FAZ 22.01.2026
07:31 Uhr

Steigende Personalkosten: Pflegeheimbewohner müssen immer tiefer in die Tasche greifen


Der Eigenanteil im ersten Jahr ist 2025 um neun Prozent gestiegen. Damit übersteigt er nun 3200 Euro. In einigen Bundesländern ist es noch vergleichsweise günstig, nicht nur im Osten.

Steigende Personalkosten: Pflegeheimbewohner müssen immer tiefer in die Tasche greifen

Trotz der Milliardenzuschüsse der Pflegekassen müssen Pflegeheimbewohner immer mehr Geld aus eigener Tasche aufbringen. Die durchschnittliche Eigenbeteiligung im ersten Aufenthaltsjahr beträgt inzwischen 3245 Euro im Monat, wie der Ersatzkassenverband VDEK am Donnerstag Früh mitteilte. Damit überstieg der Selbstbehalt zum 1. Januar erstmals an einem Jahresanfang die Schwelle von 3000 Euro. Innerhalb von zwölf Monaten nahm er um 261 Euro oder neun Prozent zu. Eine Abschwächung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Der Anstieg im zweiten Halbjahr 2025 war sogar noch schneller als im ersten. Der Verband bezeichnete die Personalaufwendungen als Haupttreiber der Kosten. Es sei zwar richtig, die Pflegekräfte gut zu bezahlen, sagte Ulrike Elsner, die Vorstandsvorsitzende des vdek. „Aber es kann nicht sein, dass die Lohnsteigerungen zu einem großen Teil den Pflegebedürftigen aufgebürdet werden, hier braucht es endlich eine solidarische Lösung.“ Insgesamt forderte die Verbandschefin: „Wir brauchen eine nachhaltige Finanzierung in der Pflege, die auch die Pflegebedürftigen in Pflegeheimen deutlich entlastet.“ Eigenbeitrag könnte um ein Fünftel niedriger sein Elsner verlangte, die Heimbewohner von den Investitions- und Ausbildungskosten der Einrichtungen zu entlasten. Jeden Monat müssten die Pflegebedürftigen 514 Euro für die Instandhaltung und 124 Euro für die Ausbildung aufbringen, das sind zusammen 20 Prozent der gesamten Eigenbeteiligung im ersten Aufenthaltsjahr. „Heute müssen Pflegebedürftige für Investitions- und Ausbildungskosten aufkommen, die Sache des Staates sind“, stellte Elsner klar. Tatsächlich sind die Bundesländer gesetzlich für die Investitionen zuständig, kommen dieser Pflicht aber ähnlich wie bei den Krankenhausausgaben nur teilweise nach. So zahlten im Jahr 2022 die Pflegebedürftigen rund 4,4 Milliarden Euro für Investitionen in den Heimen, die Länder hingegen nur rund 876 Millionen Euro. Nur 2600 Euro im Monat wären möglich „Wir fordern die Bundesländer auf, diese Kosten endlich zu übernehmen“, sagte Elsner.  „Würde der Staat seiner Verantwortung gerecht werden und die Kosten für Investitionen vollumfänglich übernehmen“ und würden endlich auch die Ausbildungskosten getragen, dann könnten die Bewohner jeden Monat 638 Euro sparen. Damit betrüge der Eigenanteil im ersten Jahr nur rund 2600 Euro statt mehr als 3200 Euro. Im Auftrag von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) arbeitet eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe derzeit Vorschläge zu einer Pflegereform aus, die auch die Heimkosten senken soll. Zu den ersten Ideen gehört die mögliche Deckelung der Eigenanteile. Diese Begrenzung könnte nach Vorstellungen der SPD über einen Sockel-Spitze-Tausch erfolgen: Dann übernähme die gesetzliche Pflegeversicherung alle Kosten oberhalb eines festgelegten Eigenbetrags von zum Beispiel 1000 Euro im Monat. Warken will vollstationäre Pflege erschwinglicher machen Warken hatte in einem Interview mit der F.A.Z. unter Bezug auf den Koalitionsvertrag von Union und SPD Entlastungen angekündigt. „Es ist das Ziel, die Eigenanteile zur vollstationären Pflege in den Griff zu bekommen“, sagte sie. „Man muss auch offen über mögliche Fehlsteuerung nachdenken, etwa bei der Entwicklung der Kosten, die die Menschen in den Pflegeheimen zahlen.“ Damit bezog sich die Ministerin auch auf die sogenannten Leistungszuschläge, die ihr Vorvorgänger Jens Spahn (CDU) 2022 eingeführt und dessen Nachfolger Karl Lauterbach (SPD) im Jahr 2024 erhöht hatte. Seitdem übernimmt die soziale Pflegeversicherung im ersten Heimjahr 15 Prozent der reinen Pflegekosten, auch Einrichtungsbezogener Eigenanteil (EEE) genannt. Im zweiten Jahr sind es 30 Prozent, im dritten 50 Prozent und vom vierten Jahr an 75 Prozent des EEE. Die Leistungszuschläge werden unabhängig vom Einkommen und dem Vermögen der Bewohner gezahlt, auch Millionärswitwen in Luxusresidenzen haben darauf einen Anspruch. Der VDEK beziffert die Gesamtzuschüsse für das Jahr 2024 auf insgesamt 6,4 Milliarden  Euro. Damit fließt jeder zehnte Euro aus den Pflegekassen in dieses umstrittene Instrument.  Die Chefin des Dachverbands der Betriebskassen, Anne-Kathrin Klemm, hatte die Leistungszuschläge in der F.A.Z. „sozialpolitisch fragwürdig“ genannt und ihre Überarbeitung gefordert: „Wir müssen kritisch prüfen: Wo wird das Solidarsystem zum Erbenschutzprogramm.“ Saarland am teuersten, Sachsen-Anhalt am günstigsten Bundesweit betragen die vom Bewohner zu tragenden Pflegekosten, einschließlich der Ausbildungsabgaben, im Durchschnitt zwischen 1685 Euro im ersten und 496 Euro im vierten Jahr. Hinzu kommen die über alle Jahre hinweg konstanten Investitionsaufwendungen von 514 Euro und die ebenfalls gleichbleibenden Ausgaben für Unterkunft und Verpflegung, zuweilen auch „Hotelkosten“ genannt. Diese machen inzwischen 1046 Euro im Monat aus, erstmals zu einem Jahresanfang mehr als 1000 Euro. Der EEE samt Ausbildungskosten hat innerhalb eines Jahres um 13 Prozent und damit mit Abstand am stärksten zugenommen. Unterkunft und Verpflegung kosten jetzt sechs Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Beteiligung an den Investitionen legte um drei Prozent zu, wie die Ersatzkassen bekanntgaben. Den neuen Zahlen zufolge übersteigen die finanziellen Belastungen der Pflegeheimbewohner in fünf Ländern den Bundesdurchschnitt von 3245 Euro im ersten Jahr. Am meisten sind mit 3637 Euro in Bremen zu zahlen, gefolgt von 3601 Euro im Saarland. Dahinter rangieren Nordrhein-Westfalen (3582) und Baden-Württemberg (3532) sowie Hamburg (3284). Am günstigsten ist es mit 2720 Euro in Sachsen-Anhalt. Weniger als 3000 Euro müssen ansonsten nur noch in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen (je 2903) sowie in Sachsen (2986) gezahlt werden.