FAZ 25.12.2025
16:02 Uhr

Spurensuche in Paris: Sind sie jetzt alle durch den Wind in Frankreich?


Ständiger Haushaltsstreit, stärker werdende Rechte – und das Problem mit den Ärzten: Hinter den Franzosen liegt ein turbulentes Jahr. Und wie geht ihnen? Auf Spurensuche in einem Café der Hauptstadt.

Spurensuche in Paris: Sind sie jetzt alle durch den Wind in Frankreich?

„C’est la merde“, sagt Annick. Es ist alles ein großer Mist. Aber war es das nicht schon immer? Sie lacht. Nein, sagt die 77 Jahre alte Rentnerin dann. „Momentan ist es noch schlimmer, aber das haben wir in Frankreich vielleicht auch schon immer gesagt.“ Es ist ein Dezembermorgen in Paris, ein Wochentag wie jeder andere. Es dämmert noch, die Luft ist kühl, leichter Nebel hängt in den Straßen, und die Händler auf dem kleinen Platz im Pariser Osten füllen ihre Marktstände mit Obst und Gemüse, mit Fisch und Fleisch, mit Käse und Honig, als die Türen eines kleinen Eckcafés aufgeschlossen werden. Hier am Tresen ist wohl der beste Ort, um zu erfahren, wie es den Franzosen gerade geht. Denn wenige andere Orte verkörpern die französische Lebensart so sehr wie ein Café, hier wird schon am frühen Morgen über das Leben und die Lage der Nation diskutiert. „Der Tresen eines Cafés ist das Parlament des Volkes“, sagte einst Honoré de Balzac. Und was sagt das Volk an diesem Tresen? C’est la merde. Regierungskrise, Rentenreform, Staatsverschuldung, Ex-Präsidenten vor Gericht, Proteste und Blockaden, Drogenmafia in Marseille, dreiste Louvre-Diebe? Hélas! Ein bisschen schäkern, dann ein Blick in die Zeitung Annick bekommt ihren Café allongé, ohne zu bestellen, serviert. Sie wohnt nur wenige Meter entfernt und kommt seit einigen Jahren jeden Morgen an diesen Tresen. Zumindest dann, wenn sie nicht in ihrem Landhaus ist, drei Stunden von der Stadt entfernt. Dort verbringt sie ihre Sommer, wie sie sagt. Fotos hat sie selbstverständlich auf dem Handy auch direkt parat. Hier das Haus, hier die Einfahrt, der Garten, hier der Nachbar – „ein ganz netter Mann, er ist schwul“ – und die Katze. Sie ist die Französin, die man sich vorstellt, wenn man an Paris denkt. Sie wirkt jünger, als sie ist, trägt ihre bräunlich-rot gefärbten Haare kurz und Rot auf den Lippen. Dunkle Lederhose, edle Strickjacke und Loafer. Sie setzt sich auf den Barhocker, schäkert ein wenig mit dem jungen Mann hinter dem Tresen („quel beau gosse“), dann ein Blick in die Zeitung, die auf dem Tresen liegt. „Le Parisien“ titelt mit dem Haushaltsstreit, wie so oft in den letzten Tagen und Wochen. „War Patrick schon hier?“, fragt Annick. Ihn und einige andere Rentner aus dem Viertel trifft sie hier fast jeden Tag. Doch heute hat sie ihn verpasst, Patrick war noch früher dran als sonst. Aber Josué ist da. Er ist ein Mann in seinen Vierzigern, trägt Bart, Mütze und einen Wollpullover, der aussieht wie selbst gestrickt. Josué ist Soziologe und arbeitet an einer Universität in der Nähe von Paris. Er sitzt an einem Tisch neben dem Tresen und korrigiert Klausuren. Aber Zeit, um über die Lage des Landes zu sprechen, hat er trotzdem. „Wir haben keine Regierung, und die Rechten werden immer stärker“ „Annick, du hast recht“, sagt er. C’est la merde. „Wir haben keine Regierung, und die Rechten werden immer stärker, so wie überall in Europa und der Welt.“ Es sei keine rein französische, sondern eine europäische Angst. „Aber in Italien läuft es ja auch ganz gut mit Meloni, oder?“, sagt Annick und betont gleichzeitig, dass sie nie und unter keinen Umständen dem Rassemblement National (RN) ihre Stimme geben würde. Das wisse man ja nicht, weil man dort nicht lebe, entgegnet Josué. Die beiden diskutieren, es geht hin und her. Dann wechselt Annick plötzlich das Thema: „Naja, wir haben ja auch das Problem mit den Ärzten.“ Sie winkt dem beau gosse hinter dem Tresen zu, noch einen Café allongé, s’il te plaît. Annick erzählt, wie sie wegen eines Ausschlags verzweifelt nach einem Arzt gesucht habe. Aber es gebe nicht genug, niemand nehme mehr Patienten auf. Und die viele jungen Mediziner wanderten nach ihrem Studium in Frankreich nach Kanada oder in die Schweiz aus. Könnte man die nicht dazu zwingen, hier zu bleiben? Das beschäftigt auch einen Mann, der auf der mit Plastikplanen überdachten Terrasse des Cafés sitzt. Er heißt Olivier, „wie der Baum“, ist 62 und Optimist, wie er direkt sagt – und das, obwohl sein Leben auch nicht immer einfach ist. Olivier ist Frührentner, seit er vor einiger Zeit schwer krank geworden ist. Näher darauf eingehen will er nicht. Vor der Krankheit hat er im Einzelhandel gearbeitet. Reich sei er nicht, aber er komme zurecht. Im Norden von Frankreich, wo Brigitte Macron ein Haus hat, da wohnt auch Olivier. Genug Ärzte gibt es dort aber nicht, daran kann auch präsidiale Prominenz nichts ändern. Deswegen kommt er alle drei Monate für eine Woche hier nach Paris, um zu seinem Arzt zu gehen. Frankreich sei nun mal zentralisiert. In Paris gebe es alles, im Rest fehle es an vielem. So war es schon immer, so wird es auch bleiben. Wäre Josué noch da, er würde Olivier wohl widersprechen. Noch vor einer halben Stunde hat der Soziologe erzählt, wie sich die Zentralisierung in Frankreich langsam aufweiche, wie um Städte wie Bordeaux und Lyon wirtschaftlich wachsende Metropolregionen entstünden. Aber ist das womöglich die Sicht des verwöhnten Parisers? Womöglich. Trotzdem sagt Olivier, es gehe schon. Manchen Regionen gehe es gut, manchen eher schlecht. Aber mein Gott, man lebe schließlich noch in Frankreich, was ein Glück. „Uns geht es so gut“, sagt er. „Aber wir alle stehen an einer Schwelle, wir müssen uns überlegen, wie wir in dieser Welt leben wollen.“ Das Übliche? „Comme d’habitude?“ Vom Markt hallt der typische Singsang der Verkäufer herüber. „Un euro, un euro, un euro.“ Es fängt an zu nieseln. Mittlerweile hat sich das Café gefüllt. Die Kaffeemaschine surrt ununterbrochen, Wasserdampf steigt auf und beschlägt die Scheiben dahinter. Im Akkord gehen Espresso und Allongé über den Tresen. Das Übliche? „Comme d’habitude?“, werden die Stammkunden gefragt, die nur für fünf schnelle Minuten von der Baustelle, aus der Apotheke gegenüber, auf dem Weg zur Arbeit oder zum Markt hereinschneien. Manche haben mehr Zeit mitgebracht. Einige lesen Zeitung, andere sitzen vor ihren Laptops. Ein Mann mit Airpods in den Ohren gestikuliert wild vor seinem Bildschirm. Für die Umsitzenden gut hörbar, spricht er auf Englisch mit starkem französischen Akzent über „international projects“. Er kneift die Augen zusammen, fährt sich über den kahl rasierten Kopf und schnauft. „C’est ton fucking problème.“ Emotionale Männer in Onlinemeetings sind auf jeden Fall nicht mehr das „fucking problème“ von Léonore. Die Businesswelt hat die Sechzigjährige hinter sich gelassen, wenn auch nicht ganz freiwillig. Sie betritt das Café in eine braune dicke Plüschjacke gehüllt. Vorsichtig lässt sie sich auf einen Stuhl in Nähe des Tresens fallen, die Jacke behält sie an. Sie kann nur kurz bleiben, aber Zeit für einen Kaffee und ein Croissant nimmt sie sich trotzdem. Gleich muss sie weiter, dann beginnt ihr Schauspielkurs. Begonnen hat Léonore den Kurs im September, zur rentrée, wie man die Rückkehr in den städtischen Alltag nach dem langen Sommer nennt. Davor war sie in einem großen internationalen Unternehmen angestellt. Aber dann gab es eine Umstrukturierung, und sie wurde überflüssig. So fühlte es sich zumindest an, sagt sie. Sie sei traurig gewesen. „Braucht man mich nicht mehr?“, sei ihr durch den Kopf gegangen. Gedankenverloren reißt sie ein Stück von ihrem Croissant ab, als sie das erzählt. Auf dem Tisch vor ihr liegen Blätterteigkrümel, auch ihr Mantel ist voll davon. Daran erkennt man ein gutes Croissant: Die knusprige Schicht zerfällt, wenn man das Gebäck an der Spitze, dem l’oreille, auseinanderzieht. Nochmal neu anfangen mit 60 Jahren Ihr Leben sei jetzt schöner denn je, sagt Léonore: eine neue Chance. Eines nervt sie aber doch: „35 Jahre lang bin ich jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit gefahren. Nun muss ich den Bus nehmen.“ Das sei nicht nur über die Maßen stimulierend – wie die Sardinen quetsche man sich –, es sei auch eine Frechheit, dass die Regierung erwarte, dass alle der Umwelt wegen mehr öffentliche Verkehrsmittel nutzen, der Nahverkehr aber nicht besser ausgebaut werde. Generell werde viel gesagt und wenig gemacht. Daran kranke es ja aber wohl überall. Dann muss sie schnell los. Annick geht kurz danach. „Mein Mann macht gerade die Austern auf und ist ungeduldig“, sagt sie. Bisous bisous, dann ist sie weg. „Bis morgen.“ Es ist Mittag, das Café wird zum Bistrot. Auf der Mittagskarte stehen keine Austern, dafür Rindertatar, mit frites und Salat. Die Pariser kommen um diese Uhrzeit in Paaren und mit etwas Zeit. Sie sprechen etwas leiser, gedeckt, beugen sich über die Tische und ihre Teller. Die Kaffeemaschine steht einige Zeit still, der Tresen ist das erste Mal leer. Ein junges Paar redet über die Suche nach einer Wohnung, die in Paris immer schwieriger werde. Eine haben sie gesehen, die war nicht schlecht. Parkett, hell, bezahlbar und im sechsten Stock. Aber ohne Fahrstuhl? „Mais non“, sagt die Frau und schüttelt den Kopf. Das gehe nicht. Dann doch mal in der Banlieue gucken? Die beiden halten kurz inne, schauen sich an, lachen. Nein. An diesem Tag ist das Wetter so trüb, dass es gar nicht richtig hell wird. Irgendwann ist Nachmittag, die Marktverkäufer räumen ihre Stände zusammen, im Café wird der Rhythmus der Kaffeemaschine wieder schneller und das Stimmenwirrwarr lauter. In einer Ecke des Cafés, vor einer mit rotem Leder bezogenen Sitzbank, liegt Pif in einer Sporttasche von Puma. „Pif“ bedeutet Nase, der Name passt zu der kleinen Bulldogge, die von dem Geruch nach geschmortem Fleisch, der von der Mittagszeit noch im Raum hängt, ganz hibbelig zu sein scheint. Pif ist schon etwas älter, das sieht man an den grauen Haaren über den Augen des Hundes. Seine Besitzerin Katja ist 35, sitzt auf der roten Lederbank und trinkt einen Tee. „Was mich bewegt?“, fragt sie und guckt kurz in die Luft. Links hinter ihr steht eine Schwarz-Weiß-Fotografie der Sängerin Barbara, rechts eine von Serge Gainsbourg. Ist sie die Tochter? Das könnte man zumindest denken, wenn sie so vor einem sitzt. Eine gewisse Ähnlichkeit ist da. Das Land sei instabil. Das habe auch mit Macron zu tun. „Er hat seine Wähler verraten“, sagt Katja, indem er nach den desaströsen EU-Wahlen 2024 das Parlament aufgelöst und Neuwahlen ankündigt hat. „Er wurde von vielen gewählt, weil er die Rechten verhindern sollte“, sagt sie. Wie ein trotziger Junge auf die Wahlergebnisse zu reagieren, habe das Gegenteil bewirkt. Und die Linke sei zu fragmentiert, um irgendetwas bewirken zu können. „Ich mache mir momentan große Sorgen um den Zustand der Rechtsstaatlichkeit“, sagt Katja dann. „Richterliche Entscheidungen werden immer häufiger infrage gestellt. Wo läuft das hin?“ Marine Le Pen, Nicolas Sarkozy, beide haben das getan. Sie habe Angst vor einer Trumpisierung, wie sie sagt. Und dann werde am Ende eben doch Marine Le Pen zur Präsidentin gewählt, obwohl sie laut eines Gerichtsurteils fünf Jahre lang nicht kandidieren darf. Dann fällt wieder mal der eine Satz. „C’est la merde“, sagt sie und zuckt mit den Schultern, als sei daran nun mal nichts zu ändern. Als es draußen dunkel wird, geht weniger Kaffee und mehr Rotwein über den Tresen. Fast jeder Platz im Café ist besetzt, auf der Terrasse sind nur noch wenige Plätze frei. Neben einem jungen Mann in Lederjacke ist noch Platz. Er trinkt ein Bier und steckt sich eine Zigarette an, rote Lucky Strike. Ob der Rauch störe, fragt er. Schließlich rauche heute fast jeder die weniger riechenden E-Zigaretten, deswegen will er fragen, der Höflichkeit wegen. Es stört nicht. Auch Lola nicht. Sie sitzt auf der Terrasse und liest ein Buch. Über die Politik macht die Dreißigjährige sich natürlich auch Gedanken. Selbst wenn sie glaubt, dass die Pariser keine Ahnung davon haben, was in den nächsten Jahren auf sie zukommen könnte. „Die Pariser kennen keine Rechten, hier wählt ja fast niemand RN“, sagt Lola. Wir, da schließt sie sich dann selber mit ein, sind so weit entfernt vom restlichen Frankreich und dem, was sich dort abspielt. „Wir haben keine Ahnung.“ Aber sie ist kein Fan von Macron und sieht das ganze Kartenhaus „avec plaisir“ in sich zusammenfallen. Bei ihr fällt aber auch einiges in sich zusammen. Seit wenigen Tagen ist sie von ihrem Job in einer Agentur krankgeschrieben, sie hat ein Burnout. Und ist deswegen jetzt alles ein großer Mist? C’est la merde? Nein, sagt Lola. Nicht mehr als sonst auch, so ist eben das Leben. Am meisten denkt sie sowieso über die Liebe nach. Und das sei eine Kon­stante, die auch in Frankreich immer bleibe.