Das Präsidium der TU Darmstadt beabsichtigt, das Institut für Sportwissenschaft (IfS) wegen Kosteneinsparungen aufgrund des Hochschulpakts zu schließen. Haben Sie und Ihre Kommilitonen seither schlaflose Nächte? Tobias Münch: Keiner der Studenten schläft gerade besonders gut. Wir haben im September vom IfS erfahren, dass eine Schließung droht. Danach haben wir überlegt, was wir als Studenten tun können, und einen Arbeitskreis aus vier, fünf Leuten gegründet, der Alternativen erarbeitet. Die Absicht, das IfS zu schließen, gab es also schon im September? Ruben Döring: Das Gerücht waberte schon längere Zeit herum. Mit dem Bekanntwerden, dass der Hochschulpakt in seiner jetzigen Form kommt, mit all seinen negativen finanziellen Folgen für die hessischen Hochschulen, war klar, dass manche Bereiche massiv betroffen sein werden. Die TU hat daraufhin das Projekt „Focus“ gestartet, um den Veränderungsprozess zu gestalten. Das ist grundsätzlich sicher sinnvoll. Aber es zeigte sich auch schnell, dass da Bereiche komplett gestrichen werden. Dazu gehören an der TU Darmstadt das IfS, das Berufsschullehramt und die Geowissenschaften. Wurde Ihnen mitgeteilt, warum es das IfS trifft? Tobias Münch: Die TU muss insgesamt 30 sogenannte Zähl-Professuren einsparen. Bei den Geowissenschaften und beim IfS gehen in den kommenden Jahren im Vergleich zu anderen Studiengängen die meisten Professoren in den Ruhestand: Bei den Geowissenschaften sind es fünf, bei uns drei. Das ist sicherlich ziemlich praktisch. Wie liefen die Gespräche zwischen den Studenten der Sportwissenschaft und dem Präsidium ab? Ruben Döring: Das Präsidium hat uns als Fachschaft am 1. Oktober zu einem Gespräch eingeladen. Ein paar Tage später kam dann das Rundschreiben, dass die Entscheidung zum Aus des IfS gefallen sei. Ein wirklicher Dialog war das nicht, vor allem bei den Gesprächen mit der Präsidentin und dem Kanzler merkte man, dass die Entscheidung bereits vorab feststand. Würde die TU ihre Gründe nachvollziehbar darlegen, könnten wir vielleicht sogar damit leben. Konnte sie aber nicht. Es geht bei den Einsparungen ausschließlich ums Geld. Dabei ist die Kosten-Nutzen-Rechnung der TU unserer Meinung nach illusorisch. Inwiefern? Ruben Döring: Das IfS umfasst 0,4 Prozent der Gesamtausgaben der TU, also etwa 1,4 Millionen Euro je Jahr. Und wenn nun bald Honorarprofessoren angestellt werden müssen, um den Laden vorerst weiter am Laufen zu halten, dann ist klar, dass auch das die TU Gelder kostet. Erst mal wird das IfS für seine derzeit rund 400 Studenten weitergeführt? Tobias Münch: Es wird zwar keine Neueinschreibungen geben, die laufenden Studienordnungen werden aber durchgezogen. Alle Studierenden, die auch jetzt erst kürzlich begonnen haben, dürfen ihr Studium abschließen. Bei den neu begonnenen Bachelor-Studenten sind das sechs Semester plus zwei Puffersemester, im Master vier plus zwei, im Lehramtsstudiengang neun plus zwei. Rechnet man das einmal durch, muss der Studienbetrieb also bis mindestens 2030 oder 2031 weiterlaufen. Nach dem Sommersemester 2031 wird allerdings schon der neue Hochschulpakt entschieden. Faktisch wird das ganze Vorhaben außerdem schwer umzusetzen sein. Warum? Tobias Münch: Man studiert beim Lehramt ja nicht nur ein Fach, sondern gleich zwei, und hinzu kommt Pädagogik. Während eines für die Studenten möglicherweise notwendigen Sportkurses laufen aber Parallelvorlesungen und Übungen, etwa in Biologie, Geschichte, Mathematik oder Physik. Das alles in den Stundenplan zu bekommen, ist bereits heute schwierig. Wie wird es da erst, wenn die Kurse einbrechen? Das gefährdet auch den Abschluss jetziger Studierender. Sowohl für eine Bachelor- als auch Master-Arbeit brauche ich einen Professor oder einen wissenschaftlichen Mitarbeiter mit einem Promotionsabschluss, der mich durch die Thesis begleitet; im Staatsexamen gilt das Gleiche. Ist da keiner mehr, muss ich das in einem anderen Fach machen. Ruben Döring: Das Sportstudium hat zudem ein Alleinstellungsmerkmal. Die Praxiskurse kann man wegen der bestehenden Anwesenheitspflicht nicht nachholen. Deshalb ist der Personalaufwand auch so hoch. Das Ganze ist ganz gut vergleichbar mit einer Musikhochschule. Da gibt es dann Klavier- oder Geigenlehrer. Bei uns sind es eben Dozenten für Fußball, Frisbee oder Basketball. Die Palette an Möglichkeiten macht aber eben auch ein gutes Sportstudium aus. Mit der Schließung wird es mutmaßlich Einsparungen geben, die dazu führen, dass Studenten Leistungen in Bereichen erbringen müssen, die für sie fachfremd sind – und für die sie die entsprechenden Noten hinzunehmen haben. Was geschieht mit dem Lehrpersonal? Ruben Döring: Die beiden verbleibenden Professoren dürfen ihre Forschung fortsetzen, das wurde jedenfalls zugesichert. Sie werden aber an andere Fachbereiche versetzt. Für die ganze Kommunikation zwischen den Studenten des IfS und dem Präsidium ist dabei symptomatisch: Das wurde den Professoren zunächst über uns, die Fachschaft, mitgeteilt. Erst im Nachhinein gab es für die Professoren persönliche Gespräche, auch darüber, wie wichtig für sie ihr bestehendes Forschungsumfeld ist. Also sitzen womöglich bald zwei Sportwissenschaftler im Fachbereich Maschinenbau? Ruben Döring: So in etwa. Inwiefern da qualitative Forschung dann noch möglich ist – keine Ahnung. Ob etwa das Lauflabor von Professor Seyfarth in seiner jetzigen Form weiterbetrieben werden kann, ist nach wie vor offen. Dabei nutzen das auch andere Studiengänge. Man muss wissen: Hochschulforschung ist in Teilen immer auch interdisziplinär. Denken Sie nur einmal an Robotik, da braucht es so etwas. Und wie es bei Professor Kühnle aussieht, der vielleicht in die Soziologie übersiedelt, weil es da ganz gut passt, da er zu Doping und Depressionen im Sport forscht, ist ebenfalls nicht klar. Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fehlen in Hessen derzeit etwa zehntausend Lehrkräfte, das gilt allerdings für alle Fächer. Wie sehen Sie beim Sport die Lage? Tobias Münch: Das geht in zwei Richtungen. Ich war selbst als Vertretungslehrer tätig und hatte drei feste Klassen im Sportunterricht – der Bedarf ist riesig. Es gibt aber auch die andere Seite: Aushilfslehrer, die vom Land Hessen angestellt sind, um Kindern etwa nur das Schwimmen beizubringen. Andere Studenten fahren auf Skifreizeiten mit. Die Gefahr ist groß, dass vieles davon in Südhessen wegbricht. Das IfS-Aus beträfe nicht nur den Schulsport. Von den Sportwissenschaftlern, die in Reha-Praxen arbeiten, und den hierzulande tätigen Sportdoktoren reden wir da noch nicht einmal. Das sind aber auch Bereiche, die wir als Sportstudenten abdecken. Eine halbe Stunde mit dem Auto von Darmstadt entfernt gibt es in Frankfurt an der Goethe-Universität die Möglichkeit, Sport zu studieren. Und in Kassel, Marburg, auch Gießen gibt es vergleichbare Institute. Sind das keine Optionen? Tobias Münch: Kassel einmal ausgenommen, sind die Kapazitäten in den anderen Hochschulen ausgeschöpft, mit den Fachschaften dort standen wir schon in Kontakt. In Frankfurt ist Sport wegen der laufenden Umbauten kaum studierbar. Von den drei Sporthallen sind aktuell zwei gesperrt, das Sportfeld soll erst Ende nächstes Jahres fertig sein – deshalb fand da dieses Jahr nicht einmal eine reguläre Eignungsprüfung statt. Gießen und Marburg liegen für Südhessen schlicht zu weit entfernt. Ruben Döring: Das ist eigentlich der wichtigste Punkt: Natürlich können Studenten nach Kassel gehen, die Sporthochschule in Köln ist eine der besten, die es auf dem Papier gibt, man kann auch nach Innsbruck gehen und so weiter und so fort. Ob jemand dann aber in und um Darmstadt oder Frankfurt Lehrer wird, sei mal dahingestellt. Tobias Münch: Dabei haben wir hier ziemlich ideale Voraussetzungen, die Sportstätten sind extrem gut: mit einem eigenen Schwimmbad, einem riesigen Hochschulstadion mitsamt einer Tartanbahn für Leichtathletik, einem Platz mit Kunstrasen, einer große Wiesenanlage. Da muss nicht erst gebaut werden. Unsere Seminare sind nicht überlaufen, man kommt problemlos in die Sportkurse. Viele, auch aus anderen Regionen in Deutschland, kommen gezielt deshalb hierher. Weil Sport in Darmstadt tatsächlich studierbar ist. Die Präsidentin der TU, Tanja Brühl, hat kürzlich gesagt, dass sie sich mit den Einsparungen auf das „Kernprofil“ der TU fokussieren will. Heißt im Umkehrschluss: Die Sportwissenschaft gehört nicht dazu. Tobias Münch: Und das ist doch auch spannend, denn: Für uns geht es nun auch nicht mehr darum, zu zeigen, wie man am geschicktesten sparen könnte, das wurde ja abgeschmettert. Es geht darum, zu zeigen, warum die Sportwissenschaft für die TU aus unserer Sicht wichtig ist: Die Technik macht nämlich nicht den Menschen, sondern der Mensch die Technik. Die Sportwissenschaft ist auch für den gesunden Menschen da, den gesamten Apparat, wenn man so will. Eine ganzheitliche Sicht. Ruben Döring: Die Dekanin unseres Fachbereichs, Professorin Petra Grell, formulierte das mal so: „People are more than brains on sticks“, also, Menschen sind mehr als nur Gehirne auf einem Holzstäbchen. Aus Sicht der Fachschaft wird durch den Hochschulpakt ein Kampf der Bildungspolitik auf dem Rücken der Studenten ausgetragen, während man am Stuhl der Kinder sägt, die vielleicht bald nicht mal mehr richtig schwimmen können. Man muss allerdings auch sagen: Die TU-Präsidentin Tanja Brühl und der Präsident der Goethe-Universität Frankfurt, Enrico Schleiff, haben sich noch bis zuletzt gegen den Hochschulpakt in dieser Form gewehrt. Wie geht es nun für das IfS und die Studenten weiter? Ruben Döring: Der interessante Tag wird der 18. Dezember sein, jedenfalls für uns und die Geowissenschaften: Das Präsidium der TU hat sich nämlich dazu entschieden, das Ganze vor Weihnachten zu verkünden. Der Senat wird seinerseits dem Präsidium einen Tag vorher, am 17. Dezember, einen Beschluss vorlegen, mit einer ausdrückliche Handlungsempfehlung. Tobias Münch: Entweder kriegen wir also ein Weihnachtsgeschenk vom Präsidium, oder man kann das Sportstudium an der TU Darmstadt unter dem Tannenbaum begraben.
