FAZ 17.12.2025
19:23 Uhr

Sozialkriminalität: Im Hinterzimmer werden die Ermittler fündig


Bei einer Razzia haben hessische Ermittler 230 Objekte durchsucht und 29 Haftbefehle vollstreckt. Die Vorwürfe reichen von Sozialleistungsbetrug bis Geldwäsche.

Sozialkriminalität: Im Hinterzimmer werden die Ermittler fündig

Der erste Aufschlag spielt sich innerhalb von Minuten ab. Beamte fahren in großen Mannschaftswagen vor, im nächsten Moment strömen sie in Spielhallen, Friseurläden, Nagelstudios und Kioske. Die Razzia beginnt am Morgen in mehreren Städten, darunter in Frankfurt und Wiesbaden – und ist am Abend noch lange nicht abgeschlossen. Wohl keiner der Geschäftsinhaber hatte damit gerechnet, dass die Polizei sich an diesem Dienstag für seine Mitarbeiter und Finanzen interessieren wird. Die Strategie des hessischen Landeskriminalamtes (LKA), sich mit einem konzertierten Schlag des Themas Sozialkriminalität anzunehmen, hat offenbar funktioniert. Wie drängend das Thema ist, belegt die Polizeiliche Kriminalstatistik. Dort wurden in Hessen im Jahr 2024 insgesamt 624 Fälle von Sozialleistungsbetrug erfasst, wie das Innenministerium in Wiesbaden mitteilte. Das sei im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um fast 20 Prozent – dabei handelt es sich nur um das Hellfeld, also jene Delikte, die polizeilich registriert worden sind. Die Ermittler gehen ihren Angaben zufolge von einer hohen Dunkelziffer aus. „Sozialbetrügern den Kampf ansagen“ Nach den Worten von LKA-Präsident Daniel Muth sind die Erscheinungsformen von Sozialkriminalität vielfältig. „Sie umfassen neben den unterschiedlichsten Formen des Leistungsbetrugs auch illegale Beschäftigung und Scheinselbständigkeit. Die Bandbreite reicht von individuell motivierten Einzelfällen bis hin zu organisierten und strukturell angelegten Missbrauchskonstellationen.“ Die Bekämpfung von Sozialleistungskriminalität sei „eine staatliche Gesamtaufgabe“. Innenminister Roman Poseck (CDU) sprach davon, Sozialbetrügern in Hessen „den Kampf anzusagen“. Der Staat dürfe sich „nicht auf der Nase herumtanzen lassen“. Die Zahlen belegten, dass der Rechtsstaat handeln müsse. Involviert in die Kontrollen war deshalb nicht nur die Polizei, sondern auch der Zoll, Gewerbe- und Ordnungsämter sowie Jobcenter und die Steuerfahndung. Wie die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt mitteilte, richtet sich der Verdacht vor allem gegen Beschuldigte, die sich des Sozialleistungsbetrugs schuldig gemacht haben sollen. Es werde vermutet, dass sie staatliche Leistungen erhielten, obwohl sie unangemeldet arbeiteten oder über nicht mitgeteiltes Vermögen verfügten. Den Beschuldigten würden dabei unterschiedliche Straftaten wie Betrug, Subventionsbetrug und Urkundenfälschung, aber auch der Handel mit Betäubungsmitteln vorgeworfen. Nach den Worten des hessischen Generalstaatsanwalts Torsten Kunze zeigt die landesweit koordinierte Vollstreckung von Durchsuchungsbeschlüssen und Haftbefehlen aus diversen Ermittlungsverfahren, „dass die hessischen Staatsanwaltschaften, die Polizei und alle weiteren beteiligten Behörden auch bei der Bekämpfung der Sozialkriminalität gut aufgestellt sind“. Festnahme in einem Nagelstudio Allein in Frankfurt nehmen sich die Beamten am Abend mehrere Betriebe in einer Straße vor. Im Stadtteil Rödelheim suchen sie zwei Kioske, ein Nagelstudio, zwei Dönerläden, einen Friseur und einen Handy-Shop auf. Hinterzimmer und Lager werden inspiziert. In einem der Kioske finden die Fahnder in einem hinteren Raum mehrere Kartuschen mit Lachgas und beschlagnahmen sie. Ein paar Häuser weiter wird in einem Nagelstudio ein asiatischer Mann festgenommen, mutmaßlich weil er gegen das Aufenthaltsgesetz verstoßen hat. LKA-Präsident Daniel Muth spricht von einem „wichtigen Impuls“, den die Behörden mit den Kontrollen gesetzt hätten. Die Durchsuchungen fanden in dieser Form das erste Mal statt. „Wir haben zahlreiche Erkenntnisse gewonnen, die wir uns nun ansehen werden, um daraus die richtigen Ableitungen treffen zu können.“ Die im Raum stehenden Vorwürfe reichten von Sozialleistungsbetrug, Schwarzarbeit und Scheinselbständigkeit bis hin zu Geldwäsche. Zudem seien Verstöße gegen das Betäubungsmittel- und Waffengesetz festgestellt worden. Am Ende des Tages haben die Beamten mehr als 1000 Personen kontrolliert, 230 Objekte und Fahrzeuge durchsucht und 29 Haftbefehle vollstreckt. In 76 Fällen wurden Strafanzeigen erstellt. In mehr als 200 Fällen werden nun zudem Ordnungswidrigkeiten sowie Verdachtsfälle wegen des Missbrauchs staatlicher Leistungen verfolgt. Außerdem stellten die Beamten Vermögenswerte im Gesamtwert von mehr als 850.000 Euro sicher. „Mit der Einziehung von Luxusautos, Bargeld und anderen Vermögenswerten treffen wir die Straftäter ganz bewusst an ihrem Lebensnerv“, sagte Poseck. An dieser Strategie wolle man festhalten.