FAZ 29.01.2026
11:39 Uhr

Starmer in Peking: Neustart in der Verbotenen Stadt


Der chinesische Präsident preist den ersten Besuch eines britischen Premierministers seit acht Jahren. Während Keir Starmer eine „differenzierte Betrachtung“ Chinas verlangt, zürnen zu Hause die Konservativen.

Starmer in Peking: Neustart in der Verbotenen Stadt

Während die Kluft im Westen wächst, bereitet China dem britischen Premierminister einen symbolträchtigen Empfang. In einer seltenen Geste durfte Keir Starmer in der Verbotenen Stadt vor die Presse treten, wo der Labour-Politiker am Donnerstag von „wirklich konstruktiven Treffen mit konkreten Ergebnissen“ sprach. Aufgrund der „enormen Chancen, die China bietet“, sei die britische Wirtschaftsdelegation entsprechend groß, so Starmer. „Bedeutende Fortschritte“ habe man etwa bei einer Verringerung von Zöllen auf Whisky erzielt, erklärte Starmer. Zudem werde man den Informationsaustausch im Kampf gegen Schleuserbanden vertiefen: Die Lieferung chinesischer Kleinbootmotoren für die Überfahrt über den Ärmelkanal soll eingedämmt werden. „Respektvolle“ Diskussionen habe es über die Inhaftierung des Hongkonger Dissidenten Jimmy Lai und über Chinas Umgang mit den Uiguren gegeben. Das klang angesichts der strategischen Rahmung nahezu bescheiden. Zum ersten Mal seit acht Jahren ist ein britischer Premierminister wieder nach Peking gekommen. In der Großen Halle des Volkes warb Starmer gegenüber dem Staatschef Xi Jinping für eine „differenzierte Beziehung“ zu China. Dies sei unerlässlich, da China ein „wichtiger Akteur auf der Weltbühne ist“. Xi Jinping nahm es an und erklärte, China und Großbritannien seien Partner im Streben nach „Weltfrieden“. Mehr Dialog zwischen beiden Staaten sei angesichts der „Instabilität der aktuellen internationalen Lage“ als ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrats unerlässlich. Die USA nahmen keine Seite namentlich in den Mund. Vielmehr warb Xi für eine „umfassende strategische Partnerschaft“ mit Großbritannien. Er begrüße Starmers Darstellung, dass „China eine Chance darstellt und die Zusammenarbeit mit China unerlässlich ist“. Lob für Labour, Kritik an den Konservativen Ausdrücklich lobte Xi die „Labour-Regierungen“, die dazu „wichtige Beiträge“ geleistet hätten. Für die Konservativen, die eine weit kritischere Chinapolitik verfolgen, fand der Staats- und Parteichef deutliche Kritik: So hätten die chinesisch-britischen Beziehungen „einige Wendungen durchgemacht, die nicht im Interesse unserer Länder lagen“. Chinesische Kommentatoren priesen Starmer als „verlorenen Sohn“, während es anderswo hieß, Starmers Besuch sei keine Hinwendung nach China, sondern lediglich das wechselseitige Verfolgen nationaler Interessen. Die Staatsnachrichtenagentur Xinhua meldete, Peking werde die visafreie Einreise für Briten „aktiv prüfen“. Ähnliches hatte die chinesische Seite auch nach dem Besuch des kanadischen Ministerpräsidenten Mark Carney versprochen, der Mitte Januar ebenfalls als erster Ministerpräsident seines Landes nach vielen Jahren wieder Peking besucht hatte. Das gilt auch für Südkoreas Präsidenten Lee Jae-myung, der Anfang Januar kam, während dessen konservativer Vorgänger Yoon Suk-yeol ebenfalls nicht nach Peking gereist war. So wie Lee wird auch Starmer nach seinem Chinabesuch umgehend nach Japan reisen und dort Ministerpräsidentin Sanae Takaichi treffen, die in Peking wiederum Zielscheibe größter Abneigung ist. Starmer bringt auch Sportler mit In Großbritannien wird Starmers Reise von drastischer Kritik begleitet. Die konservative Oppositionsführerin Kemi Badenoch äußerte, sie hätte die Reise an Starmers Stelle nicht unternommen. Der Premierminister betreibe „den Ausverkauf“ des Vereinigten Königreiches. Starmer hingegen beteuerte, es gehe ihm um einen „erwachsenen Umgang“ mit der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt, nachdem konservative Regierungen in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten einen Zickzackkurs gegenüber Peking verfolgt hätten. Der britische Premierminister brachte nach Peking eine mehr als 60 Köpfe zählende Delegation mit, die nicht allein die Vorstandschefs großer Unternehmen umfasste, sondern auch Inhaber kleiner innovativer Betriebe, etwa des Klappradherstellers Brompton Bike, sowie Kulturmanager und Sportler wie Museumsleiter aus Liverpool oder den Repräsentanten des britischen Tischtennisverbands. Spionagevorwürfe gegen zwei Unterhaus-Mitarbeiter Der Aufbruch nach China wurde zu Hause überdies begleitet von Meldungen, chinesische Hacker hätten in einer großen Spionageoperation die Mobiltelefone von Mitarbeitern der britischen Regierungszentrale Downing Street 10 abgehört und seien in der Lage gewesen, auch private Nachrichten ranghoher Regierungsbeamter abzuschöpfen. Daran schlossen sich Mitteilungen an, Starmer und seine Delegation seien für ihren Besuch in Peking eigens mit „Wegwerfhandys“ und entsprechenden Einweglaptops ausgerüstet worden, um das Ausspionieren persönlicher Daten zu verhindern. Es wurde auch daran erinnert, dass schon Premierministerin Theresa May bei ihrem Besuch vor acht Jahren von britischen Sicherheitsdiensten darauf hingewiesen worden sei, sich lieber unter der Bettdecke ihres Hotelzimmers auszukleiden, um kompromittierende Fotos zu vermeiden. Das Misstrauen gegenüber chinesischen Spionageaktionen ist in London überdies in den vergangenen Monaten durch die Enttarnung zweier Informationslieferanten aus dem Unterhaus und durch den geplanten Neubau der chinesischen Botschaft am Leben gehalten worden, die an einen zentralen Ort neben der Londoner City ziehen möchte. Der Neu- und Umbau auf dem Gelände der einstigen Königlichen Münze erhielt erst vor einer Woche die Genehmigung des britischen Bauministeriums, nachdem zuvor vielerlei Sicherheitsbedenken gegen das Vorhaben geltend gemacht worden waren.