FAZ 05.01.2026
08:23 Uhr

Steinmeier wird 70: Der Letzte seiner Zeit


Frank-Walter Steinmeier hat viel für das Land getan. Auch dank ihm gelang die erste rot-grüne Koalition und die Agenda 2010. Ein Schatten bleibt seine Russlandpolitik. Eine Würdigung zum 70. Geburtstag des Bundespräsidenten.

Steinmeier wird 70: Der Letzte seiner Zeit

Frank-Walter Steinmeier ist, um den Titel eines zwei Jahrhunderte alten Romans zu zitieren, „der letzte Mohikaner“. Keiner der Politiker seiner Liga, mit denen der Sozialdemokrat groß wurde, das Land regierte, Höhen und Tiefen erlebte, ist noch in einer wichtigen Funktion jetzt, da Steinmeier das siebte Lebensjahrzehnt vollendet und seine zweite Amtszeit als Bundespräsident demnächst vorüber sein wird. Helmut Kohl, an dessen Ablösung Steinmeier als engster Vertrauter des nachfolgenden Kanzlers Gerhard Schröder beteiligt war, lebt nicht mehr. Angela Merkel reist als Bestsellerautorin durch die Welt, mit sich und ihrer Lebensleistung im Reinen. Wo Olaf Scholz ist, weiß kaum mehr jemand. Steinmeiers Vorgänger im Schloss Bellevue genießen entweder noch ein wenig Restwärme des Publikums wie Joachim Gauck, oder sie sind in der Versenkung verschwunden, wie Christian Wulff. Friedrich Merz, der knapp zwei Monate ältere Kanzler, hatte nur vom Spielfeldrand der Politik aus zugeguckt, als Steinmeier seinen politischen Aufstieg erlebte. Zweite Amtszeit, dann die Zeitenwende Unmittelbar bevor Scholz die Zeitenwende ausrief, wurde Steinmeier zum zweiten Mal ins höchste Staatsamt gewählt. Er bekam auf Anhieb eine sehr deutliche Mehrheit. Weite Teile der deutschen Spitzenpolitik waren offenbar überzeugt, dass Steinmeier das Land angemessen vertritt. Das war am 13. Februar 2022. In seiner Antrittsrede fand Steinmeier deutliche Worte zur immer bedrohlicheren Aggression des russischen Präsidenten Wladimir Putin gegenüber der Ukraine. Man befinde sich inmitten der Gefahr eines militärischen Konflikts, eines Krieges in Osteuropa. „Und dafür trägt Russland die Verantwortung.“ Elf Tage später wendete sich das Blatt, wie es sich in Europa seit dem Mauerfall nicht mehr gewendet hatte. Für die Ukraine, für Deutschland und für Steinmeier. Am 24. Februar 2022 wurde aus der Gefahr eines Krieges ein Krieg. Putin überfiel die Ukraine. Auf den Traum sehr vieler Menschen in der Bundesrepublik, mit dem Mauerfall nur noch von Freunden umringt zu sein, folgte ein böses Erwachen. Nicht nur Steinmeier lag daneben Steinmeier hatte als Vertrauter des Putin-Freundes Schröder und später als Außenminister an zentraler Stelle Verantwortung für die deutsche Russlandpolitik, die von zu viel Verständnis bis hin zu einem sich als naiv erweisenden Optimismus geprägt war. Allerdings war er in mächtiger Gesellschaft. In der SPD, CDU und CSU, aber auch in der deutschen Wirtschaft gab es viele wichtige Kräfte, die einen prorussischen Kurs, zumindest keine Abgrenzung von Moskau wollten. Nur waren die meisten von ihnen nach dem 24. Februar 2022 in der Deckung. Merkel wiederum, die kurz zuvor als Kanzlerin abgetreten war, ist inzwischen beschäftigt mit ihren Memoiren, in denen sie den Umgang mit Putin auch nach der Besetzung der Krim im Jahr 2014 verteidigt. Steinmeier war allein auf weiter Flur, als er im April 2022 den Bau einer in Berlin bis zum Überfall auf die Ukraine von vielen verteidigten weiteren russisch-deutschen Gasleitung als falsch bezeichnete. „Mein Festhalten an Nord Stream 2, das war eindeutig ein Fehler. Wir haben an Brücken festgehalten, an die Russland nicht mehr geglaubt hat und vor denen unsere Partner uns gewarnt haben.“ Dass eine nach Kriegsbeginn geplante Solidaritätsreise des Bundespräsidenten in die Ukraine von Kiew abgelehnt wurde, war eine ungewöhnliche Demütigung. Es ist müßig, darüber nachzudenken, was geschehen wäre, wenn Steinmeier, wie sein Vorgänger Gauck, sich gegen eine zweite Amtszeit entschieden hätte. Wäre er – weil nicht der letzte politisch Überlebende der alten Zeit – weniger zur Zielscheibe der Kritik an der deutschen Russlandpolitik geworden? Die Lust am öffentlichen Amt Wie auch immer: Er wollte nicht aufhören. Man spürt bei ihm bis heute eine Lust, ganz oben mitzumachen, auch wenn ein Präsident operativ nicht viel zu entscheiden hat. Und so muss der 1956 als Sohn einer Fabrik- und Forstarbeiterin und eines Tischlers in Detmold geborene promovierte Jurist, der Mitte der Siebzigerjahre in die SPD eintrat, damit zurechtkommen, dass sein Lebenswerk unter dem Eindruck seiner Russlandpolitik beleuchtet wird. Das ändert nichts daran, dass Steinmeier gute Beliebtheitswerte in Umfragen hat. Die Menschen scheinen ihn sympathisch zu finden, nicht nur, weil er seiner Frau eine seiner Nieren gespendet hat. Er wird als Inbegriff des bundesrepublikanischen Spitzenpolitikers wahrgenommen: Freundlich, unaufgeregt, anpassungsfähig, wenige Kanten. Bis heute gibt es keine umfassende Biographie über Steinmeier, während Bücher über Merkel sich turmhoch stapeln und über Merz rund um seine Wahl zum Kanzler gleich drei Bücher zugleich erschienen. Viel getan fürs Land Dabei hat Steinmeier viel getan fürs Land. Er hat geholfen, das erste rot-grüne Regierungsbündnis auf Bundesebene gelingen zu lassen. Er hat an der Arbeitsmarktreform Agenda 2010 von Kanzler Schröder mitgewirkt, die zwar in Teilen seiner Partei unbeliebt war, nicht aber in der breiten Bevölkerung. Von Beginn seiner Zeit als Präsident an hat er sich die Stabilität der Demokratie in Deutschland zum Thema gemacht und damit das richtige Gespür angesichts der immer stärker werdenden AfD bewiesen. Seine Partei nach den gescheiterten Verhandlungen zur Bildung einer Jamaika-Koalition 2017 noch mal in eine große Koalition gedrängt zu haben, statt es zu einer vorzeitigen Bundestagswahl kommen zu lassen, ist seine wichtigste operative Leistung in seiner Zeit als Präsident. Steinmeier pflegt ein enges Verhältnis zu Israel, seine Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit einem sehr kritischen Blick auf seine Landsleute war beeindruckend. Am Montag wird Frank-Walter Steinmeier 70. Im Frühjahr kommenden Jahres endet seine zweite Amtszeit, eine weitere sieht das Grundgesetz nicht vor. Immer ­öfter ist zu hören, nun müsse endlich eine Frau ins Schloss Bellevue einziehen.