Als Nationalmannschaftsmanager hat Benjamin Chatton nicht nur ein Ohr für alles und jeden, sondern bringt auch eine eigene Sprachfärbung in den Deutschen Handballbund (DHB). Vor allem, wenn er das, was Bundestrainer Alfred Gislason in einfachen Worten erklärt, ins Metaphorische übersetzt. Das ging vor Wochen los bei der Nominierung des Europameisterschaftskaders und Gislasons personellen Entscheidungen. Auf die Mischung aus Erfahrung und Unbekümmertheit, Spezialisierung und Flexibilität käme es an: „Wie beim Kochen. Man nimmt ein bisschen mehr Salz oder ein bisschen mehr Zucker. Und jedes Mal, wenn man etwas verändert, kriegt man andere Mixe raus.“ Als Chatton dann vor wenigen Tagen erklären sollte, warum bei fast jedem EM-Spiel ein anderer Rückraumschütze überzeugt, aber nie mehrere gemeinsam, lieferte der Niedersachse ein metaphorisches Feuerwerk: „Das erinnert mich ein bisschen an Silvester: Man kann innerhalb von 15 Sekunden alle Raketen abschießen – oder man schaut, dass der Effekt ein bisschen länger ist, und feuert die nacheinander ab.“ Übernimmt man nach dem 26:31 gegen Dänemark und vor dem Hopp-oder-Top-Spiel zum Hauptrundenabschluss an diesem Mittwoch (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, im ZDF und bei Dyn) gegen Frankreich Chattons sprachbildgebendes Verfahren, so muss man zweierlei feststellen: Im Angriff des DHB-Teams fehlt’s an der letzten Würze. Und es gibt einen Angreifer, der bei dieser EM noch nicht richtig zündet. Juri Knorr hat bisher kaum Schärfe ins Spiel gebracht und es noch seltener krachen lassen. Gegen Dänemark darf Knorr nur zehn Minuten auf die Platte Der EM-Spielort Herning liegt ungefähr auf halber Strecke zwischen Knorrs Geburtsstadt Flensburg und seinem dänischen Wohnort Aalborg, für dessen Erstligateam er seit einem halben Jahr spielt. Auch bei der EM scheint der Spielmacher der DHB-Auswahl mittendrin zu stecken. Das Spiel gegen Dänemark lief für Knorr „leider nicht so, wie ich es mir persönlich gewünscht hätte“. Wieder einmal. Nur für zehn Minuten hatte Bundestrainer Gislason seinen Spielmacher am Montagabend gegen den Weltmeister, Olympiasieger und EM-Gastgeber auf die Platte gelassen: noch einmal deutlich weniger als gegen Portugal (20 Minuten) und Norwegen (17). Stattdessen setzte Gislason in der Mitte vor allem auf Julian Köster und Nils Lichtlein. In der kurzen Zeit, in der sich Knorr gegen die Dänen versuchen durfte, warf er viermal aufs Tor – und traf einmal. Auch zuvor gegen Norwegen lag seine Quote nur bei 25 Prozent, gegen Portugal war jeder dritte Versuch erfolgreich. Dazu kamen überhastete Aktionen, fahrige Anspiele und nicht allzu viele gelungene Abwehreinsätze. Gefragt, wie er mit dem grüblerisch veranlagten Knorr umgeht, vermied Gislason am Dienstag in Silkeborg eine klare Antwort. „Ich habe es immer als sehr unfair empfunden, wenn ein Spieler rausgepickt wird“, sagte der Sechsundsechzigjährige, der seinen unglücklichen Spielmacher nicht weiter unter Druck setzen will. Auch die Kollegen versuchen einen Weg zu finden, damit Knorr nicht allzu geknickt ist und an diesem Mittwoch im entscheidenden Spiel um den Halbfinaleinzug gegen Frankreich auf der Platte wieder gut drauf ist. Knorr kann Gedanken nicht auf die Schnelle ausschalten „Wir wissen alle, dass Juri ein Kopfmensch ist und dass er sich viele Gedanken macht“, sagte Nils Lichtlein, der die Rolle in der Rückraummitte übernahm, im deutschen EM-Quartier in Silkeborg: „Wir versuchen, ihn aufzubauen, aber da muss natürlich auch jeder wissen, wie sehr man das will. Am Ende ist es ja auch so, dass wenn wir die ganze Zeit auf ihn zugehen würden, es ihn genauso unter Druck setzen kann.“ Der Leisesprecher Knorr kann Gedanken nicht auf die Schnelle ausschalten wie manche seiner Kollegen in den vergangenen zwei EM-Wochen. Als es darauf ankam, zündete von Spiel zu Spiel eine neue von Chattons „Raketen“. Ob Renars Uscins, Miro Schluroff oder Marko Grgic: Neben dem Torhüter Andreas Wolff in Allzeittopform ragte von Spiel zu Spiel ein neuer Rückraumschütze heraus. Als gegen Dänemark alle allzu viele Würfe versemmelten, konnte Knorr nicht einspringen. Der Ausnahmekönner, vor der EM mit Wolff als Comicheld gewürdigt, bildet gerade keine Ausnahme. „Mich nervt es einfach extrem“, sagte Knorr. Nach dem mühevollen EM-Auftakterfolg gegen Österreich hatte der Spielmacher noch öffentlich mit Gislasons Entscheidung gehadert, ihm nur wenig Einsatzzeit zu geben und andere fast eine Stunde durchspielen zu lassen. Beim Sieg über Spanien deutete Knorr an, was bei der EM noch von ihm zu erwarten sein könnte. Er verlieh dem deutschen Spiel Rhythmus, bildete mit Köster und Uscins eine starke Achse, ging in vielen Szenen voran und traf fünfmal. Danach fiel er wieder in ein kleines Loch, verkrümelte sich dort aber nicht, sondern ging mit seiner Ratlosigkeit offen um. „Ich habe keine Erklärung dafür, so ist manchmal der Sport. Ich hoffe, dass ich das auch besser hinkriege“, sagte Knorr. Und: Er denke viel darüber nach. Das DHB-Team braucht ein Remis, will aber den Sieg Wenn es allgemein um die Aussichten der Mannschaft vor dem entscheidenden Duell mit Frankreich geht, zeigte sich Knorr zuversichtlicher: „Wir hatten gegen Frankreich eigentlich immer einen ganz guten Flow.“ Zum Beispiel im olympischen Viertelfinale, als der DHB-Auswahl das „Wunder von Lille“ gelang. Obwohl Gislason und seinen Getreuen diesmal im dänischen Spielort Herning nur ein Unentschieden zum Weiterkommen benötigen, wollen sie nichts anderes als einen Sieg über die Franzosen, die stark ins Turnier starteten und zuletzt stark nachließen. Zwei der drei „Raketen“, die bei der EM gezündet haben, versprachen gegen den Titelverteidiger Großes. „Wenn wir alle so mutig weitermachen, wird es auf jeden Fall ein heißer Tanz, auf den sich alle freuen können“, sagte Uscins, der das olympische Viertelfinale 2024 mit 14 Treffern entschied. „Wir werden alle acht Millionen Prozent dafür geben, dass wir ins Halbfinale kommen“, sagte Grgic. Und was ließ sich DHB-Manager Chatton am Dienstag für ein hübsches Sprachbild einfallen vor dem Duell, das über Wohl oder Wehe der deutschen EM-Teilnahme entscheidet? „Wir werden versuchen, den Hochgeschwindigkeitshandball der Franzosen zu unterbinden, sodass der TGV im Bahnhof bleibt.“ Ob Juri Knorr auf den deutschen EM-Zug aufspringt?
