Pflege ist ein „Nahthema“, so formuliert es Renate Köcher. Nach einer jüngsten Allensbach-Studie sind 16 Millionen aktuell oder waren vor kurzer Zeit mit Aufgaben der Pflege alltäglich oder regelmäßig befasst. 5,6 Millionen Menschen in Deutschland gelten als pflegebedürftig – ihre Zahl wird deutlich steigen. (Langzeit-)Pflege ist eine der Herausforderungen für eine Gesellschaft des langen Lebens. Auf drei Ebenen sind Antworten gefragt: auf der kulturellen, der infrastrukturell-professionellen und der finanziellen. Die Bereitschaft, sich um auf Pflege angewiesene An- und Zugehörige zu kümmern, ist im Habitus der Gesellschaft, ob alt oder jung, fest verankert. Gerade diejenigen, die Erfahrungen mit der Pflege gemacht haben, wären ganz überwiegend (wieder) bereit, sich an Pflegeaufgaben zu beteiligen oder sich vor Ort zu engagieren – deutlich mehr als jene ohne die existenzielle Erfahrung der Verantwortungsübernahme für Sorgebedürftige. Deutschland ist eine pflegeerfahrene Nation. Pflegekräfte fehlen nicht, weil der Beruf nicht attraktiv wäre Die Kenntnisse, Bereitschaften und das Problembewusstsein der Bevölkerung sind und bleiben das wichtigste „Sorgekapital“ im Sinne gesellschaftlicher Pflege-Ressource. Es bilden sich vielerorts – in Ergänzung zu Partnerschaft und Familie – „Caring Communities“ – ob in Köln, Berlin oder Mecklenburg-Vorpommern. Bürger sehen die Notwendigkeit von neuen Formen der Vergesellschaftung von Sorge und Pflege und gestalten sie mit. Ohne sie wird es keine menschenfreundlichen und von Respekt getragenen Antworten auf die komplexe Pflegefrage geben. Pflege geschieht vor Ort. Es ist eine Frage der örtlichen Kultur, ob Pflegebedürftige als Teil der Gesellschaft wahrgenommen, sie in unsere alltägliche Lebensführung einbezogen und An- und Zugehörige (bürgerschaftlich) unterstützt werden. Ohne professionelle Unterstützung und verlässliche Infrastruktur kommt gute Pflege nicht aus. Die Allensbach-Befragung fördert die Skepsis der Bevölkerung zutage, so es um die Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit von fachlichen Unterstützungsangeboten vor Ort geht. Überdies versteht keiner das viel zu komplizierte Leistungsregime der Pflege. Einfacher muss es werden. Die größte Herausforderung für die Versorgungssicherheit liegt aktuell in der Berufsdemographie. Die Boomer – unter ihnen viele Pflegekräfte – gehen in Rente. Ihnen stehen deutlich weniger Berufseinsteiger gegenüber. Das liegt nicht an fehlender Attraktivität des Pflegeberufes. Anders, als viele vermuten: Es ist der bestbezahlte nicht akademische Ausbildungsberuf, stabile Zahlen der Bewerberinnen und Bewerber für Pflegefachschulen, ausgeprägter Berufsstolz, sicherer Arbeitsplatz. Trotzdem stehen wir vor der Aufgabe, mit deutlich weniger Pflegefachpersonen deutlich mehr auf Pflege angewiesene Menschen versorgen zu müssen. Auch das steht der Bevölkerung vor Augen. Spahns Eingriff müsste rückgängig gemacht werden Pflegefachpersonen sind nicht für das Reinigen von Betten in Krankenhäusern da – wie jüngst von einigen Klinikträgern verfügt. Auch die Bevölkerung setzt auf eigenverantwortliche fachpflegerische Begleitung – ähnlich einer hausärztlichen – für alle auf Pflege angewiesene Menschen vor Ort – im Sinne einer modernen Gemeindekrankenschwester. Genau auf diese Perspektive hat sich die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Reform der Pflegeversicherung verständigt. Nicht zersplitterte Beratungsangebote, nicht Pflege im Minutentakt, dafür eine Stärkung der häuslichen Pflege, die noch wichtiger als der jetzt von Politikern geforderte Ausbau der Heimplätze erscheint. Perspektivisch gelingt dies nur, wenn medizinische und pflegerische Versorgung (regional) zusammengeführt und die Potentiale der Digitalisierung genutzt werden. Bleibt die Frage der Finanzierung. Die Finanzreserven der Pflegekassen sind aufgebraucht, eine Beitragssatzsteigerung ist nicht opportun. Eine relevante Begrenzung der immer weiter steigenden Heimkosten kostet viel Geld. Sie wird von der Bevölkerung gewünscht, aber zugleich für unwahrscheinlich gehalten. Gefragt ist ein Gesamtkonzept für die Finanzierung der Pflege(-ver-)sicherung. Die Stellschrauben sind bekannt: Beitragsbemessungsgrenze anheben, Zahl der Leistungsberechtigten begrenzen, kapitalgedeckte Pflegevorsorge als zweite Säule für junge Generationen – für die Boomer käme sie zu spät – aber bitte mit kapitalgedeckter Rentenvorsorge – nicht gesondert. Die Zuzahlungen zu den Heimkosten – für die zwölf Prozent der Pflegebedürftigen in Heimen – wird man einkommens- und vermögensabhängig mit einer Nachjustierung der Sozialhilfe samt Kostenteilung von Bund, Ländern und Kommunen in den Griff bekommen müssen. Ein kluger, gut gerechneter und mutiger Wurf ist gefragt. Völlig ohne Not will die schwarz-rote Bundesregierung die aktuell drohende Zahlungsunfähigkeit der Pflegekassen erneut mit Darlehen abwenden, statt endlich den eindeutig verfassungswidrigen Eingriff in den Ausgleichsfonds der Pflegekassen unter Jens Spahn in der Corona-Pandemie (etwa 3,5 Milliarden Euro) rückgängig zu machen. Dadurch könnte sie Vertrauen zurück- und Zeit für eine Gesamtlösung gewinnen. Die zwar vagen, aber fachlich guten Ansätze der Bund-Länder-Arbeitsgruppe in Sachen Versorgungsstrukturen könnten seriös konkretisiert und mit einer belastbaren Finanzarchitektur verbunden werden. Nicht vergessen: Das Pflegethema ist als „Nahthema“ demokratierelevant. Der Autor ist Leiter des Instituts AGP Sozialforschung und des Zentrums für zivilgesellschaftliche Entwicklung an der Evangelischen Hochschule Freiburg.
