Freut sich der Dritte, wenn zwei sich streiten? Die Startaufstellung für den vorletzten Grand Prix der Formel-1-Saison an diesem Sonntag (17.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) ist alles andere als ideal für Max Verstappen. Aber sie bietet Potential für Spannung. Denn der Weltmeister muss zumindest den McLaren-Piloten Lando Norris überholen, wenn er Champion bleiben und die Entscheidung auf das Finale am kommenden Sonntag in Abu Dhabi verschieben will. Lando Norris sah am Samstag nach dem Qualifying nicht so aus, als werde er in den Rückspiegel schauen, sobald die roten Lichter der Startampel auf dem Lusail International Circuit verlöschen. „Ich schaue immer nach vorn.“ Der Engländer sieht zwei gute Gründe dafür. Nach dem Sprint am Samstag gewann er als Dritter vor Verstappen einen Punkt mehr als der Niederländer und liegt nun 25 vor ihm an der Spitze der Fahrerwertung. Bliebe es dabei nach 57 Runden, wäre Verstappen aus dem Rennen um den Titel. Denn selbst ein Sieg des Red-Bull-Piloten beim letzten Rennen in Abu Dhabi am kommenden Sonntag und ein Ausfall von Norris, also ein ausgeglichener Punktestand, reichten nicht, weil der Engländer mehr Podiumsplätze gesammelt hat. Nach vorne schaut Norris beim Start in Qatar, weil er auf dem schnellsten Weg zu seiner WM-Premiere seinen Teamkollegen überholen will und muss. Oscar Piastri gewann nicht nur den Sprint und reduzierte seinen Rückstand auf 22 Punkte, er setzte seinen McLaren auch im letzten Moment des Qualifyings vor die Nase von Norris auf die Pole Position. Der muss vier Punkte mehr gewinnen als der Australier, um sich mit 26 Jahren einen Kindheitstraum zu erfüllen. Verstappen muss „all in“ gehen Was bedeuten diese Rechenspielchen für die Dramaturgie? Nichts Gutes in den Augen aller, die einen langsamen Spannungsaufbau erwarten. Der Höhepunkt könnte schon nach den ersten zwei Kurven überfahren sein. Jedenfalls erwartet nicht nur Zak Brown, Geschäftsführer von McLaren, eine Art Sprintentscheidung zu Beginn des Dauerlaufs über gut 300 Kilometer: „Max wird alles geben. Seine beste Chance bietet sich in der ersten Kurve. Das wird ein interessanter Start.“ Jedenfalls zwingt die Streckenführung den Chefpiloten von Red Bull, „all in“ zu gehen auf den ersten Metern, mit Vollgas und spät auf der Bremse erst mal die Phalanx der McLaren-Fraktion zu sprengen. Denn der Sprint über 100 Kilometer (19 Runden) gab einen Vorgeschmack auf das, was Nico Hülkenberg (Startplatz 14 im Sauber) befürchtet: „Ein sehr statisches Rennen, zäh.“ Also wieder kaum Überholmanöver, was auch an der zu kurzen Überholzone liegt, in der Angreifer ihre Heckflügelelemente flacher stellen werden dürfen, wenn ihr Rückstand weniger als eine Sekunde beträgt. McLarens Teamführung möchte Verstappen in der Startphase unbedingt auf Abstand halten. Etwa mit einer abgestimmten Kooperation? Wie selbstverständlich bestätigte Brown die McLaren-Haltung, beiden Fahrern weiterhin freies Spiel zu lassen. Nur an die Teamregeln sollten sie sich bitte halten. Frei übersetzt: Fahrt euch nicht in die Kiste! Seid klug und schafft euch erst mal diese „Bedrohung“ vom Hals, diesen, um mit Brown zu sprechen, „Horrortypen“, der zum Schrecken aller „immer auftaucht, wenn man es nicht mehr erwartet“. So eine Inszenierung wäre wohl das Finale eines wohlwollenden Experiments mit Egomanen zum Gemeinwohl aller. „Wir würden Champagner trinken“, sagte Teamchef Andrea Stella. Aber was, wenn Norris die Lücke sieht kurz nach der Abfahrt, wenn er Piastri attackiert, um bei erster Gelegenheit kurzen Prozess zu machen? „Ich werde alles versuchen, um zu gewinnen“, kündigte Norris an. Dann würde sich sein Vordermann nach Kräften wehren. Formel-1-Piloten vom Schlage Piastris sausen mit der Vorstellung durch die Welt, keine zweite Chance zu bekommen, wenn sie beim ersten Mal anderen den Vortritt lassen. Verstappen gefiele so eine Entwicklung, weil ein Verdrängungskampf die Beteiligten bremst, ihre Aufmerksamkeit bindet, im schlimmsten Fall zum Vollkontakt samt massiver Kaltverformung führt. Dann freute sich der Dritte. Die Launen des Red-Bull-Boliden McLaren wird diesen GAU simulieren, aber das Interesse von Norris an der Attacke kaum reduzieren können. Denn im Verlauf des Rennens ist in identischen Autos nicht mit großen Sprüngen zu rechnen. Taktikvarianten werden durch die Beschränkung der Laufleistung für die Reifen aus Sicherheitsgründen auf maximal 25 Runden kaum zu sehen sein. Und der Faktor Max, wie Red Bull die kaum zu berechnende Beschleunigungsmaschine aus Fleisch und Blut beschreibt, wird eher mit den Launen seines Boliden zu kämpfen haben. Denn das beklagte, auch am Samstag im Sprint nicht vollständig eingefangene Wippen des Rennwagens, das Untersteuern – der Rennwagen folgt am Kurveneingang nicht exakt dem Lenkeinschlag –, wird sich kaum in Luft auflösen. „Wir sind noch weit weg“, sagte Verstappen, „aber wir haben immer noch Limitierungen.“ Dazu droht Gefahr von hinten. Mercedes ist auf dem Sprung. George Russell, als Zweiter im Sprint auf dem Niveau von McLaren, steht schräg hinter Verstappen in der Startaufstellung auf Rang vier. Sein Teamkollege Kimi Antonelli folgt dem Engländer als Fünfter. Sie werden keine große Rücksicht aufeinander nehmen, schon gar nicht auf den erstbesten Titelkandidaten vor ihrer Nase. Deshalb erinnerte Red Bulls Sportdirektor Helmut Marko, sollte Verstappen beim Start nicht vorankommen, an seine Chaostheorie: „Zwei Stopps sind notwendig. Da kann einiges passieren, im Positiven wie im Negativen.“ Das gilt aber für alle.
