahrzehnte lang bei dem Unternehmen beschäftigt gewesen. Insgesamt haben rund 450 Beschäftigte in Wetzlar ihren Job verloren. Für die gesamte Region rund um den Standort war die Nachricht von Buderus ein weiterer Tiefschlag, nachdem schon der Automobilzulieferer Continental wenige Monate zuvor angekündigt hatte, sein Werk dort schließen zu wollen. Es sind keine Einzelfälle: Kaum eine Woche vergeht, ohne dass ein Unternehmen einen Stellenabbau ankündigt, eine Werksschließung oder die Verlagerung der Produktion ins Ausland. Die deutsche Wirtschaft steht vor einer Zerreißprobe. Einerseits leidet sie unter einem enormen globalen Wettbewerbsdruck. Darüber hinaus sorgen Bürokratie und Regulierung, hohe Energiepreise, poli­tische Unwägbarkeiten und technolo­gischer Transformation für eine Gemengelage, in der die industrielle Substanz zu erodieren droht. Opel-Partner Segula meldet Insolvenz an Die Gründe für die Abbaupläne in den Betrieben sind oft vergleichbar, die Schicksale dennoch individuell. In Darmstadt kündigte der amerikanische Konzern Borgwarner an, bei seinem Tochterunternehmen Akasol, das einst aus einer Studentengruppe der TU Darmstadt hervorgegangen ist und sich zu einem Aushängeschild der Elektromobilität entwickelt hat, nahezu 350 Stellen zu streichen. Der Mutter­konzern reagiert damit auf die schwächelnde Nachfrage nach elektrischen Nutzfahrzeugen. Nur wenige Kilometer weiter meldete der Opel-Partner Segula in Rüsselsheim Insolvenz an, der Betrieb der Testanlagen für Autos mit rund 330 Beschäftigten wurde eingestellt. Der Lufthansa-Konzern gab Ende September bekannt, bis 2030 rund 4000 Arbeitsplätze streichen zu wollen, die Frankfurter Konzernzentrale dürfte davon überproportional stark betroffen sein. Der Reifenhersteller Goodyear hat kürzlich sein Werk in Fulda mit zuletzt 1000 Beschäftigten geschlossen. In Hanau beendet Evonik die Produktion pharmazeutischer Wirkstoffe, dort waren bisher 200 Mitarbeiter tätig. In Lollar bei Gießen will der Bremsscheibenhersteller Breyden eine Gießerei mit mehr als 200 Beschäftigten für immer schließen. Und in Mittelhessen verliert die Stadt Lich mit dem amerikanischen Onlinehändler Wayfair einen wichtigen Arbeitgeber. Das Beispiel Buderus zeigt exemplarisch, wie ernst die Lage der deutschen Industrie inzwischen ist. Das Werk war bis zuletzt technisch auf der Höhe, der eingesetzte Elektro-Lichtbogenofen galt als besonders fortschrittlich und klimafreundlich – er verschlang aber auch viel Strom, der in Deutschland besonders teuer ist. Und modernste Technik zugunsten der Nachhaltigkeit nutzt Unternehmen wenig, wenn die Stromkosten die zu erzielenden Erlöse mehr als auffressen. Ist die Krise strukturell? Anders als in früheren konjunkturellen Dellen drängt sich zunehmend der Eindruck auf, dass die Krise strukturell bedingt ist. „Gerade kleinere Unternehmen schließen für immer, ohne dass das in der Statistik auftaucht – weil sie einfach keine Zukunft sehen“, mahnt Kirsten Schoder-Steinmüller. Die Unternehmerin aus Langen ist Präsidentin des Hessischen Industrie- und Handelskammertages. Sie hat in den vergangenen Wochen viele Unternehmer kennengelernt, die ihre Selbständigkeit aufgeben und lieber im Angestelltenverhältnis arbeiten, weil ihnen die Perspektive fehlt. Neben solchen stillen Abschieden gibt es aber auch große Abbaupläne, die viele Menschen betreffen, so wie bei Continental: Ehe der Konzern seine Automo­tive-Sparte in Aumovio umbenannte, wurden dort Tausende Stellen gestrichen, außer in Wetzlar auch in Babenhausen, Karben und Frankfurt. Viele Unternehmer und Geschäftsführer, aber auch Banken und Investoren berichten, dass sie Projekte aufschieben, Entscheidungen und Investitionen vertagen. Aber auch Kunden warten danach ab, ob sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wieder verbessern. Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer des Ar­beit­geberverbands Hessenmetall berichtet von einer Befragung des Ifo-Instituts, wonach sich bei jedem dritten Industrieunternehmen in Deutschland die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Ländern au­ßerhalb der Europäischen Union verschlechtert hat. Er weist darauf hin, dass die hessische Industrie mit mehr als 105.000 Euro je Erwerbstätigem deutlich produktiver ist als die Gesamtwirtschaft mit rund 92.000 Euro. „Wo die Produktivität hoch ist, sind auch die Löhne attraktiv“, sagt Pollert. Von diesen überdurchschnitt­lichen Entgelten profitierten nicht nur die Beschäftigten selbst, sondern auch die gesamte regionale Wirtschaft, da sie Kaufkraft, Steuereinnahmen und lokale Nachfrage sicherten. „Die sinkende Wettbewerbsfähigkeit der Industrie ist deshalb nicht nur ein Problem für die Unternehmen, sondern bedroht unseren gesamten Wohlstand.“ Viele Unternehmer sind von der Bundesregierung enttäuscht Für Verunsicherung sorgt dabei auch die Politik der Bundesregierung. Viele Unternehmer hätten große Hoffnung in die Pläne der großen Koalition gesetzt und seien nun vielfältig enttäuscht, wie Schoder-Steinmüller berichtet. Zwar betrachtet es die Präsidentin der hessischen Kammern als Chance, dass mit dem Sondervermögen 7,4 Milliarden Euro für Investitionen in Hessens Zukunft bereitstehen. Allerdings müssten diese Gelder zielgerichtet eingesetzt und strategisch aufeinander abgestimmt werden. „Damit die Investitionen ihre volle Wirkung entfalten, braucht es eine abgestimmte Investitionsarchitektur, in der Straßen, Schienen, Energieinfrastruktur und Wohnraum gemeinsam gedacht und umgesetzt werden“, so Schoder-Steinmüller. Das Geld müsse dort ankommen, wo es die größte Wirkung entfalte. „Wir würden uns mehr Klarheit wünschen, wie die Mittel eingesetzt werden sollen“, sagt die Unternehmerin. Besonders hart getroffen von der Krise waren zuletzt Unternehmen aus der Automobil- und aus der energieinten­siven Chemiebranche. So hat die klassische Chemie, ein wichtiges Standbein der hessischen Wirtschaft, seit 2021 rund ein Drittel ihrer Produktion ver­loren. „Über einen derartigen Zeitraum hat es so einen Einschnitt noch nicht gegeben“, sagt der Vorstandsvorsitzende des hessischen Chemieverbandes VCI, Joachim Kreysing, der auch Chef des Industrieparks Höchst ist. Kein chemischer Betrieb könne noch profitabel produzieren. Trauermarsch wegen Werkschließung Zwar ist davon auszugehen, dass der Industriestrompreis von 2026 an Unternehmen, die besonders viel Energie benötigen und im internationalen Wett­bewerb stehen, entlasten wird. Doch könnten die Entlastungen daran gekoppelt sein, gleichzeitig in neue Anlagen zu investieren, wie Medien zuletzt mit Hinweis auf interne Papiere der Bundes­regierung berichteten. Ob der Industriestrompreis zu einer spürbaren Ver­besserung der Situation beitragen wird, ist unklar. Neun von zehn Betrieben sahen zuletzt laut VCI Hessen und dem Arbeitgeberverband Hessenchemie keine Besserung und keine Hinweise auf eine Trendwende. Stattdessen erwartet rund die Hälfte der befragten Unter­nehmen einen weiteren Rückgang der Beschäftigung. Bei Buderus in Wetzlar wurde in der letzten Woche vor der Schließung des Stahlwerks noch eine letzte Stahlschmelze gemacht. Einige Tage zuvor hatten die Mitarbeiter mit einem Trauermarsch ihren Unmut und ih­re Enttäuschung über die Schließung kundgetan. Robin Mastronardi, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes Mittelhessen, sparte dabei nicht mit deutlichen Worten: „Jeder verlorene Arbeitsplatz reißt ein Loch in unsere Gesellschaft“, sagte er. Es gehe nicht um betriebswirtschaft­liche Rechenexempel – „das sind Menschen, Familien, Geschichte. Ein Werk wie Bu­derus ist nicht irgendein Betrieb – es ist Teil unserer industriellen DNA.“