FAZ 27.01.2026
20:00 Uhr

Spannungen in Syrien: Paris sorgt sich um alte Verbündete


Paris hat im Kampf gegen den IS in Syrien eng mit den kurdischen Kämpfern der SDF zusammengearbeitet. Nun will man ein Blutvergießen verhindern.

Spannungen in Syrien: Paris sorgt sich um alte Verbündete

Frankreich schlägt angesichts des fragilen Waffenstillstands im Nordosten Syriens Alarm. Präsident Emmanuel Macron hat am Dienstag seinen Außenminister Jean-Noel Barrot nach Ankara beordert, um mit dem türkischen Außenminister Hakan Fidan Möglichkeiten für eine friedliche Lösung auszuloten. In Paris befürchtet man, dass der Vormarsch der syrischen Regierungstruppen auf Stellungen der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) in ein Blutvergießen münden könnte. Besonders besorgt ist man angesichts der angespannten Situation in der Grenzstadt Kobane, die von Regierungstruppen belagert wird. In Frankreich gilt die Stadt an der türkischen Grenze als Symbol für den erfolgreichen Kampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) – dank der kurdischen Kämpfer. Anfang 2015 war es gelungen, Kobane von den Dschihadisten zu befreien. Die SDF spielten eine wichtige Rolle in der Internationalen Allianz gegen den IS, die von Amerika angeführt wurde. Französische Spezialkräfte arbeiteten im Rahmen dieser Allianz eng mit den SDF zusammen. Im Strafprozess nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 in Paris wurde nachgewiesen, dass die Angriffe des IS von Syrien aus geplant und organisiert worden waren. Die kurdischen Kämpfer gelten den französischen Spezialkräften als Waffenbrüder, die man nicht einfach fallen lassen könne, wie dies US-Präsident Donald Trump beschlossen habe, heißt es in Paris. Berlin hält sich bedeckter In anderen westlichen Regierungen scheint es eine größere Distanz gegenüber den kurdischen Kadern zu geben. Die amerikanische Regierung hat den SDF deutlich gemacht, sie spielten keine Sonderrolle mehr im Kampf gegen den IS. Schließlich habe Syrien jetzt eine Regierung, die ein glaubwürdiger Partner in diesem Unterfangen sei. Berlin hält sich bedeckter. Die Bundesregierung setzt auf eine Zusammenarbeit mit dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed Al-Scharaa und strebt eine Partnerschaft in strategischen Fragen an. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte auf F.A.Z.-Anfrage, die Lage im Nordosten Syriens sei angespannt, man rufe beide Seiten auf, den Schutz der Zivilbevölkerung, ob arabisch oder kurdisch, zu gewährleisten. „Der einzige Weg aus diesem Konflikt führt über Verhandlungen über die Rechte und die Beteiligung der Kurdinnen und Kurden in einem inklusiven, vereinten syrischen Staat.“ Obwohl er als erster westlicher Präsident im vergangenen Mai Scharaa in Paris empfangen hat, blickt Macron inzwischen skeptisch auf das Vorgehen des syrischen Übergangspräsidenten. In einem Kommuniqué mahnte er an, dass die Eingliederung der SDF in die syrischen Streitkräfte nicht gewaltsam vollzogen werden könne. Macron forderte Respekt für die Minderheiten, insbesondere die kurdische, ein. Am Sonntag versuchte der französische Präsident zwischen Scharaa und dem SDF-Kommandeur Maslum Abdi zu vermitteln. Doch der syrische Übergangspräsident ließ das geplante Telefonat platzen. Er ließ sowohl Macron als auch den kurdischen Militärchef in der Leitung warten und war unerreichbar, wie unter anderem das Magazin „Le Point“ berichtete. Französische Spezialkräfte in Syrien Frankreich teilt dabei die Auffassung, dass die SDF sich in das syrische Staatsgebilde integrieren müssen und keine Sonderregeln beanspruchen können. Aber in Paris ist man irritiert darüber, dass Israel seine besetzten Gebiete in Syrien seit 2024 ausgedehnt hat, ohne dass Scharaa mit gleichem Eifer die staatliche Integrität herzustellen versucht wie in den kurdisch besiedelten Gebieten. Frankreich hat Spezialkräfte in Syrien im Einsatz. Eigentlich wird darüber nicht berichtet, aber die türkische Nachrichtenagentur Anadolou veröffentlichte zum Ärger Frankreichs 2018 eine detaillierte Karte der französischen Stellungen. Demnach waren die Spezialkräfte in Kobane, am Berg Mashtnour, in Ain Isa, Raqqa und am Zementwerk Lafarge in Harb Ishq im Einsatz, um SDF-Kämpfer auszubilden und zu unterstützen. Laut diplomatischen Kreisen hat Paris seit Anfang Januar nachrichtendienstliche Kapazitäten in den Dienst der SDF gestellt. Die Stützpunkte der französischen Armee in der Region wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Frankreich versucht, alle diplomatischen Hebel in Bewegung zu setzen, um ein Blutvergießen zu verhindern. Am Montag wurde nach Informationen der F.A.Z. eine Videoschalte zu dem Thema mit dem amerikanischen Sondergesandten für Syrien, Botschafter Tom Barrack, mit den Außenministern Frankreichs, Großbritanniens und der Staatsministerin im Auswärtigen Amt Serap Güler organisiert. In Paris hält man es für gefährlich, wie schnell sich Trump vom türkischen Präsidenten Recep Erdogan hat überzeugen lassen, den SDF eine Rolle im Kampf gegen IS abzusprechen und diesen den Truppen Scharaas anzuvertrauen, der ein ehemaliger Dschihadist ist. Gemeinsame Erklärung der E3 Im Elysée-Palast argumentiert man, dass die SDF verlässliche Leute zur Verwaltung der Dschihadisten-Gefängnisse sowie der Lager für Frauen und Kinder im Nordosten Syriens abgestellt hätten. SDF-Gefängniswärter führten im Auftrag französischer Geheimdienste auch Verhöre von französischen Dschihadisten aus. Es sei fraglich, ob Scharaas Leute hinreichend ausgebildet und motiviert seien, die Sicherheit zu garantieren. Etwa 1300 Franzosen waren als IS-Kämpfer nach Syrien gezogen, gut 300 davon kehrten zurück, wie es in einer Studie des französischen Instituts für Internationale Beziehungen heißt. Laut Le Monde wurden 179 Kinder und 60 Frauen von IS-Kämpfern seit 2019 nach Frankreich zurückgeholt. Die Bundesregierung hat laut Auswärtigem Amt Kenntnis von einer niedrigen bis mittleren zweistelligen Zahl an deutschen Staatsangehörigen, die sich in Haftanstalten in Nordostsyrien befinden. Im französischen Außenministerium heißt es, bei den Kämpfen an kurdisch verwalteten Gefängnissen sei es nicht zur Flucht von französischen IS-Terroristen gekommen. Es wird befürchtet, dass die Terrororganisation in Syrien wieder erstarken könnte. Man rufe alle Parteien dazu auf, „jegliches Sicherheitsvakuum in und um die Haftanstalten des IS zu verhindern“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der E3 vom Dienstag.