Meine jüngere Tochter ist 79 Jahre alt. Ich selbst bin, immerhin, erst 77. Das zumindest hat uns der Musikstreamingdienst unseres Vertrauens mitgeteilt, und zwar aufgrund der Lieder, die wir im ablaufenden Jahr gehört haben. „Spotify Wrapped“ nennt sich die Aktion, welche die Abonnenten daran erinnert, dass sie stetig belauscht werden, was sie aber nicht verärgert, im Gegenteil: Eifrig werden die Listen mit den meistgehörten Songs und dem daraus ermittelten Alter auf Social Media geteilt. (Ich selbst übrigens bin nur deshalb nicht jenseits der Achtzig gelandet, weil ich neben den Beatles und ihren Zeitgenossen gelegentlich auch neumodischeres Zeug höre, Amy Winehouse beispielsweise.) Dass Spotify es nicht nur geschafft hat, seine Kundschaft mit deren eigenen Überwachungsdaten zu unterhalten, sondern ihr mit dem geschätzten Lebensalter – je höher, desto stärker ausgeprägt vermeintlich das musikalische Connaisseurwesen – auch noch zu schmeicheln, das ist schon ein Marketingcoup sondergleichen. Würde man sich das auch von anderen gefallen lassen? Die Morgenrituale sind verräterisch Ein wirklich rund um die Uhr überwachter Alltag böte etliche Anzeichen für unser wahres Alter. Zum Beispiel, wenn man morgens vorzeitig das Bett verlässt, weil das Badezimmer ruft (Sie sind 65 Jahre alt), wenn dabei der Rücken schmerzt (Sie sind 67), wenn man in den Spiegel blickt (Sie sind 69 oder haben verdammt schlecht geschlafen), wenn man zum Frühstück Deutschlandradio Kultur anschaltet (Sie sind 71 – oder jünger, aber arbeiten fürs Feuilleton), wenn man genüsslich ins Hackepeterbrötchen beißt (Sie sind 73). Doch nicht nur unsere Morgenrituale, unser gesamtes Wesen und Wirken ist verräterisch: Sie naschen gern Weinbrandpralinen? Sie sind 82. Sie gucken gern ZDF-Schmunzelkrimis? Sie sind 77. In Ihren Bücherregalen stehen mehrere Simmels und Konsaliks? Sie sind 87. Sie können herzhaft über Oliver Pocher lachen? Sie sind zehn, höchstens. Sie wissen, was „Das crazy“ bedeutet? Sie sind 14 oder eine 64 Jahre alte „Tagesschau“-Sprecherin namens Susanne Daubner. Allem voran aber könnten unsere Gesprächsthemen Aufschluss geben: Wer täglich über die Hyazinthen in seinem Garten redet, über sein Sommerhaus auf Sylt oder über das ihm fremd gewordene Stadtbild, der dürfte schon ein älteres Semester sein. Nicht ganz so eindeutig hingegen ist es bei jenen, die ständig über die Rente reden: Das sind dann nicht unbedingt Menschen, die am Ende ihres Berufslebens stehen, sondern möglicherweise Mitglieder der sogenannten Jungen Gruppe.
