In der Handball-Bundesliga folgte das Leben von Erik Schmidt einem anderen Rhythmus: 185 Spiele, für Friesenheim, Burgdorf, Berlin, Magdeburg, Wetzlar. 38 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft, Europameister 2016. In dieser Woche zählt Erik Schmidt die Sekunden zwischen einer Warnung auf seinem Handy und dem markerschütternden Knall, der von der Zerstörung einer heranfliegenden iranischen Rakete kündet. „Ich habe gezählt“, sagt Schmidt. „Ich glaube, wir sind bei Nummer 45. 45 Mal Luftalarm.“ Zwanzig Minuten vor dem Telefongespräch mit ihm hatte es wieder Alarm gegeben. Schmidt hatte sich wieder auf den Weg in den Keller seines Apartmentgebäudes in Rishon LeZion gemacht. In Israel sind die Vorbereitungen auf das Purimfest, eigentlich das jüdische Äquivalent zum Karneval, abrupt unterbrochen. Eine militarisierte Stille liegt über dem Land, die Bürger halten den Atem an, niemand weiß, wohin Israel nach dem Angriff auf Iran steuert. Der Ben-Gurion-Flughafen ist geschlossen, wer raus will, hat nur eine Option: fünf Stunden im Bus durch die Wüste Richtung Taba, Richtung Ägypten. Etliche ausländische Sportler haben diese Route gewählt. Erik Schmidt, Handball-Europameister von 2016, 33 Jahre alt, ist geblieben. Seit Januar spielt er für Hapoel Rishon LeZion. „Alle wollten wissen, ob ich im Schutzraum bin“ „Die Situation Leuten zu beschreiben, die hier noch nie waren, ist wirklich schwierig“, sagt Schmidt. „Du kannst Nachrichten schauen, auf die Karte schauen, aber wenn die Sirenen angehen, ist das etwas völlig Neues. Dann liegt physisch etwas in der Luft. Mir war die Lage schon klar, bevor ich den Vertrag unterschrieben habe. Ich kannte die Situation, ich war nicht naiv. Ich hatte mit einem engen Freund, früherer Mannschaftskollege in Athen, jetzt bei Maccabi Rishon, gesprochen. Ich bin mit offenen Augen angekommen – soweit sie für so etwas offen sein können.“ Beim ersten Alarm am vergangenen Samstag brach die Realität über den Trainingsalltag herein. „In dem Augenblick wurde es Wirklichkeit. Bis dahin war alles ein theoretisches Risiko. Dann sitzt du zuhause, Samstagmorgen und plötzlich ist die Welt eine andere. Aber binnen 30 Sekunden nach der ersten Sirene meldeten sich der Vereinspräsident, die Betreuer, der ganze Verein – alle wollten wissen, ob ich im Schutzraum bin, ob alles okay ist, ob ich was brauche. Die haben mich direkt umarmt.“ Saar Frenkel, einer der bekanntesten Namen im israelischen Handball, früherer Spieler und Trainer, inzwischen Berater von Hapoel Rishon LeZion, hatte eine wesentliche Rolle beim Transfer gespielt. „Erik Schmidt ist einer der größten Namen, die je in der israelischen Liga gespielt haben. Als sein Klub in Athen (AEK; d. Red.) in finanziellen Schwierigkeiten steckte, haben wir nicht gezögert. Wir haben ihn hergeflogen, Medizincheck, fertig.“ Asaf Siton, Schmidts Coach, sieht in seinem deutschen Spieler „einen echten Profi“: „Auch jetzt, wo alles unter Spannung ist, nimmt er die Dinge positiv. Er macht Witze über die Treppenstufen in den Schutzkeller: zusätzliches Beintraining. Außerdem lernt er die Nachbarn kennen.“ „Ich versuche, sie zu beruhigen“ Schmidt klingt fast stoisch in seiner Beschreibung des Profialltags im Krieg. „Es hört sich merkwürdig an, das auszusprechen, aber ich fühle mich hier sicherer, als wenn ich flüchten würde. Die Vorbereitung der Abreise ist nicht einfach. Fünf Stunden im Bus Richtung Ägypten hören sich für mich nicht sicher an – schutzlos auf dem Highway. Hier weiß ich, wo der Schutzraum ist. Ich kenne den Ablauf. Die Leute in meiner Nachbarschaft machen das nicht zum ersten Mal mit. Deshalb fühle ich mich hier besser aufgehoben als würde ich mich wie ein Nomade Richtung Wüste aufmachen.“ Schmidts Frau arbeitet als Journalistin in Deutschland. „Sie macht sich natürlich Sorgen, meine Eltern machen sich auch Sorgen“, sagt er. „Sie sehen die Bilder in den Medien und es sieht nach totalem Chaos aus. Ich versuche, sie zu beruhigen. Ich erkläre, dass sich alle um mich kümmern und ich sage ihnen, dass ich nicht alleine bin.“ Vor dem Krieg hatte Schmidt den israelischen Handball kennengelernt. Das Spiel sei „schmutziger“ als Schmidt es gewohnt sei, behauptet Saar Frenkel: Mehr Provokationen, mehr Trikot ziehen. „Man muss sich anpassen“, sagt Schmidt. „In Griechenland wurden Spiele in letzter Sekunde aus allen möglichen Gründen verschoben. Das Chaos hier ist also nichts Neues für mich. Klar, in der Bundesliga ist alles Monate im Voraus geplant, jede verkaufte Karte wird nachgehalten, das ist eine andere Welt. Aber als Profi kannst du dich nicht über die Umstände beklagen. Du musst dich von deiner besten Seite zeigen, egal, ob das Spiel heute stattfindet oder morgen oder abgesagt wird.“ „Ich konzentriere mich auf Handball“ Sein Trainer ist Schmidt dankbar, dass er nicht die Flucht ergriffen hat. „Er bringt Masse, Erfahrung und Professionalismus, von dem die Jüngeren lernen müssen. Dass er bleibt, ist nicht selbstverständlich.“ Schmidt sieht die Schulung der jüngeren Spieler als seine Aufgabe. „Das gehört dazu. Der Klub hatte mir die Wahl gegeben. Sie haben mir gesagt: Erik, wenn du nach Hause willst, buchen wir dir, was immer geht. Ich musste nicht bleiben. Ich glaube, weil ich diese Freiheit hatte, war es die richtige professionelle Entscheidung, zu bleiben. Ich will hier Titel gewinnen und dabei bleibt es, auch wenn sich die Welt außerhalb der Halle verändert hat.“ Kann Sport ein Anker des zivilen Lebens im militarisierten Alltag sein? „Im Moment steht die Sicherheit an erster Stelle“, sagt Erik Schmidt. „Wenn die Leute in die Schutzräume rennen, ist kein Platz für eine normale Sportkultur. Aber sobald es anfängt, sich zu beruhigen, wird Sport das erste sein, das wieder aufgenommen wird. So kommt wieder Routine ins Leben. Erik Schmidt sagt, von Israel habe er bislang nicht viel gesehen. „Ein bisschen Tel Aviv, ein bisschen Rishon. Ich bin ja erst einen Monat hier. Ich habe meine Energie darauf verwendet, die Mannschaft zu verstehen, die Taktik – und jetzt den Luftalarm. Ich konzentriere mich auf Handball, das ist meine Art. Wenn ich den Spielzug einleite, konzentriere ich mich ja auch nicht auf den Wurf.“ Vielleicht ist das die erwartbarste Antwort in diesem Telefonat. Während der Luftalarm die Alltagsgeräusche übertönt, wartet Erik Schmidt auf den nächsten Pfiff. Bis dahin zählt er die Schritte in den Luftraum und die Sirenen. Er verbucht die Tage unter Beintraining. Als Überlebensübung. Als „neue Erfahrung“ in einer langen Karriere. Aus dem Englischen übersetzt von Christoph Becker.
