Der Brückenbau ist inzwischen so oft als Symbol für die Verständigung zwischen zwei einander fremden Menschen oder Gruppen verwendet worden, dass mitunter in Vergessenheit gerät, wie wichtig er im ganz buchstäblichen Sinn sein kann. Das lässt sich besonders eindrücklich am Beispiel von Rotterdam zeigen. Dort hat der Bau von zwei Brücken, der Erasmus- und der Rijnhaven-Brücke, den Weg für eine entscheidende Weiterentwicklung der Stadt bereitet. Der erste Schritt wurde im Jahr 1996 gemacht, nachdem die Stadtverwaltung die südlichen Hafenviertel jenseits der Maas wiederentdeckt hatte und die elegant-dynamische Erasmusbrücke, die über die Maas hinweg Kop van Zuid und Wilhelminapier miteinander verbindet. Ihr Bild ist längst fester Bestandteil des Stadtmarketings; vor allem aber hat sie maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die Stadt in ihrem Süden weiterentwickelt hat. Schon bald zeigte sich allerdings, dass der Stadtteil Katendrecht am südlichen Rand des Rijnhaven vom Wandel unberührt blieb. Die Erinnerung daran, dass das damalige Dorf im neunzehnten Jahrhundert bei den Sommerfrischlern unter Rotterdams Honoratioren beliebt gewesen war, die sich an den Poldern stattliche Wochenendhäuser bauen ließen, war längst verblasst. Schon im Jahr 1889, als der Rijnhaven entstand, wurden große Teile der Ortschaft geflutet. Und als der Maashaven folgte, wurden siebenhundert Häuser und Bauernhöfe abgerissen und Tausende Menschen zwangsumgesiedelt. Von Katendrecht blieb nur eine Landzunge übrig. Unversehens begann ein schleichender Niedergang, es entstand ein typisches Hafenviertel. Fenix als programmatischer Name Das änderte sich erst, als 2012 eine eher unscheinbare Fußgängerbrücke – die Rijnhavenbrug – zwischen Wilhelminapier und Katendrecht gespannt wurde. In ein altes Kaffeelager am Rijnhaven zog daraufhin die Kooperative Fenix Food Factory ein, die schnell über Rotterdam hinaus populär wurde. In den Speicherhallen richteten sich Cafés, Restaurants, Galerien und Ateliers ein. Der Erfolg fand Nachahmer, bis dahin ungenutzte Fabrikgebäude, leere Speicherhallen und verfallene Wohnhäuser wurden auf Vordermann gebracht. So entstand nur wenige Meter neben der Fenix Food Factory ein getreppter Aufbau aus sieben Apartmentgeschossen. In der Stadtgesellschaft diskutierte man plötzlich lebhaft, wie mit einem der prägendsten Hafengebäude, dem gewaltigen San-Francisco-Warehouse von 1923, umzugehen sei. Denn das Lager ist für die Rotterdamer ein Sinnbild des Zweiten Weltkrieges, es wurde während des verheerenden deutschen Luftangriffs vom 14. Mai 1940 stark beschädigt. Und kurz nach Kriegsende zerstörte ein Feuer weitere Teile des Gebäudes. Wenig später entstanden aus den Trümmern die Speicherbauten mit den programmatischen Namen Fenix I und Fenix II. Mittlerweile gehören sie zu den prägendsten Bauten am Rijnhaven. Aus Fenix II musste die Fenix Food Factory ausziehen, um ihre jetzige Bleibe in den noch erhalten gebliebenen Resten von Fenix I zu finden. Hintergrund des Umzugs war der Beschluss der Rotterdamer Stadtverwaltung, den einstigen Kaffee-Speicher Fenix II in ein Migrationsmuseum umzubauen. Es wurde im vergangenen Frühjahr eröffnet; es erinnert daran, dass das Hafenviertel noch nach dem Krieg viele Seeleute aus China, Surinam und den Kapverdischen Inseln anzog. An diesen Migrationsgeschichten orientierten sich MAD Architects aus Peking, als sie in das Museum eine spektakuläre Treppenskulptur mit Aussichtsplattform über den Rijnhaven einfügten. Der Utrechter Stadtforscher Maarten Hajer, der 2016 die Rotterdamer Architektur-Biennale in den Lagerhallen der Fenix Food Factory ausrichtete, äußerte seinerzeit: „Mit den riesigen freien Flächen könnte Katendrecht zum Testgelände für eine Stadtentwicklung jenseits der Gentrifizierung werden; vorausgesetzt, Stadtentwickler und Zivilgesellschaft arbeiten zusammen.“ Dieser städtische Wandel ist nun greifbar. Denn direkt neben Fenix I ragt die ikonische Industrie-Architektur von Codrico empor, die zum Zentrum des Hafenumbaus werden soll. Bis vor wenigen Jahren war Codrico noch in der Lebens- und Futtermittelproduktion tätig, schlitterte dann aber in die Insolvenz. Schon im Frühjahr präsentierten die Architekten des Büros Powerhouse Company den ambitiösen Masterplan für den Umbau des Areals; das Projekt firmiert unter dem Namen Codrico Terrain. Die Powerhouse-Mitarbeiter selbst schauen von ihrem Arbeitsplatz aus über den Rijnhaven hinweg auf das Codrico-Areal. Das Gebäude, in dem Powerhouse seinen Sitz hat, nennt sich Floating Office Rotterdam. Es handelt sich um eine dreistöckige Holzkonstruktion mit begrüntem Dach, Solarpaneelen und Wasserkühlung, die auf einer schwimmenden Plattform errichtet wurde. Den Bau, in dem auch die Klimaforscher vom Global Center of Adaption residieren, wollen die Architekten als gebautes Manifest für die nachhaltige Entwicklung Rotterdams verstanden wissen. Neubauten orientieren sich an historischer Typologie Für Nanne de Ru, Gründer der Powerhouse Company, steht das denkmalgeschützte Codrico Terrain mit einer Gesamtfläche von 190.000 Quadratmetern sinnbildhaft für die grundlegende Transformation des Rotterdamer Industriehafens. Man plane eine erweiterte Stadtlandschaft mit ausgedehnten Grünzonen. Dabei beschwört Nanne de Ru zugleich die besondere Hafenatmosphäre Katendrechts: „Der Geist von Katendrecht ist im Codrico Areal noch spürbar, er ist für uns eine wichtige Inspirationsquelle.“ Durch Sanierung, Umbau und Erweiterung der bestehenden Speicher- und Fabrikgebäude sollen in Zusammenarbeit mit Office Winhov insgesamt 1500 Miet- und Eigentumswohnungen entstehen, davon 50 Prozent für das preisreduzierte Segment. Auch Kultureinrichtungen sollen auf dem Areal unterkommen. Die Geschichte des Codrico Terrains soll auch dadurch fortgeschrieben werden, dass zwei Silos aus den Jahren 1954 und 1966 nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip transformiert werden. Um die graue Energie zu nutzen, wurden verwertbare Materialien aus den Speichern herausgetrennt, gelagert und am Ende des Recyclings an neuer Stelle wieder eingesetzt. Die künftigen Neubauten auf dem Codrico Terrain orientieren sich an der Typologie der lokalen Hafengebäude. Beispielsweise interpretiert der Wandblok-Komplex von Powerhouse die rhythmischen Verläufe der hafentypischen Klinkerfassaden. Auch der von SHoP Architects entworfene 220 Meter hohe Codrico-Tower, mit markanten Vor- und Rücksprüngen, ist einem Erscheinungsbild verpflichtet, das an die Zeit der Rotterdamer Hafenerweiterung erinnert. Einen gänzlich anderen Akzent will das Delfter Architekturbüro Mecanoo mit dem Maritime Center Rotterdam am östlichen Hafenende setzen. Der helle, öffentlich zugängliche Bau in Form einer Triplehelix wird sich auf der Wasseroberfläche schlängeln; in ihm sollen Institutionen der Meeresforschung, der Kultur und der Wirtschaftsförderung unterkommen. Francine Houben, Gründerin von Mecanoo, hofft, dass das Gebäude der weiteren Entwicklung des Gebiets zwischen Rijnhaven, Katendrecht und Maashaven Schwung verleihen kann. Schaut man sich die von Barcode Architects erstellte Animation des gesamten Rijnhavens an, dann reibt man sich erst einmal die Augen. Aus der Vogelperspektive gleitet der Blick über die Rijnhavenbrug, vorbei an dem grün gesäumten Codrico-Ufer, den aufgeschütteten Sandstrand hinter dem Maritime Center und endet schließlich an dem der Wilhelminapier vorgelagerten grünen Eiland mitsamt angedocktem Floating Office Rotterdam. Wenn diese Vision Wirklichkeit werden sollte, könnte hier im besten Sinne die Metropole des 21. Jahrhunderts entstanden sein: Ein verdichtetes Rotterdam mit Hochhaus-Silhouette, viel Wasser und viel Grün. Das Projekt, den Industriehafen nach ökologischen Kriterien umzubauen, wird durch den neu entwickelten Gezeitenpark Keilehaven an der Maas ergänzt. Dort wird ausgelotet, inwiefern ein gemeinsamer Lebensraum von Natur und Mensch entstehen kann. Gemeinsam zielen die Vorhaben auf ein Rotterdam, das sich grundlegend von der Nachkriegs-City um den Lijnbaan unterscheidet, einer City, die prototypisch für die autogerechte Stadt geworden ist.
