Das erste Foto aus einer Serie von bisher nicht veröffentlichten Tatortbildern zeigt einen großen Haufen herausgerissener Schließfachkassetten, Dokumente und Gegenstände, die den Einbrechern auf den ersten Blick als wertlos erschienen. Das zweite der Fotos, die die F.A.Z. sehen konnte, ist weniger schockierend, dafür aber umso aufschlussreicher. Auf ihm ist der Ausschnitt eines Schranks im Tresorraum der Sparkasse Gelsenkirchen-Buer mit rund 50 aufgestemmten Schließfächern zu sehen. Rechts daneben, nur wenige Zentimeter von der Außenkante des Schranks entfernt, klafft ein Loch mit 40 Zentimeter Durchmesser, das die Gangster mit einem Spezialbohrer vom angrenzenden Archivraum aus durch die 60 Zentimeter dicke Betonwand getrieben haben. Der Gelsenkirchener Sparkasseneinbruch ist ein spektakulärer Fall. Weil die Täter mehr als 3000 Schließfächer aufhebelten und an Schmuck- und Erbstücke, Gold und andere Edelmetalle, Münzen und auch Bargeld im Wert von vermutlich mehr als 100 Millionen Euro gelangten. Weil die Täter bis auf wenige Zentimeter genau wussten, wo sie ihren Bohrer ansetzen mussten, und auch sonst bis ins Detail über die baulichen Gegebenheiten und die Sicherungsmaßnahmen der Bank im Bilde waren, wie von den Ermittlern mit Kommentierungen und Wegeverläufen aufbereitete und bisher ebenfalls unveröffentlichte Grundrisse nahelegen. Um einen spektakulären Fall handelt es sich schließlich auch, weil die Täter äußerst kaltschnäuzig vorgingen. Denn um ein Haar wäre einer der größten Einbruchscoups in der bundesdeutschen Geschichte schon in der Anfangsphase aufgeflogen. Es war neun Minuten nach sechs Uhr morgens am 27. Dezember, als bei der Berufsfeuerwehr Gelsenkirchen der Alarm einging: automatische Auslösung der Brandmeldeanlage der Sparkasse im Stadtteil Buer. Umgehend rückten zwanzig Mann mit mehreren Löschfahrzeugen aus. In der Bank angekommen, eilten die zuständigen Fachleute zum sogenannten Anzeigetableau – einer großen Wand, auf der sämtliche Feuer- und Rauchmelder vermerkt sind und angezeigt wird, welcher davon angeschlagen hat. Sie stellten fest: Alarm im Tresorraum. Dorthin gelangten die Feuerwehrleute wie sonst die Schließfach-Kunden der Bank über eine Wendeltreppe. Direkt in den Tresorraum kamen sie nicht, denn er ist mit einem Rollgitter gesichert. Doch da sie von dort aus den Vorraum gut einsehen konnten und weder ein Feuer noch Rauch und Brandgeruch oder sonst etwas Verdächtiges feststellten, schien klar, dass es sich um falschen Alarm handelte, wie so oft. Bevor die Feuerwehrleute die Brandmeldeanlage zurücksetzten, erkundeten sie sicherheitshalber noch das Umfeld, kamen dabei auch am Archivraum der Bank vorbei. Alles unauffällig, Einsatz beenden Die 230 Ermittler der seit bald drei Wochen arbeitenden „Besonderen Aufbauorganisation“ (BAO) des Polizeipräsidiums Gelsenkirchen und des Landeskriminalamts gehen davon aus, dass sich die Einbrecher zu diesem Zeitpunkt schon seit einiger Zeit im Archiv befanden und damit begonnen hatten, ihren Bohrer durch die Betonwand zum Tresorraum zu treiben. Doch selbst wenn das Loch schon fertig gewesen sein sollte, die Feuerwehrleute hätten es bei der Erkundung von ihrer Position am Rollgitter aus nicht sehen können. Um 6.25 Uhr entschieden sie: Alles unauffällig, Einsatz beenden. Die Täter scheinen danach noch eine Zeit lang ruhig im Archivraum ausgeharrt zu haben. Ein Mitarbeiter der von der Bank beauftragten Sicherheitsfirma – bei der jeder Alarm ebenfalls aufgeschaltet wird – kam gut eine Viertelstunde später in die Filiale. Verdächtige Feststellungen machte er nicht, jedenfalls teilte er nichts dergleichen mit. Die Einbrecher müssen dann ihre Arbeit unter Hochdruck fortgesetzt haben. Fest steht: Wenige Stunden später krochen vermutlich mehrere Täter durch das schmale Bohrloch in den Tresorraum und begannen mit einem Aufhebel-Akkord. Aus elektronischen Aufzeichnungen geht hervor, dass in nur vier Stunden mehr als 3000 Schließfächer aufgebrochen wurden. Das erste um 10.45 Uhr, das letzte um 14.44 Uhr. Auffällig: Leere Schließfächer blieben unversehrt. Eine Fülle von Insiderinformationen Die sechs bis sieben Täter, von denen nach offiziellen Angaben bisher jede Spur fehlt, waren offensichtlich durch eine Fülle von Insiderinformationen für den Coup vorbereitet. Sie wussten, dass sie sich über die Dauerparker-Etage eines angrenzenden Parkhauses Zugang zum Keller der Sparkasse verschaffen konnten. Um das Rolltor zu öffnen, braucht man einen speziellen Chip. In den Keller der Bank gelangten sie dann durch eine Brandschutztüre, die nur von innen zu öffnen ist, aber vorab mit Silikon so präpariert war, dass sie nicht richtig schloss. Im anschließenden Treppenhaus waren dann sämtliche Bewegungsmelder mit Kappen abgedeckt. Das Archiv mit seinem L-förmigen Grundriss hatten sich die Einbrecher für ihre Bohraktion ausgewählt, weil sie wussten, wo der stählerne Schließfachschrank auf der anderen Seite der Wand endet. Wie auf einem weiteren der bisher unveröffentlichten Fotos zu sehen ist, brachen sie eine erste Bohrung ab und setzten das schwere Spezialgerät um etwa 20 Zentimeter nach links verschoben neu an, um an der richtigen Stelle herauszukommen. Auf einem weiteren Tatortbild ist ein Schlauch zu sehen, den die Täter von der Damentoilette in den Archivraum legten, um ihren Spezialbohrer mit Wasser zu kühlen. Als der Durchbruch geschafft war, müssen sich die Täter die Beute durch das Bohrloch zugereicht haben. Auf dem Boden des Archivraums liegen in einem weiteren Haufen neben Bargeld auch mehrere Hunderttausend Gegenstände wie Urkunden, Briefmarken, Uhren, die Ermittler nun akribisch nach Spuren absuchen. Ist das erledigt, versuchen Sparkassenmitarbeiter jedes Dokument, jeden Gegenstand einem Kunden zuzuordnen. Um den Prozess sinnvoll zu strukturieren, haben die Ermittler im Keller des Geldinstituts mehrere „Bearbeitungsstraßen“ eingerichtet. Enorm aufwendig ist nicht nur die Auswertung der großen Zahl an Datensätzen aus Funkzellenabfragen, sondern die Sichtung der bisher rund 10.000 Stunden Videoaufnahmen aus Überwachungskameras im Parkhaus und im Umfeld der Sparkasse, von Bus- und Bahnhaltestellen, Geschäften und Tankstellen, die bis zur Entdeckung des Einbruchs am 29. Dezember – durch einen zweiten Feueralarm – aufgezeichnet wurden. Dem Vernehmen nach haben die Ermittler bereits weitaus mehr aufschlussreiche Aufnahmen finden können als die bisher veröffentlichten Bilder aus dem Parkhaus, auf denen mehrere Täter und ihre beiden Tatfahrzeuge – ein dunkler Audi und ein weißer Mercedes-Lieferwagen – zu sehen sind. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) dämpft die Erwartungen. Man werde sich noch wundern, wie lange die Ermittlungen dauern könnten. Auch von Fachleuten geäußerte Überlegungen wie jene, es könne sich um die Tat eines kriminellen Clans handeln, wies er vor wenigen Tagen als „Spekulation“ zurück, ließ im Innenausschuss des NRW-Landtags zugleich vieldeutig fallen, man prüfe Verbindungen zu Taten, die ähnlich gelaufen seien – „selbstverständlich auch über Nordrhein-Westfalen hinaus“.
