FAZ 20.02.2026
10:04 Uhr

Social-Media-Verbot: So umgehen australische Kinder die Altersprüfung


Australien ist Vorreiter bei der Regulierung der Internetplattformen. Doch praktisch hat sich kaum etwas für die Teenager verändert. Australische Familien berichten.

Social-Media-Verbot: So umgehen australische Kinder die Altersprüfung

Offiziell sollten die beiden 13 Jahre alten Australier Kyan und Ivy Babic gar nicht mehr auf der Kurzvideo-Plattform Tiktok sein. Schon im Dezember war in dem Land das erste Social-Media-Verbot der Welt in Kraft getreten. Doch als die beiden Stiefgeschwister an diesem Nachmittag aus der Schule kommen, nehmen sie jeweils Videos für ihre Kanäle auf: Kyan sitzt an seinem Schreibtisch vor einem grellen Ringlicht, löst einen Zauberwürfel und hält seine neuen Basketballschuhe in die Kamera. Ivy öffnet an einem Schminktisch eine Box mit Kosmetika. „Mein Konto ist von der Sperre nicht betroffen“, sagt Kyan danach der F.A.Z. Ihm zufolge geht es den meisten seiner Altersgenossen genauso. Und auch seine Schwester Ivy sagt, ihre Konten funktionierten uneingeschränkt weiter. „Ich glaube, einer meiner Freunde wurde rausgeworfen, aber er hat einfach einen neuen Account erstellt und wurde seitdem nicht mehr gesperrt“, sagt Kyan. Für die beiden australischen Teenager gehören die sozialen Netzwerke zum Alltag. Angeführt von ihrer Mutter, die selbst auf Tiktok präsent ist, sind in der Patchworkfamilie mit fünf Kindern fast alle in dem Videodienst aktiv. Doch seit dem 10. Dezember dürfen zehn der bekanntesten Plattformen Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren eigentlich nicht mehr erlauben, einen eigenen Account zu haben oder zu erstellen. Den sozialen Netzwerken wie Tiktok, Youtube und Instagram drohen sonst Bußgelder von 28 Millionen Euro. Der Regierung zufolge funktioniert es: 4,7 Millionen Konten von Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren seien gesperrt oder gelöscht worden, teilte Ministerpräsident Anthony Alba­nese Mitte Januar mit. Der Regierungschef geriet ins Schwärmen: Ihm zufolge sind die australischen Kinder wieder mehr mit dem Fahrrad unterwegs, lesen Bücher und unterhalten sich mit ihren Freunden und Familien. Wie Kinder die Altersprüfung umgehen Mit seiner Social-Media-Gesetzgebung ist Australien außerdem weltweit zu einem Vorreiter geworden – Länder wie Frankreich, Spanien und Deutschland, aber auch Indien oder Indonesien haben bereits ähnliche Maßnahmen beschlossen oder erwägen sie. Zwei Monate nach Inkrafttreten der Vorschriften in Australien sieht die Lage vor Ort allerdings etwas anders aus, als der Regierungschef es dargestellt hat. In der lokalen Presse beschreiben Kinder und Jugendliche, wie sie das Verbot umgehen. Von rund zehn australischen Familien mit Kindern zwischen 13 und 16 Jahren, mit denen die F.A.Z. selbst in Kontakt war, haben fast alle weiterhin Konten in den eigentlich gesperrten Plattformen. Den Angaben der Kinder nach sind auch ihre Freunde weiter dort präsent. Entweder, die Kinder rutschen versehentlich durch die Altersprüfung, oder sie umgehen das Verbot. Sie tun das, indem sie ihr Geburtsdatum fälschen, bei der Altersfeststellung per Video das Handy vor das Gesicht eines Elternteils halten oder indem sie sich mit Make-up älter aussehen lassen. „Ich hatte keine Ahnung, was er tat, als er mir sein Handy ins Gesicht hielt“, berichtet April Mills-Matters, eine Mutter von vier Kindern aus dem Bundesstaat Südaustralien, über ihren 13 Jahre alten Sohn. Erst nach einer Woche sei ihr klar geworden, dass er damit wieder Zugang zu dem Kurznachrichtendienst Snapchat bekommen hat. Nun bereut sie, nicht besser aufgepasst zu haben. Denn sie befürwortet eigentlich das Verbot: „Die Kinder verschwenden ihr Leben, indem sie ständig auf ihre Handys starren“, sagt sie. „Und sie wissen nicht mehr, wie man echte soziale Beziehungen führt.“ Keiner der Teenager rede mehr über das Verbot Dabei hat die Regierung in Canberra von Beginn an gewarnt, dass es mit der Durchsetzung der neuen Regelungen schwierig werden könnte. Aber das Ausmaß, mit dem auf breiter Front dagegen verstoßen wird, scheint über die üblichen „Kinderkrankheiten“ einer neuen Gesetzgebung hinauszugehen. Es gebe kaum Jugendliche, die nicht wieder in den sozialen Medien aktiv seien, sagt eine Mutter, die ebenfalls aus dem Bundesstaat Südaustralien stammt. Louise Hubbard, die in Ba­thurst in New South Wales lebt, hat dasselbe von ihrer 15 Jahre alten Tochter erfahren. „Alle ihre Freunde haben es geschafft, sich bei Inkrafttreten des Verbots als Sechzehnjährige auszugeben oder ein neues Konto als Sechzehnjährige zu eröffnen“, sagt sie. „Keiner von ihnen ist tatsächlich 16 Jahre alt.“ Die Geschwister Kyan und Ivy Babic sagen, sie hätten einfach die Geburtsdaten ihrer Eltern in den Kontoeinstellungen eingetragen. Sie halten die Maßnahmen der Regierung deshalb für „ziemlich sinnlos“. Nach anfänglicher Aufregung nach dem Inkrafttreten der Regeln rede in ihrer Altersgruppe keiner mehr darüber. Viele australische Eltern sind überzeugt davon, dass eine Regulierung der sozialen Netzwerke an sich richtig ist. Die Deutsche Stefanie Kerr und ihr australischer Ehemann Chris, die mit ihren zwei Kindern in Melbourne leben, stehen ebenfalls hinter dem Gesetz. „Generell unterstütze ich jede Art von Initiative auf Regierungsebene sehr“, sagt Chris Kerr. „Da ich selbst in der IT-Branche arbeite, weiß ich aber auch, dass Kinder Wege finden werden, um Dinge zu umgehen“, so der Aus­tralier. Außerdem versuchten die Internetkonzerne, sich aus der Affäre zu ziehen. „Aber sie tragen die Verantwortung.“ Seiner Ehefrau Stefanie zufolge hilft das Verbot den Eltern grundsätzlich dabei, das Thema mit ihren Kindern anzusprechen. „Es ist viel einfacher, zu sagen, dass etwas verboten ist, als eine Diskussion zu führen“, so die Deutsche. Viele Möglichkeiten, Opfer von Cybermobbing zu werden Die Auswanderin, die seit vielen Jahren in Australien lebt, hat ihren eigenen Angaben nach lange vergeblich versucht, die Online-Aktivitäten ihres Sohnes zu kon­trollieren. „Ich halte es einfach nicht für realistisch, dass Eltern das unter Kontrolle haben können“, sagt Kerr. Während sich die Regierung derzeit kaum noch zu dem Thema äußert, stehen in Australien nun viele Eltern vor schwierigen Entscheidungen. Sollen sie nun doch selbst dafür sorgen, dass die Kinder nicht mehr auf den sozialen Medien unterwegs sind? Oder lassen ihre Kinder einfach gewähren? „Die Eltern sind weiterhin gefragt, das zu moderieren und einzuschränken“, sagt Louise Hubbard aus Bathurst. Es gebe auch immer noch viele Möglichkeiten, Opfer von Cybermobbing oder Onlinemissbrauch zu werden. Daran habe die Gesetzgebung nichts geändert. Sie versuche daher, weiter Gespräche mit ihren Kindern über den Umgang mit den sozialen Medien zu führen. Dabei sind durch die Gesetzgebung auch neue Probleme entstanden. So hatten Hubbards Kinder vor dem Verbot eigene Konten bei Youtube, die den Eltern Zugriff auf die Einstellung und die Inhalte gaben, die ihre Kinder gezeigt bekommen. Da sie nun kein Konto mehr haben, greifen sie einfach direkt auf die Plattform und damit theoretisch auf alle Inhalte zu, die dort zu finden sind. Der Schutz ist also geringer geworden, nicht größer. Ein weiteres Problem besteht außerdem darin, dass die Kinder und Jugendlichen infolge der Gesetze unterschiedlichen Zugang zu den sozialen Netzwerken haben. So berichtet die Deutsche Kerr, dass ihr Sohn Ben sein Snapchat-Konto verloren hatte, während die meisten Klassenkameraden weiter auf der Plattform aktiv waren. „Man würde sich wünschen, dass alle gleich erfasst werden“, sagt sie. „Andernfalls ist es wirklich unfair.“ Hoffnung auf Kinder, die noch nie Zugang hatten Die Eltern zögern nun und überlegen, ob sie ihm den Zugang nun selbst ermöglichen sollen, weil damit so viele soziale Kontakte zusammenhängen würden. „Die Versuchung ist da“, sagt Kerr. Viele Eltern plagt zudem ein schlechtes Gewissen. „Keiner von uns spricht wirklich über das Verbot oder erwähnt, dass unsere Kinder weiterhin soziale Medien nutzen, da wir uns schuldig fühlen oder enttäuscht sind“, sagt Mills-Matters aus Südaustralien. Viele Eltern hegen die Hoffnung, dass es bei den Jüngeren besser funktionieren wird, die noch nie Zugang zu den Netzwerken hatten. So wie die elf Jahre alte Lucy, die Tochter der Kerrs. In ihrem Fall haben sich die Eltern entschieden, dass sie auch länger warten als bei ihrem Sohn Ben, ihr ein eigenes Handy zu geben. „Ich habe Nein gesagt, weil ich inzwischen dazugelernt habe“, sagt Chris. „Ich weiß, sobald meine Tochter ein Handy bekommt, ist sie für uns nicht mehr ansprechbar“, so der Familienvater. Manche Eltern glauben dagegen, dass die sozialen Medien aus dem Leben der Kinder heute nicht mehr wegzudenken sind. „Smartphones und soziale Medien sind mittlerweile ein so großer Teil unseres Lebens, dass wir sie akzeptieren und unseren Kindern mehr über Sicherheit beibringen müssen“, sagt eine der Mütter aus Südaustralien. Und eine andere: „Ich habe damit eigentlich kein Pro­blem, da es ein Zeichen der Zeit ist. Unsere Kinder pflegen auf diese Weise Freundschaften, organisieren Partys und Treffen.“ Die meisten Eltern wünschen sich aber zumindest ein System, das funktioniert. „Ich hoffe, dass eine bessere Methode gefunden und umgesetzt wird, um den Kindern den Zugang zu verbieten“, so Mills-Matters. Ein abschließendes Urteil über das australische Experiment wird sich wohl erst mit einem längeren Abstand fällen lassen. Die 13 Jahre alte Ivy findet, es sollte den Eltern überlassen bleiben, ihren Kindern beizubringen, wie sie sich im Internet sicher verhalten, und ob sie wollen, dass ihre Kinder die sozialen Medien nutzen. Sie und ihr Bruder Kyan verbringen den eigenen Angaben nach am Tag etwa eineinhalb Stunden im Internet. Sie waren ansonsten aber auch schon vor der Gesetzgebung viel im Freien. Sie spielen nach der Schule Basketball und fahren Roller – so wie sich der australische Regierungschef Albanese das eigentlich auch vorstellt. Die beiden jugendlichen Influencer stellen dann die Videos, die sie an diesem Tag aufgenommen haben, einige Zeit später auf ihre Tiktok-Kanäle – so wie sie es vor dem Social-Media-Bann auch getan haben.