Am Nachmittag des 31. August schaut Max Verstappen wie bedröppelt aus der Wäsche. Zweiter beim Formel-1-Rennen in Zandvoort hinter Oscar Piastri – das hätte er sich noch gefallen lassen. Aber beim Gedanken an den Stand in der Weltmeisterschaft gefror das Lächeln auf seinen Lippen, das er seinen Fans kurz schenkte: 105 Punkte Rückstand auf Piastri, 70 auf dessen Teamkollegen bei McLaren, Lando Norris. Champions wie Verstappen sind es nach vier Titeln in Serie gewohnt, alles und jeden im Griff zu haben in ihrem Sport. Nun schien der Moment gekommen, den Machtverlust zu gestehen, die Ohnmacht: „Wir haben es nicht mehr unter Kontrolle.“ Sieben Rennen und vier Verstappen-Siege später, am Donnerstag im Fahrerlager von Qatar, lächelt der Niederländer. Vor dem vorletzten Rennen am Sonntag (17.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) wird er zu seinen Chancen befragt bei „nur“ noch 24 Punkten Rückstand, nun hinter dem führenden Engländer Norris. Die Disqualifikation der beiden McLaren nach Verstappens Sieg in Las Vegas vergangenen Sonntag wegen eines zu großen Abriebs am Unterboden eröffnet dem 28 Jahre alten Piloten, so sieht es die Formel-1-Gemeinde, beste Chancen, einen fünften folgen zu lassen. Er dämpft die Erwartung: „Selbst wenn ich alles gewinne, brauche ich noch Glück“, sagt er in der Red-Bull-Unterkunft im Fahrerlager und lehnt sich zurück im Stuhl. Verstappen gilt als der Fahrer, der kaum zu berechnen sein soll Sollte Norris an diesem Samstag im Sprint (15.00 Uhr MEZ/Sky), am Sonntag im Grand Prix und im Finale von Abu Dhabi jeweils als Dritter ins Ziel kommen, müsste Verstappen abtreten. Und so ist es der Gegner, der den Red-Bull-Mann in eine ihm sehr angenehme Position rückt. „Max“, erzählte Norris kurz zuvor im Nachbargebäude, „ist immer eine Bedrohung.“ Max Verstappen gilt als der Fahrer, der kaum zu berechnen sein soll. So hört sich das an, wenn Red Bulls Motorsport-Direktor Helmut Marko, Doktor der Rechtswissenschaft, bewegt von Rundenzeiten des Steuerkünstlers schwärmt, die unterhalb der simulierten Zeitvorgabe lagen. Unter dem Max-Faktor versteht der Österreicher die Fähigkeit Verstappens, neue Linien zu finden, Lücken zu entdecken, die andere nicht sehen, die Haftung der Reifen zu verlängern, technische Probleme zu umfahren und bei voller Fahrt noch über Lösungen zu diskutieren mit den Denkern am Kommandostand. Ein Talent mit Nachteil. Verstappen fühlt sich allein im Team. Als Solist, dem zumindest auf der Piste niemand zur Seite springt, der Angreifer wie Norris oder Piastri auf Abstand hält, um dem Chef den Weg zum Triumph zu erleichtern. Yuki Tsunoda ist bereit dafür. „Wenn ich zwischen Max und Lando oder Oscar gerate, weiß ich, was ich zu tun habe“, sagt er am Donnerstag. Im Auditorium ist ein leises Lachen zu vernehmen. Tsunoda taucht in den Grand Prix so gut wie nie in der Spitze auf. 25 Punkte gewann er im Red Bull 2025, Verstappen 366. Kommende Woche soll sein Nachfolger bekannt gegeben werden. „Er verbessert sich immer weiter“ Im Podcast „Beyond the Grid“ schilderte Sebastian Vettel jüngst, warum die „Bedrohung“ Verstappen Freund wie Feind erfasst: „Das Erschreckende ist, dass er immer besser wird. Wir wissen, dass er stark ist, aber er verbessert sich immer weiter. Er ist hungrig und arbeitet abseits der Rennwochenenden extrem hart. Das macht ihn so komplett.“ Reicht das für ein spektakuläres, erfolgreiches Comeback nach den Ohnmachtsgefühlen von Zandvoort? São Paulo im Herbst 2024: Verstappen steht zu Beginn des Grand Prix auf der Rennstrecke von Interlagos auf Startplatz 17 von 20. Der Sieger heißt – Verstappen. Aufgeben gilt nicht. „Ein echter Racer und Siegertyp gibt auch, wenn er hinten liegt, alles für den Sieg“, sagt Verstappen in Qatar. Er mochte in Zandvoort und vorher schon den Eindruck erweckt haben, aussichtslos zu kreisen. Aber wahrscheinlich diente dieser Pessimismus einem konstruktiven Zweck: die Entwicklung des lahmenden Red Bull wieder anzutreiben. Während sich andere Rennställe mit Blick auf die gewaltige Regelreform 2026 relativ früh in der Saison auf den Neuwagen konzentrierten, gelang Red Bull noch eine Beschleunigung dort, wo der Bolide nicht in die Gänge kam. Die Streckenführung des „Lusail International Circuit“ scheint wie gemacht für die Stärken des RB21. In den „mittelschnellen“ und „schnellen“ Kurven lässt sich die Qualität des Rennwagens ausspielen. Verstappen gilt als Favorit. McLaren lässt beiden Fahrern freies Spiel Er nimmt die Rolle zwar äußerlich ungerührt an, aber wie Norris spricht Verstappen so kurz vor den entscheidenden Wettrennen lieber über seine Gegner als über sich. Etwa mit etwas Süffisanz in der Stimme zu McLarens Haltung, beiden Fahrern freies Spiel zu lassen. „Perfekt, einen besseren Job kann man nicht machen, sie so weiterfahren zu lassen. Warum sollte Oscar das auch plötzlich nicht mehr dürfen?“ Ironie muss sich der Zuhörer hinzudenken. Die Gedanken Verstappens zur Balance-Politik im Rennstall von McLaren, unverschuldete Nachteile für einen Fahrer von der Boxenmauer aus zu korrigieren, nicht. Als Norris in Monza wegen eines verzögerten Boxenstopps hinter Piastri zurückfiel, gab der Australier auf Bitte der Teamführung die Position zurück. „Ich hätte ihnen gesagt“, erzählte Verstappen, „fuck off!“ Ein Schelm, wer glaubt, er appelliere für alle Welt vernehmbar an das Ehrgefühl Piastris: „Was bringt es sonst, überhaupt anzutreten? Man rückt sich damit selbst in die Rolle der Nummer zwei. Ich glaube nicht, dass er will.“ Korrekt. Piastri, der wie Verstappen mit einem Rückstand von 24 Punkten nach Qatar reiste, berichtete von einem kurzen Gespräch zum Thema Hilfsdienste für Norris. Seine von ihm vorgetragene Antwort: „Nein.“ Verstappen scheint zufrieden. Vor dem Dreikampf fügt er dem Urteil von Norris (Max, die Bedrohung) und dem von Vettel (Max, der Schrecken) doch noch sein eigenes hinzu: „Ich habe nichts zu verlieren. All in.“
