FAZ 17.08.2026
11:41 Uhr

Stadtteilküche: Offene Küche im Riederwald lädt alle an den Tisch


Im Riederwald bietet eine „Stadtteilküche“ Mittagessen für alle an. Das künstlerische Projekt stellt die Frage, ob gute Ernährung nicht eine gesellschaftliche Aufgabe sein sollte.

Stadtteilküche: Offene Küche im Riederwald lädt alle an den Tisch

Regina Dietrich sitzt an einer langen Tafel vor der Philippuskirche im Riederwald und viertelt Pflaumen. Die 77 Jahre alte Frau wohnt in der nahe gelegenen Seniorenanlage am Erlenbruch, ist heute aber mit ihrem Rollator zum Kirchplatz gekommen. Der Grund: eine offene Stadtteilküche, die donnerstags bis sonntags im Riederwald für alle öffnet. Die Idee: ab 10 Uhr wird gemeinsam geschnippelt und gekocht, ab 13 Uhr gibt es dann das gemeinsam zubereitete Essen. Im Anschluss wird in der provisorischen „Spülstraße“ gewaschen. Jeder darf kommen, wann er will – sei es nur zum Vorbereiten, Essen oder Kochen. Dietrich ist seit zehn Uhr da, genauso wie an den ersten beiden Tagen der Aktion. Sie freue sich auf das Essen, sagt sie. Außerdem wolle sie mit ihrer Erfahrung helfen und sich einbringen. Und zusammenzusitzen, sich zu unterhalten und zu kochen, „tue ihr gut“, erzählt Dietrich, die seit 71 Jahren in Frankfurt wohnt. Rund 240 Portionen zur Eröffnung verteilt Die Stadtteilküche ist eine Initiative des Kollektivs „andpartnersincrime“ im Rahmen der World Design Capital in Frankfurt, erläutert Eleonora Herder, die die künstlerische Leitung innehat. Mit einer Schürze bekleidet, koordiniert sie an diesem Tag die Aktivitäten rund um die „offene Kantine“. Zur Eröffnung wurden rund 240 Portionen ausgegeben, erzählt Herder, am zweiten Tag waren es etwa 80. Was auf den Tisch kommt, hängt davon ab, welche Lebensmittel die Küche kriegt. Nach Angaben Herders stammen etwa 80 Prozent der Lebensmittel aus Rettungen, dazu kommen Spenden von Bauern oder Landwirten. Heute stehen Salat, Kartoffeln mit Pilzragout und Ofengemüse auf dem Menü, zum Nachtisch gibt es Bananeneis und Obstsalat, für Kinder Pfannkuchen. Susanne Stimpert, die normalerweise mit ihrem Foodtruck „Sue’s Kitchen“ in Hessen unterwegs ist, ist eine der vier Profiköche, die bei dem Projekt helfen. Sie sieht die geretteten Lebensmittel durch, sortiert schlecht gewordene aus, kalkuliert die Mengen und übernimmt die Verantwortung für das Essen. Die Initiatoren verstehen die Küche als eine politische Forderung. Herder sagt, dass die Verantwortung für nachhaltige Ernährung zu stark beim Einzelnen liege. Angesichts von Ernährungsarmut und steigenden Lebensmittelpreisen greife das zu kurz. Die mobile Stadtteilküche soll dagegen zeigen, dass auch eine „Öffentliche Nahverpflegung für alle“ möglich sei. Bereits in den 1920er-Jahren gab es ein ähnliches Frankfurter Konzept In Frankfurt hat die Idee einen historischen Vorläufer: Vor hundert Jahren organisierten sich Erwerbslose selbst und kochten warme Mahlzeiten für Menschen in Not. Das heutige Angebot solle sich allerdings nicht ausschließlich an Menschen in Not richten, sondern explizit alle ansprechen, sagt Herder. Auf dem Kirchplatz schneiden Menschen jeden Alters Gemüse, waschen Salat, rühren Teig an oder bauen Tische auf. Schürzen, versehen mit Sätzen wie „Jede Revolution beginnt mit einem Auflauf“, werden an die Helfer ausgegeben. Marlene Hess zieht gerade ihre Schürze wieder aus. Die 28 Jahre alte Auszubildende findet das Projekt „spannend“ und will es auch nutzen, um neue Leute kennenzulernen. In den nächsten Tagen will sie wiederkommen – dann auch zum Essen. Ursprünglich wollten die Initiatoren ein leerstehendes Lokal in einem Gebäude der ABG am Erlenbruch nutzen. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft habe eine Zwischennutzung aus Gründen des Denkmalschutzes abgelehnt, sagt Herder. Anfang September zieht die Küche in den Mousonturm im Ostend weiter, wo das Festival „How to Make a Life“ stattfindet. Pünktlich um 13 Uhr trommelt Herder mit einem Suppenlöffel auf einen Kochtopf. Schnell bildet sich eine Schlange von etwa 30 Menschen, Personen aus der Nachbarschaft sind gekommen. Auch die Helfer setzen sich an die Essenstafel. Dietrich sitzt in ihrem Rollator, das Tablett mit Essen vor ihr. Es schmecke hervorragend, erzählt sie ihrer Tischnachbarin: „Zuhause habe ich selten Appetit, aber hier will ich gar nicht aufstehen.“ Die Diskussionsveranstaltungen „Kitchen Debates“ zur Ernährungssicherheit im Rahmen der Reihe World Design Capital finden am 21. und 22. August jeweils von 10 bis 16 Uhr statt.