Im Süden Sambias herrscht jetzt, im Februar, noch Regenzeit. Wie lange sie diesmal dauert, weiß niemand. Der Klimawandel führt dazu, dass die Hitzeperioden länger, die Regenzeiten immer kürzer werden. In den Bezirken Siavonga und Chirundu entscheidet sich in den Monaten um den Jahreswechsel, wie die Ernte ausfallen wird. Wenn der erste Niederschlag fällt, wird gesät und gepflanzt, in der Hoffnung, wenige Monate später einen guten Ertrag zu bekommen. Doch vom Regenfeldbau können die Sambier im Süden nicht mehr leben. Von März an werden dort viele wieder auf das Wasser aus Brunnen und Flüssen angewiesen sein. Das Grundwasser aber sinkt seit Jahren. Brunnen, die nicht tief genug gebohrt werden, fallen trocken, Flüsse werden im Laufe der Sommermonate zu Rinnsalen, ehe sie versiegen. Abhilfe können nur neue Bohrungen schaffen, tiefer als zuvor. Der Bedarf ist groß, die sambische Regierung kann ihn allein nicht decken. Die Stiftung Kinderzukunft ist eine von mehreren Hilfsorganisationen, die in Sambia Brunnen bohren lässt, in diesem Jahr mithilfe der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“. Doch bei dem Projekt geht es um viel mehr als Trinkwasser, das dort so dringend benötigt wird, nämlich um Chancen, die damit verbunden sind. Im Austausch mit der Schulbehörde Die Stiftung hat nach einem erfolgreichen Pilotprojekt im Süden Sambias bewiesen, dass mit einem Überschuss an Wasser ein Lehr-Schulgarten entstehen kann. Dessen Ernte ergänzt teils die Schulmahlzeiten, ein Teil der Erträge wird aber auch verkauft. Und die entstandenen sanitären Anlagen ermöglichen Mädchen nun endlich den regelmäßigen Schulbesuch, weil sie nicht wie bisher während ihrer Periode zu Hause bleiben müssen. Viele Schulen in den abgelegenen Siedlungen hätten gern Brunnen, Toiletten und Nasszellen, sagt Jahn Fischer, Programmleiter bei der Stiftung. Aber wie soll man auswählen, wenn nur drei Anlagen bedacht werden können? Wo der Bedarf am größten ist, weiß die sambische Schulbehörde am besten. Auch, wie viele Schüler mit einer Maßnahme zu erreichen sind. Denn mit einem Brunnen und allem, was sonst noch dazugehört, soll so vielen Menschen wie möglich geholfen werden, sagt Fischer. Gutachten müssen klären, dass das aus den Tiefen geförderte Wasser nicht zu salzhaltig ist, sonst wäre es für die Landwirtschaft unbrauchbar. Der wichtigste Aspekt ist jedoch die Bereitschaft einer Schul- und Dorfgemeinde, sich auf die „Reise der Selbstermächtigung“ zu begeben. Wenn die Finanzierung des Brunnens gesichert und die Solarpumpe installiert ist, muss alles eigenständig weiterlaufen können. Wer fühlt sich dann verantwortlich für die Wartung? Wer sammelt einen Wassercent ein, damit notwendige Reparaturen bezahlt werden können? Entstehen soll kein Brunnen der Stiftung oder der F.A.Z., gehören soll er einzig und allein der Schul- und Dorfgemeinde, die sich für ihr Eigentum verantwortlich fühlt. Die Stiftung will „basisdemokratische Arbeit“ initiieren Ein kleines Projektteam des regionalen Partners ADRA (Adventist Development and Relief Agency) begleitet den Einstieg in die Selbstverwaltung. Dafür werden Komitees gegründet, an denen sich die gleiche Zahl von Frauen und Männern eines Dorfes beteiligen soll. „Basisdemokratische Arbeit“ nennt es Fischer, eine möglichst repräsentative Beteiligung der Menschen vor Ort. Entscheidend sind dann aber die Einzelnen, die sich über das Mindestmaß engagieren wollen, die erkennen, dass der Verkauf der Ernte aus dem Schulgarten eine Chance für Solarpaneele auf dem Dach und damit Strom für Computer in der Schule bedeuten kann. Die die Nachbarn ansprechen, um eine Näherei ins Leben zu rufen, und Eltern motivieren, bei Renovierungen im Schulgebäude mit Hand anzulegen. Die Stiftung Kinderzukunft engagiert sich schon seit vielen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit. Die Organisation unterhält eigene Kinderdörfer, die sie vollständig finanziert. Zusammen mit anderen Geldgebern, wie dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit oder jetzt der F.A.Z., kann die vergleichsweise kleine Organisation, die im Stammsitz in Gründau im Main-Kinzig-Kreis nur zehn Mitarbeiter hat, aber weitaus mehr bewirken. „Wir verwalten Spendengelder nur als Treuhänder und wollen sie so effizient wie möglich einsetzen“, sagt Fischer. „Für uns ist es wichtig, dass die Hilfe langfristig wirken kann.“ Daher engagiert sich die Stiftung in Ländern, in denen weder Clanrivalitäten noch schwache Regierungen ihre Vorhaben gefährden – und in denen die Mitarbeiter ungefährdet arbeiten können. In Sambia waren nicht nur diese Voraussetzungen erfüllt, mit der Hilfsorganisation ADRA, die schon seit Jahren im Land engagiert ist, war auch ein verlässlicher Partner vor Ort gefunden. Fischer, der schon 30 Jahre in vielen Entwicklungsländern gearbeitet hat, war früher selbst für ADRA tätig und kennt daher ihre Standards. Im Jeep geht es über holprige Pisten in abgelegene Dörfer ADRA ist eine weltweit tätige Hilfsorganisation christlichen Ursprungs, die über viel Erfahrung in der Nothilfe und Bildungsarbeit verfügt. In Sambia leitet sie Landesdirektor Kennedy Habasimbi, der nach seinem Studium in Großbritannien in sein Heimatland zurückgekehrt ist. Er kennt das Leben in der Region, hat selbst in seiner Jugend Rinder gehütet und das Land bestellt. Heute könnte er aufgrund seiner Berufserfahrung ein recht komfortables Leben in der sambischen Hauptstadt Lusaka führen, mit einer ebenfalls beruflich erfolgreichen Frau – beide entlastet durch eine Hausangestellte – und zwei Kindern, 12 und 14 Jahre alt, die ein Internat besuchen. Stattdessen fährt er stundenlang mit seinem Team im Jeep über holprige, staubige Pisten, um weit abgelegene Dörfer zu erreichen, in denen die Zeit stillzustehen scheint. „Ich möchte in meinem Leben einen Unterschied machen“, sagt Habasimbi dazu schlicht. Das bedeutet für ihn häufig Arbeitstage, die mit den ersten E-Mails um fünf Uhr morgens beginnen und nach einer langen Tour durch Staub und Hitze um 20 Uhr bei einer Nachbesprechung enden. In Sambia, das zweimal so groß wie Deutschland ist, hat es sich ADRA zur Aufgabe gemacht, an Orte zu gehen, die andere Hilfsorganisationen wegen fehlender Infrastruktur gar nicht erst aufsuchen. Für ADRA arbeiten in Sambia rund 70 Mitarbeiter, die Projekte in allen Landesteilen betreuen, sei es im Controlling von der Hauptstadt aus oder in der direkten Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern in der Provinz. Sie teilen ihr Wissen, um Projekte am Ende der Laufzeit in die Hände der Bewohner abgeben zu können. Das Land ist jung: Etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist unter 30. Das ist ein gewaltiges Reservoir an Chancen – oder Problemen. Habasimbi sieht das Potential, das durch Bildung gehoben werden könnte. Wo sie fehlt, rutschen Jugendliche in Kriminalität, Prostitution, Drogenkonsum ab. Mädchen „retten“ sich in frühe Ehen, sind angesichts von Vielehen auf dem Land aber keineswegs abgesichert. Die Stiftung Kinderzukunft will über den Bau von Brunnen und sanitären Anlagen an Schulen deshalb mehr erreichen, als Hygiene und Gesundheit zu verbessern. Mit Schulgärten und Nähunterricht werden den Schülern Fähigkeiten vermittelt, die ihnen bessere Startchancen auf dem Arbeitsmarkt bieten. Was die Mädchen und Jungen auf ihren mühevoll bewässerten Kleinstfeldern anbauen, wird sich auch noch über die nächsten Jahre auszahlen: weil sie im praktischen Unterricht nicht nur lernen, welche Pflanzen dem Klimawandel trotzen und mit wenig Wasser auskommen. Sondern auch, welche langfristigen Schäden die Abholzung anrichtet, wie wichtig die schattenspendenden Bäume sind. Das ist ein entscheidendes Wissen in jenem Landstrich im Süden Sambias, der jedes Jahr ausgetrockneter erscheint. Kann denn Hilfe nachhaltig sein, in einem der ärmsten Länder der Erde, in einem Landstrich, der vom Klimawandel bereits schwer gezeichnet ist? Fischer antwortet mit einem Gleichnis. Ein Junge steht am Strand, der von zahllosen angespülten Seesternen bedeckt ist. Einen Seestern nach dem anderen wirft er zurück ins rettende Wasser. Ein alter Mann kommt vorbei, sieht die sterbenden Tiere und fragt den Jungen: „Was soll das? Es sind zu viele, das bringt doch nichts.“ Der Junge hebt einen weiteren Seestern auf, wirft ihn ins Meer und sagt: „Aber dem hat es geholfen.“
