FAZ 08.01.2026
06:33 Uhr

„Song Sung Blue“ im Kino: Sie haben keine andere Wahl als Zuversicht


In Craig Brewers Film „Song Sung Blue“ kämpft sich ein Musikerpaar mit Evergreens von Neil Diamond ins Leben zurück. Es spielen und singen Kate Hudson und Hugh Jackman.

„Song Sung Blue“ im Kino: Sie haben keine andere Wahl als Zuversicht

Sehr früh in „Song Sung Blue“ sehen wir Hugh Jackmans Gesicht auf voller Leinwandbreite – wir sind so nahe an den ­Augen eines Schauspielers wie seit „Spiel mir das Lied vom Tod“ nicht mehr. Aber der Kampf, den der von Jackman gespielte Musiker Mike Sardina führt, ist keiner gegen Menschen. Nach ein paar Begrüßungsworten stimmt er ein Lied an, „Song Sung Blue“, und die Kamera nimmt jetzt die Szenerie in den Blick: eine Sitzung der Anonymen Alkoholiker. Aber wer wie Mike ein Lied singt, das als traurig bezeichnet wird („sung blue“), aber zum Finale die Zeilen „And before you know it / you get to feelin’ good / you simply have no choice“ hat, der wird sich nicht unterkriegen lassen. Es ist sein „Trockengeburtstag“, das Datum, an dem er beschloss, dem Alkohol zu entsagen, und jedes Jahr singt er dazu in der Gruppe „Song Sung Blue“. So heißt denn auch der Film. Er erkennt in ihr eine musikverwandte Seele Neil Diamond schrieb das Lied 1972 und kam damit an die Spitze der amerikanischen Hitparade. Seitdem ist es zu einem der populärsten Songs für Coverbands geworden – wirklich ein toller Schlager. Mike, der unter dem Künstlernamen Lightning (Blitz) auftritt, vergöttert und singt aber auch alles andere von Neil Diamond (mit einer Ausnahme, ausgerechnet dessen bekanntestem Lied „Sweet Caroline“), und als er bei einem für ihn wenig glücklich verlaufenden Popstar-Imitatoren-Konzertabend für Senioren auf die Friseurin Claire trifft, die als Cover-Künstlerin der jung verstorbenen Nashville-Legende Patsy Cline nacheifert, erkennt er nicht nur eine musikverwandte Seele. Bald sind die beiden ein Paar, privat wie auf der Bühne: als Neil-Diamond-Tribute-band. Zur Begeisterung von Claire schlägt Mike dafür den Namen „Lightning & Thunder“ vor – Blitz und Donner. Eine Urgewalt, das passt zum Selbstverständnis der lebensdurstigen Frau, die ihre zwei Kinder allein erzieht. Und auch Mike hat eine Tochter aus seiner gescheiterten Ehe. Viel später in den mehr als zwei Stunden Laufzeit von „Song Sung Blue“ füllt wieder ein Gesicht die ganze Leinwand. Doch diesmal ist es das von Kate Hudson, die Claire spielt. Und es ist die gleiche Situation, denn mittlerweile ist die eigentlich bodenständigere Hälfte des Duos Lightning & Thunder in die Abhängigkeit abgerutscht. Wie es dazu kommt, ist fast zu schlimm, um wahr zu sein. Aber Regisseur Craig Brewer, der vor diesem Film vorrangig selbst als Kino-Cover-Artist Meriten und vor allem Moneten gesammelt hat (er drehte unter anderem ein Remake von „Footloose“ und den zweiten Teil des Eddie-Murphy-Vehikels „Der Prinz von Zamunda“), nahm für seinen neuen Spielfilm eine bereits 2008 unter demselben Titel gelaufene Dokumentation über ebenjenes Cover-Duo Lightning & Thunder zur Vorlage. Also doch eine wahre Geschichte, angesiedelt in tiefer Provinz, dem Bundesstaat Wisconsin. Die vielen brillanten Neben- als Rahmen der Hauptrollen Mit Jackman und Hudson hat Brewers eine Traumbesetzung gefunden für das eher albtraumhafte Leben seiner beiden Protagonisten, von dem die sich aber nie unterkriegen lassen, auch wenn es zwischendurch immer wieder so aussieht, als zerbrächen alle Träume. So ist dieses Melodrama ein tröstliches, ja geradezu herzerwärmendes und überdies getragen vom Spiel des Superstars Jackman, der sein Superhelden-Image (Wolverine) konterkariert durch das ungeschönte Bild eines in Unterhosen vor dem Spiegel Bühnenposen einstudierenden Musikers und der vor einem Vierteljahrhundert in Hollywood für ihre Rolle in „Almost Famous“ gefeierten, aber seitdem weitgehend untergegangenen Kate Hudson. Dass Jackman ein Herz und Talent für Musik hat, wusste man; dass aber auch Hudson alle im Film von ihr dargebotenen Lieder selbst gesungen hat, ist eine Überraschung. Wie groß war das Risiko, sich dabei zu blamieren. Aber die Intensität ihrer Interpretation mag genau davon befeuert worden sein. Was für ein Comeback! „Song Sung Blue“ wäre indes trotzdem nur die Hälfte wert, wenn es nicht die auf jeweils wenige Minuten Leinwandzeit beschränkten, aber darin unvergesslichen Nebenrollen gäbe, die sich zu einem Umfeld für die psychisch und physisch labilen Hauptfiguren ergänzen, das genau die richtige Mischung aus Skurrilität und Emotion bietet. Allen voran die drei Kinder der Patchworkfamilie: zwei Mädchen im labilen Spätteenager-Alter (dargestellt von King Princess und Ella Anderson), die zunächst alles andere als aufgeschlossen sind gegenüber dem jeweils neuen Partner ihrs Elternteils. Dazu der noch ganz unbekannte Kinderdarsteller Hudson Hilbert Hensley, der Claires jüngeren Sohn Dayna mit einer nie gespielt wirkenden Zuneigung gibt. Und dann Mikes Mitstreiter aus seinen brot­losen Zeiten vor dem Duo mit Claire, die sich nun ganz dem Erfolg von Lightning & Thunder verschreiben: eigentlich ab­gehalfterte Möchtegern-Macher, deren gestische und stimmliche Manierismen aber Quelle nie versiegenden Vergnügens sind, einfache Leute, aber herzensgut, und Meister der Improvisation – allen voran der eigentlich seit Langem abgemeldete Veteran James Belushi, der als Manager des Duos vor allem seinen Badger-Trolleybus von 1924 einbringt. Und da gibt es noch eine Thai-Restaurant-Betreiberfamilie, die es auch nicht leicht hat, aber zum Katalysator wird. Bevor es zum Schluss unweigerlich tränenselig wird, haben wir die Höhen und Tiefen eines Amateurmusikgeschäfts kennengelernt, das auf Leidenschaft beruht, die keine Kompromisse kennt. Oder sie zumindest erst spät macht, etwa, als es beim Publikum ­ohne den Evergreen „Sweet Caro­line“ eben doch nicht funktionieren will. Was ein Mann wie Mike, der ja auch Jahr für Jahr sein „Song Sung Blue“ anstimmt, dann auch begreift. Die Höhen bleiben trotzdem moderat, die Tiefen dagegen sind apokalyptisch, und viel häufiger als auf den Gipfeln stehen Claire und Mike am Abgrund. Aber auch das ist eine Bühne, auf der sie so gute Figur machen wie als Musiker.