Herr Graeter, Sie kandidieren für den Münchner Stadtrat, auf der überparteilichen München-Liste. Wie kam es dazu? Die haben mich gefragt. Und ich habe mir gedacht: Wären sie mal vor 20 Jahren gekommen, da hätte ich noch mehr Einfluss gehabt, um die Schwachmaten-Truppe im Rathaus aufzuhalten, allein schreiberisch. Jetzt bin ich ein alter weißer Mann. Solche Leute werden bei uns ja nicht mehr ernst genommen. Das ist übrigens in arabischen Ländern ganz anders. Da werden ältere Menschen besonders respektiert. Die München-Liste scheint mir gegen ein ungezügeltes Wachstum Münchens zu sein. Wie passt dazu Ihr Vorschlag, ein Formel-1-Rennen durch die Innenstadt zu machen? Gar nicht. Ich hab das mit denen auch nicht abgesprochen, aber der Chef ist ein liberaler Typ. Braucht München wirklich ein Formel-1-Rennen? Auf jeden Fall. Denken Sie an die Olympischen Spiele von 1972, die haben München zu einer weltbekannten Stadt gemacht. Formel 1 ist jedes Jahr. Und spielt jedes Jahr viele Millionen ein. Und dann diese Kulisse! Start wäre an der Feldherrnhalle, der Hofgarten wäre das Fahrerlager. Sie denken also nicht, dass man dem Wachstum der Stadt Einhalt gebieten muss? Dom, Dackel, Dirndl, Diridari: Das muss schon weiterhin sein. Ein bisschen Weltdorf. Aber Weltstadt ist besser. Wenn es allerdings in der Stadt weiter nach den Linken geht, kann man darauf warten, bis die das Auto gegen Kutschen eintauschen. Haben Sie keine Angst, dass die Seele der Stadt dem Kommerz geopfert wird? Ach was, die Bayern haben eine hohe Schmerztoleranz, die haben sogar die Preißn ertragen. Wenn es nach mir geht, ich würde sogar die U-Bahnen verkaufen. An Red Bull oder Coca-Cola: Dann fahren die Züge in Rot-Weiß durch den Untergrund. Dafür können dann die Schüler, Studenten und Rentner zum Nulltarif fahren. Die Züge sieht oben eh keiner. Da blicken wir durch die Zweige der Kastanienbäume in den weiß-blauen Himmel. Das ist doch die Seele Bayerns. Ihre sonstigen politischen Prioritäten? Ganz wichtig: Das Bargeld muss erhalten bleiben. Haben Sie was zu verheimlichen, Transaktionen, von denen keiner wissen soll? Ich hasse Bevormundung. Es hat keinen zu interessieren, wenn ich mir zum Beispiel drei Doppelbetten kaufe. Und es geht auch keinen was an, was ich damit mache. Außer vielleicht Jesus Christus. Wer soll der neue Oberbürgermeister von München werden? Soll es der Dieter Reiter bleiben? Ich nenne den Reiter ja Förster. Wieso? Weil er nach dem Vorbild von Paris einen Wald am Marienplatz pflanzen will. „Wald“ scheint mir stark übertrieben. Und Bäume tun der Stadt doch gut. Was den Marienplatz betrifft: Ich kenne noch die Zeiten, als da die Trambahn drübergefahren ist. Die waren nicht so schlecht. Heute wird alles für die Radfahrer gemacht. Die dürfen sogar in entgegengesetzter Richtung in die Einbahnstraße fahren. Wenn ich nachts mit dem Auto in die Klenzestraße einbiege und denk, was flackert da vorne denn für ein Kerzenlicht, dann entpuppt sich das als Radfahrer. Wenn es so weitergeht, bauen die bald ganze Autobahnen für Radfahrer. Das ist doch nicht normal. Da müssten Sie sich eher beim CSU-Mann Baumgärtner wiederfinden … Ich glaube, der hätte eine Chance gehabt, wenn er mit seiner runden Hornbrille nicht einen auf Harry Potter gemacht hätte. Ich glaube, der ist falsch beraten worden. Eine randlose Brille – und er wäre als seriöser Intellektueller durchgegangen. Aber so? Da krieg ich ja Angst, wenn ich nachts an einem der Plakate vorbeilauf. Waren Sie je in einer Partei, zum Beispiel in der CSU? Nein. Der Strauß, von dem ich bis heute ein großer Fan bin, hat mich zwar mal gefragt, aber ich hab Nein gesagt, weil ich weiter unbefangen über ihn schreiben wollte – und mit ihm verkehren. Ich erinnere mich, wie wir im Auto im Ruhrgebiet unterwegs waren, zu einem Wahlkampfauftritt. Während der Fahrt sagte ich zu ihm, er sollte lieber große Krägen tragen – das macht einen guten Hals. Und ich hab ihm empfohlen, bei de Preißn mehr Flanell anzuziehen. Damit er mehr als Gentleman rüberkommt statt als Aufrührer. Da sagte er zu mir: „Ich bin doch nicht der Fuchsberger!“ Sie haben mal ein Buch geschrieben zur Frage: „Wer ist was in München?“ Wer ist heute noch was? Es gibt schon noch die Reichen und die Schönen. Aber diese Gesellschaft muss erkannt und widergespiegelt werden. Wenn unsere Zunft ihr nicht mehr den Spiegel vorhält, zerfällt das. Wie oft haben Leute zu mir gesagt: „Du hattest ja noch ganz anderes Material!“ Von wegen! Ich musste mir das alles erarbeiten. Den Flick zum Beispiel. Viel Pulver, aber auch ein großartiger Pingpong-Partner. Wenn man mit dem im Konvoi unterwegs war, war im zweiten Wagen immer ein Kühlschrank mit Snacks. Wenn man Hunger hatte, konnte man sich da Kaviar holen. Über wen würden Sie heute schreiben? Ich würde schon die Fußballer mit einbauen. Die leben heut ja auch wie die Fürsten. Und jemanden wie Cathy Hummels? Würde mich nicht interessieren. Es reicht nicht, sich mit einem Fußballer ins Bett zu legen und danach auf Influencer zu machen. Ich dachte ja immer, „Influencer“ sei eine Krankheit. Ist es auch. Ruhm entsteht jedenfalls nicht durch Selbstbespiegelung. Das müssen schon andere übernehmen. Wie gestaltet sich Ihr Wahlkampf? Gleich gehe ich im Sechzger-Trikot mit der Nummer 12, meinem Listenplatz, zu einem Wahlkampfstand am Gärtnerplatz. Ich habe auch schon ein Weißwurstfrühstück gemacht. Da wurde eine Folge „Kir Royal“ angeschaut, man konnte mir Fragen stellen, dann ging es zum Politischen über. Das war aber von einer anderen Partei organisiert, die mich offenbar auch gut findet. Welcher? „Basis“ heißen die. Ah, okay. Sie werben auch mit „Baby Schimmerlos“. Sind Sie denn sicher, dass Sie das Vorbild waren für den Klatschreporter in Dietls „Kir Royal“? Es gibt ja auch die Spekulation, dass es der „Hunter“ war, also Hannes Obermaier, Ihr Vorgänger bei der „Abendzeitung“. Die Behauptung hat der Dietl selber in Umlauf gebracht, kurz vor seinem Tod, bei einer „Bambi“-Verleihung. Es ist natürlich Quatsch. Seine eigene Frau sagte zu mir: „Michi, reg dich nicht auf.“ Hab ich gar nicht. Ich weiß ja, wie es war. Wie? Der Dietl hat das nur gestreut, weil er sauer war wegen der schlechten Kritiken für seinen Berlin-Film „Zettl“. Er dachte, ich hätte was damit zu tun. Er und der Hunter, die haben sich ja gar nie getroffen. Der Hunter ist ja nur an der Bar im „Bayerischen Hof“ gesessen und hat da die Leute kommen lassen. Der hat nicht gearbeitet wie der Baby Schimmerlos mit seinem Fotografen. So habe aber ich gearbeitet. Und mein Fotograf sah auch so aus wie der Herbie in der Serie, also der Dieter Hildebrandt. Auch der Name „Kir Royal“ ist bei mir entstanden: Es war das erste Getränk auf der Karte in meinem Schwabinger Café Extrablatt. Da ist der Dietl hingekommen, ausgepowert nach „Monaco Franze“, auf der Suche nach Inspiration. Ich hab ihm dann vorgeschlagen, er solle doch was über einen Klatschreporter machen. Hat er dann ja auch. Wir beide sind in L.A. gewesen, haben im Chateau Marmont gewohnt und haben uns dreimal mit dem Helmut Berger, einem alten Spezi von mir, getroffen. Den hab ich dem Dietl vorgeschlagen als Baby Schimmerlos, auch für eine englische Version. Eitelkeit ist ja international. Die Linda Evans sollte die Verlegerin Friedmann spielen. Und die Joan Collins hätte die Rolle von Senta Berger gekriegt. Der Helmut hätte es gemacht, aber der Dietl hat am Ende Angst gehabt, ihn zu besetzen, weil er gespürt hat, dass er ihn nicht in den Griff kriegt. Stattdessen wurde es Franz Xaver Kroetz, der gerade 80 geworden ist. Haben Sie ihm gratuliert? Ich habe seine Handynummer nicht mehr, weil mir irgendwann mein Handy ins Wasser gefallen ist, da waren 30 Prozent meiner sehr wertvollen Nummern weg. Aber ich habe seine Ex, die Marie Theres, die Tochter von der Maria Schell, angerufen und ihr gesagt, sie solle ihm ausrichten, dass er bitte 160 werden solle, also zwei Mal achtzig, aber bitte ohne Opa-Ferrari. Opa-Ferrari? Rollator. Sie selbst sind jenseits der 80. Noch fit? Bisher ja. Ich bin noch sehr tatendurstig. Zum Ausruhen habe ich auf dem Ostfriedhof noch lange genug Zeit.
