Obwohl die Australian Open noch gar nicht richtig begonnen haben, machen sie allen Beteiligten schon viel Spaß. Im Vorprogramm des Grand-Slam-Turniers trafen die Tennisstars bei einer Gaudi namens „1 Point Slam“ auf australische Amateure und freuten sich, wenn sie den einzigen und entscheidenden Punkt des Matches verloren. Am Platzrand johlten und feixten die Profikollegen. Ähnlich aus dem Häuschen gerieten die Zuschauer in der Rod Laver Arena am Freitag, als der beliebteste Ruheständler der Tenniswelt zeigte, dass er so schön und geschmeidig spielt wie eh und je. Der 20-malige Grand-Slam-Turniersieger Roger Federer hatte sich die Ehre gegeben und knapp eine Stunde lang im klassischen Stil mit dem Norweger Casper Ruud trainiert. Der Schweizer, der im September 2022 seine Karriere beendete, gewann gegen den Weltranglistendreizehnten sogar einen Tiebreak dank sehenswerter Punkte. Auch Alexander Zverev hat schon seinen Spaß gehabt beim „Happy Slam“ in Melbourne. Vor allem bei dem Schauturnier gegen die Amateure, als sich der Deutsche sogar mit seinem halbwegs gemochten Rivalen Daniil Medwedew amüsierte. Als sich Zverev jedoch am Freitag in Melbourne den Medien stellte, war seine Laune nicht mehr die beste. Zum einen zeigte er sich verärgert, weil gewisse Journalisten „irgendwelche Gerüchte“ über sein Privatleben verbreitet hätten. Zum anderen war Zverev angespannt, weil es nun ernst wird mit dem neuen Tennisjahr, von dem er hofft, dass es besser werde als das zurückliegende. Trotz „gefühlt zehn Verletzungen“ habe er 2025 mehr schlecht als recht bis zum Saisonende durchgehalten und den dritten Weltranglistenplatz verteidigt: „Darauf kann ich ein bisschen stolz sein“, sagte der Achtundzwanzigjährige zwei Tage vor seinem ersten Australian-Open-Einsatz nach dem verlorenem Endspiel vor einem Jahr. Carlos Alcaraz und Jannik Sinner dominieren Damals musste Zverev zerknirscht zur Kenntnis nehmen, wie stark das Leistungsgefälle zwischen ihm und dem Finalsieger Jannik Sinner ist. Der Deutsche schien erschüttert und desillusioniert, weil es vielleicht doch nichts mehr würde mit dem ersehnten Grand-Slam-Titel. Im weiteren Jahresverlauf verfestigte sich der Unterschied zwischen den beiden Spitzenkräften Sinner und Carlos Alcaraz und Zverev und dem Rest der Welt. Immerhin könnte sich der Deutsche zugutehalten, dass er 2025 im einzigen Grand-Slam-Finale gestanden hatte, in dem sich nicht der Italiener und der Spanier duellierten. „Ich versuche, mein bestes Tennis zu spielen und gegen die Großen mitzuspielen“, hat sich Zverev für seine zwölfte Teilnahme an den Australian Open vorgenommen. Er habe das Gefühl, fit zu sein und gut trainiert zu haben in den vergangenen Tagen: „Ich bin bereit, am Sonntag auf den Platz zu gehen.“ Bereit sein sollte Zverev unbedingt, körperlich wie mental, wenn er zum zweiten Match des Eröffnungstages antritt, ungefähr um drei Uhr nachts deutscher Zeit (Eurosport). Sein Gegner Gabriel Diallo ist einer der unangenehmsten, die ein gesetzter Spieler wie Zverev zum Auftakt erwischen konnte. Der Kanadier ist 24 Jahre alt und mit seinen 2,03 Meter noch größer als der Schlaks aus Hamburg. Ein „Riesenspiel“ für Zverev zum Auftakt „Er hat ein Riesenspiel, schlägt mit 230 auf und kann sehr zügig von der Grundlinie spielen“, weiß Zverev, ohne bisher auf den Kanadier getroffen zu sein. Was er auch sagte: „Wenn ich mein Spiel spiele und in bester Form bin, dann bin ich auch ein schwieriges Los für alle.“ So selbstbewusst die Worte wirken sollten: Dass ein Weltranglistendritter eine Herausforderung für die Gegner darstellt, sollte man doch annehmen dürfen. Diallo hat nicht nur einen knallharten Aufschlag und spielt das heute übliche Powertennis von der Grundlinie. Er hat auch einen facettenreichen familiären Hintergrund: Seine Mutter Iryna stammt aus der Ukraine, sein Vater Moubassirou aus Guinea, zusammen verließen sie 1991 die zusammengebrochene Sowjetunion, um in Kanada neu zu beginnen. 2001 kam Sohn Gabriel in Montreal auf die Welt, während sich die Eltern mit ungeliebten und mäßig bezahlten Jobs durchschlugen. Dass er sich als Tennisprofi so reinhängt, hat Diallo damit erklärt, „dass dies meine Art ist, ihnen etwas zurückzugeben“. Der Kanadier ist durchs Collegetennis gestählt, seit er als Student der Universität von Kentucky für Aufsehen sorgte. Seinen bisher einzigen Profititel auf der ATP-Tour gewann der aktuell 41. der Weltrangliste vor einem halben Jahr auf dem Rasen von ’s-Hertogenbosch. Zverev hat 24 Turniere gewonnen und geht als Favorit ins Match, auch für Boris Becker. Der Eurosport-Experte, der seinen Landsmann zuletzt oft dafür kritisierte, dass er sich keine neue Expertise ins Trainerteam hole, schreibt Zverev nicht ab. Er habe „wieder die Chance, es uns allen zu zeigen“, sagte Becker. Na dann, viel Spaß.
