Es sei ihm wichtig gewesen, „auch dem Gedenken Platz einzuräumen“, sagte Frank-Walter Steinmeier in den Trümmern der gotischen Kathedrale von Coventry, fast am Ende seines dreitägigen Staatsbesuches in Großbritannien. Und Coventry, die Industriestadt im Herzen Englands, deren Zentrum im November 1940 von deutschen Brandbomben in ein Flammenmeer verwandelt wurde, symbolisiere nun einmal „den Tiefpunkt“ im Verhältnis beider Nationen, so der Bundespräsident. Aber es stehe auch für einen Wendepunkt: Schon gleich nach dem Krieg streckten Kirche und Bürger von Coventry eine Hand zur Versöhnung nach Deutschland aus – eine erste Städtepartnerschaft mit dem gleichfalls stark zerstörten Kiel entstand schon 1947, zwei Jahre nach Kriegsende, eine weitere, mit Dresden, in den Sechzigerjahren. Steinmeier erinnerte an die Vergangenheit mit einem Kranz, den eine Armeekadettin präsentierte und am Fuß des aus Trümmersteinen zusammengefügten Altars in der Apsis der Kirchenruine ablegte. Während der Andacht, die anschließend nebenan im Nachkriegs-Neubau der Kathedrale folgte, fand ihr Dekan, Reverend John Witcombe, Wendungen der Versöhnung. Dabei ebnete er die Unterscheidungen zwischen einstigen Tätern und Opfern ein zugunsten eines gegenwärtigen, gemeinsamen Urteils und gleichgerichteter Hoffnungen auf die Zukunft. Er sprach von der „gemeinsamen Erzählung“ Coventrys und Dresdens, die von „Zerstörung, Wiederaufbau und mutiger Freundschaft“ bestimmt sei. Und er beschwor die deutsch-britische Partnerschaft, das Band zweier Länder, „die durch die Verwüstungen des Krieges gingen, Versöhnung bejahten und nun Seite an Seite stehen als Anwälte des Friedens in Europa und der Welt“. Grünbein will Dresden und Coventry nicht in einem Atemzug nennen Der Dichter Durs Grünbein, den der Bundespräsident als Ehrengast mitgenommen hat auf die Staatsvisite, las anschließend ein Gedicht vor, das die Dresdener Bombennacht schildert. Zuvor aber sagte er, es sei ihm wichtig, beide Städte nicht in einem Atemzug zu nennen; es gelte schon, die Reihenfolge deutlich zu machen, erst Coventry, dann Dresden. Im Stuhlkreis der Kirchenandacht saßen Schüler aus beiden Städten und Soldaten in blauen Uniformen; junge Offiziere der Royal Air Force und der Luftwaffe, die gerade in Großbritannien bei Stäben der NATO etwa oder auf Austauschposten Dienst tun. Etwa ein deutscher Oberleutnant, der gerade den britischen Zugführer-Lehrgang absolviert, trug unter den Schulterklappen auch ein Airforce-Regimentsabzeichen. Die Andacht endete mit einem auf Deutsch gesprochenen Vaterunser. Das machten sie hier an besonderen Tagen immer so, sagte der Dekan. Der Bundespräsident äußerte sich erst nach der Versöhnungsandacht. Ein Journalist fragte Steinmeier, ob er, der sich für eine allgemeine Dienstpflicht eingesetzt habe, denn mit der nun beschlossenen Musterungspflicht zufrieden sei. Steinmeier antwortete, man könne die Vergangenheit nicht einfach in die Zukunft fortschreiben, angesichts der dramatischen geopolitischen Entwicklungen; „wir müssen uns auch selbst verpflichten, mehr zu tun“.
