FAZ 30.11.2025
17:47 Uhr

Start in Biathlon-Saison: Die Französinnen trotzen allen Affären und Gerüchten


Erst Kreditkartenbetrug, dann Waffenmanipulation? Nach einer turbulenten Vorbereitung gewinnen Frankreichs Biathletinnen den Auftakt zur olympischen Saison. Der Verband blockt kritische Fragen vehement ab.

Start in Biathlon-Saison: Die Französinnen trotzen allen Affären und Gerüchten

Das letzte Wort sollte der Sport sprechen. Nach einer turbulenten Vorbereitungsphase haben die französischen Biathletinnen am Samstag das erste Staffelrennen der olympischen Saison gewonnen. In Östersund/Schweden strauchelten nur die anderen, etwa die Deutschen, die Elfte wurden. Die Französinnen triumphierten – allen Affären und Gerüchten zum Trotz. Auf dem Siegertreppchen standen sie ohne ihre zuletzt beste Athletin, die zehnmalige Weltmeisterin Julia Simon. Der französische Skiverband FFS hatte sie Anfang des Monats gesperrt, nachdem sie zuvor wegen Kreditkartenbetrugs zu einer dreimonatigen Haftstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe in Höhe von 15.000 Euro verurteilt worden war. Vor dem Strafgericht ihrer Heimatstadt Albertville bat sie bei den Betroffenen um Entschuldigung. Ihr war vorgeworfen worden, die Kreditkarte ihrer Teamkollegin Justine Braisaz-Bouchet für Einkäufe im Internet missbraucht zu haben. Der FFS erteilte der Neunundzwanzigjährigen ein Wettkampfverbot für sechs Monate, davon fünf auf Bewährung. Beim zweiten Weltcup der Saison Mitte Dezember wäre Simon wieder startberechtigt. Bei der Weltmeisterschaft im Februar leistete sie einen großen Beitrag zum Sieg ihres Teams, das nun in Östersund neu formiert antrat: mit Juniorinnen-Weltmeisterin Jeanne Richard, Océane Michelin, Olympiasiegerin Justine Braisaz-Bouchet und Lou Jeanmonnot, der Zweitbesten im Gesamtweltcup der Vorsaison. Ein Quartett, das allein wegen seiner Vorerfolge als großer Favorit für den Auftaktsieg galt – wenn denn alle die Nerven behalten würden. „Verstoß gegen die Regeln des Zusammenlebens“ Zu dem beherrschenden Thema vor Saisonbeginn, der Kreditkartenaffäre, gesellten sich nämlich neue Gerüchte. Eine Athletin soll, so berichten es französische Medien übereinstimmend, mutmaßlich versucht haben, das Gewehr einer Teamkollegin zu manipulieren. Der Verdacht fiel auf Jeanne Richard. Zu den Mutmaßungen bezog der FFS Stellung: „Im Gegensatz zu gewissen Gerüchten wurde kein Fehlverhalten zwischen Athleten (...) festgestellt“, zitiert das Magazin Ski Chrono aus einem Communiqué. Es habe sich, so hieß es kryptisch, um einen „Verstoß gegen die Regeln des Zusammenlebens“ gehandelt, der „nach einer internen Untersuchung zu einer Sanktion“ führte. Auch die betroffenen Athletinnen sollen bestätigt haben, dass „die Affäre intern geregelt“ worden sei. Damit, so hoffte der Verband, sei alles gesagt, man solle sich nun auf das Wesentliche konzentrieren. Wie „L’Équipe“ es formulierte, seien Journalisten bei einem Medientermin im Abschlusstrainingslager angewiesen worden, ausschließlich Fragen zum Sport zu stellen. Aus Östersund berichtete nun auch die ARD, dass alle anderen Fragen vehement abgeblockt worden seien. Bloß keine Unruhe im Team wecken, s’il vous plaît. „Der beste Weg, um Selbstvertrauen zu bekommen“ Mit dieser Haltung versuchte der Verband schon mit der ständigen Belastung durch die Kreditkartenaffäre umzugehen, die seit dem Sommer 2022 schwelte. „Wir wollen uns wieder in Ruhe an die Arbeit machen“, zitierte „L’Equipe“ Chefcoach Cyril Burdet aus dem finalen Trainingslager. Zumindest teamintern scheint das gelungen zu sein. Sein Quartett kam bei schwierigen Bedingungen – teils vereister Strecke, erst Nieselregen, dann böigem Wind – ohne Strafrunde ins Ziel vor Italien und der Tschechischen Republik. „So zu starten, ist der beste Weg, um Selbstvertrauen zu bekommen“, sagte Lou Jeanmonnot. Die Siebenundzwanzigjährige zählt zu den Medaillen-Favoritinnen bei den Olympischen Spielen in Norditalien, doch in den Winter startete sie mit gemischten Gefühlen: „Am Saisonbeginn weißt du nicht, wo du stehst und wie gut die Vorbereitung war“, sagte sie in Östersund. Sie habe einen gewissen Druck verspürt, weil das Liegendschießen ihr zuletzt ein wenig Sorge bereitet habe. Was sich im Rennen allerdings als unbegründet herausstellte, was darauf schließen lässt, dass sie an die starken Leistungen des Vorwinters anknüpfen kann. Da hatte sie zwar in einem unglaublich spannenden Zweikampf mit Franziska Preuß noch das Nachsehen um den Sieg im Gesamtweltcup gehabt, der Start in die neue Saison gelang der Französin aber weitaus besser als der Deutschen. Preuß tat sich als Schlussläuferin der deutschen Staffel schwer. Zwar brachten Vanessa Voigt und Janina Hettich-Walz das Team mit guten Schießeinheiten in eine aussichtsreiche Position, doch danach geriet Selina Grotian durch zwei Strafrunden in Rückstand. Nur mit zwei fehlerfreien Schießeinheiten hätte Preuß Zeit gutmachen können, aber auch die Weltmeisterin verfehlte zu viele Scheiben und musste eine Extrarunde drehen. „Es ging nach hinten los. Das war einfach nicht gut, da muss man nicht viel dazu sagen“, lautete ihr Fazit im TV-Interview. Ein Trost für die Deutschen ist: die Saison hat gerade erst begonnen. Bis zum Beginn der Olympischen Spiele vergehen noch zwei Monate. Das letzte Wort ist in diesem Winter noch längst nicht gesprochen.