FAZ 10.02.2026
13:31 Uhr

So rüstet die Welt auf: „Die Nachkriegsordnung befindet sich im Prozess der Zerstörung“


Die Münchner Sicherheitskonferenz steht im Zeichen der „Abrissbirnenpolitik“. Die alte Weltordnung wird abgelöst, Europa muss aufrüsten – und selbst für seine Sicherheit sorgen.

So rüstet die Welt auf: „Die Nachkriegsordnung befindet sich im Prozess der Zerstörung“

Illustration: Johannes Thielen Rüstungsindustrie Die Welt unter Waffen Sven Astheimer, Stephan Finsterbusch, Grafiken: Stefan Walter, Johannes Thielen 10. Februar 2026 · Die Münchner Sicherheitskonferenz steht im Zeichen der „Abrissbirnenpolitik“. Die alte Weltordnung wird abgelöst, Europa muss aufrüsten und selbst für seine Sicherheit sorgen. Doch Beschaffung, Forschung und Produktion sind kleinteilig organisiert. Ein Land ist dem Rest der Welt enteilt. Die Berliner Mauer war gefallen, der Kalte Krieg beendet, die Sowjetunion am Boden. In Moskau herrschte Chaos, in Berlin Euphorie. Der Warschauer Pakt war aufgelöst, die NATO stand allein auf weiter Flur. Europa forcierte von 1992 an seine Integration, Russland verschrottete einen großen Teil seiner massiven Panzerflotte, Washington ordnete seinen militärisch-indus­triellen Komplex neu. Dafür sollte der damalige US-Verteidigungsminister Les Aspin im Juli 1993 die Bosse der größten Waffenhersteller des Landes zum Dinner ins Pentagon bitten. „Uns war nicht klar, was er eigentlich wollte“, wird Norman Augustine vom Luft- und Raumfahrtkonzern Martin Marietta sagen. Später sollte er die Runde „The Last Supper of the Industry“ nennen – das letzte Abendmahl der Branche. Angesichts der damals neuen geopolitischen Lage hatte Aspin vor versammelter Runde erklärt, künftig werden nicht mehr alle satt werden können. Hatte die US-Regierung in den Achtzigerjahren noch bis zu knapp sieben Prozent der Jahreswirtschaftsleistung des Landes in sein Militär gesteckt, waren für die kommenden Jahre nun kaum drei Prozent geplant. Die fetten Jahre waren vorbei, und das hatte Folgen. 1997 waren nach einer riesigen Fusions- und Übernahmewelle von den fünfzig größten Auftragnehmern des Pentagon fünf übrig geblieben: RTX, Lockheed Martin, Boeing, General Dynamics und Northrop Grumman. Das Quintett führt die globale Rüstungsbranche noch heute an. Nach Angaben der Vereinten Nationen belaufen sich die globalen Rüstungsausgaben auf mittlerweile 2700 Milliarden Dollar im Jahr. Tendenz steigend. Denn neben Amerikanern, Chinesen und Russen rüsten auch Japaner, Koreaner und Europäer auf. Während Tokio und Seoul über die vergangenen zehn Jahre ihre Verteidigungsausgaben laut Weltbank um ein Drittel auf nun 56 Milliarden respektive 48 Milliarden Dollar im Jahr erhöhten, verdoppelten die EU-Staaten nach Angaben der European Defence Agency ihre jährlichen Budgets auf derzeit umgerechnet 450 Milliarden Dollar. Russland kommt auf rund 150 Milliarden, China auf 313 Milliarden Dollar. So stehen nach Angaben der Analysten von Global Firepower in der Welt derzeit 70 Millionen Menschen unter Waffen; als Soldaten, als Reservisten oder Paramilitärs. Die zehn größten Armeen der Welt zählen fast 1,2 Millionen Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, knapp 30.000 Militärflieger, rund 10.000 Fregatten, Korvetten, Zerstörer, Flug- und Hubschrauberträger sowie nahezu 400 U-Boote. Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Denn die Weltordnung steckt in dramatischen Umbrüchen. Sie sei „in eine Phase der Abrissbirnenpolitik eingetreten“, heißt es im aktuellen Sicherheitsreport 2026 der Münchner Sicherheitskonferenz, der am Montag im Vorfeld der Konferenz veröffentlicht worden ist. Die treibenden Kräfte setzten dabei auf umfassende Zerstörung statt auf eine inkrementelle Reform. „Mehr als 80 Jahre nach ihrer Begründung befindet sich die vor allem von den USA geprägte Nachkriegsordnung im Prozess der Zerstörung“, lautet die Schlussfolgerung. Vor einem Jahr hatte US-Vizepräsident J. D. Vance in München die Europäer aufgefordert, mehr und stärker für ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Der Druck der zweiten Trump-Regierung hat dazu geführt, dass sich die europäischen NATO-Staaten tatsächlich verpflichtet haben, ihre Verteidigungsinvestitionen auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen und weitere 1,5 Prozent für Sicherheit im weiteren Sinne (etwa Infrastruktur) auszugeben. Ein gigantisches Paket. Doch woher sollen all die Waffen kommen? Auf die angepeilten Volumina ist die hiesige Industrie bislang nicht ausgelegt. Schon nach dem von der Ampelregierung auf den Weg gebrachten „Sondervermögen Bundeswehr“ wurde Kritik laut, dass die Mittel aus dem bis zu 100 Milliarden Euro schweren Paket vor allem an US-Hersteller gingen, die über die nötigen Ressourcen verfügen. Die Analysten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI zählen unter den Top-100-Rüstungskonzernen der Welt neben zwei russischen, vier deutschen, fünf japanischen und acht chinesischen Unternehmen ganze 39 Rüstungskonzerne aus den USA. Die meisten von ihnen scharen sich als Zulieferer um die fünf Konglomerate, die einst aus dem Washingtoner Abendmahl hervorgegangen waren. Die „Big Five“ geben den Ton vor. Sie sind das Zentrum von Amerikas neuem militärisch-industriellen Komplex, ziehen große Aufträge an, filetieren sie je nach Anforderung und Waffensystem für ihre Zulieferer, beschäftigen im Kern eine halbe Million Mitarbeiter und kommen auf Rüstungserlöse von 210 Milliarden Dollar im Jahr. General Dynamics hat eine Zulieferkette von 22.000, RTX eine von rund 14.000 Unternehmen. Northrop Grumman greift bei der Fertigung seines B2-Tarnkappenbombers auf 4000 fast ausschließlich heimische Firmen zurück. Lockheed Martin nutzt bei der Produktion des Kampffliegers F-35 allein im engsten Kreis rund 2100 Betriebe. Ein Viertel der verbauten Teile stammt aus dem Ausland; viele davon aus Europa. Rüstungsrankings Rüstungskonzerne zu Lande zu Wasser in der Luft → Dabei sind die Amerikaner nicht die Einzigen, die ausländisches Know-how im Blick haben. Nach der 2015 begonnenen Militärreform forcierte China eine weitere Ballung der Befehlsgewalt in der Zentralen Militärkommission, stellte den klassischen Luft-, Land-, See- und Raketenstreitkräften die Weltall- und Cyber- sowie die vereinten Informations- und Logistiktruppen gleichberechtigt zur Seite, vor allem aber unterfütterte es mit steigenden Rüstungsbudgets seine Waffenwirtschaft. In deren Zentrum stehen wie in Amerika wenige Konzerne: der Schiffbauer CSG, der Flugzeughersteller AVIC, der Panzerbauer Norinco, der Lenkwaffenproduzent CASC, der Elektronikkonzern CETC. Um sie legt sich ein Kranz von Zulieferern wie Yangtze Memory, der Lidar- und KI-Entwickler Hesai oder der Triebwerkbauer AECC. Viele der chinesischen Rüstungshäuser bieten laut dem Oxford China Policy Lab Dual-Use-Güter an; Produkte, die sich militärisch wie auch zivil nutzen lassen. Damit expandiere China auf den Weltmärkten. Viele Ressourcen ließen sich auch besser vorhalten und im Ernstfall sofort mobilisieren. Dagegen bietet sich in Europa ein anderes Bild. „Das größte Problem ist die Fragmentierung“, sagt Nikolaus Lang, Managing Director des Beratungsunternehmens BCG. Europa beschaffe, forsche und entwickele Verteidigungstechnik überwiegend national. „Rund 80 Prozent der Beschaffung und 90 Prozent der Forschungs- und Technologieausgaben laufen auf nationaler Ebene“, sagt Lang. Das führe zu Doppelentwicklungen, kleinen Stückzahlen und hohen Kosten. Europa betreibe heute rund viermal so viele unterschiedliche große Waffensysteme wie die USA. Dabei ist das Potential vorhanden, wie aus einer Studie zur MSC hervorgeht, die das Henderson Institute, der Thinktank von BCG, durchgeführt hat. Die zentrale Erkenntnis lautet: Europa hat kein Wissens- oder Talentproblem – sondern ein Umsetzungsproblem. Europa gehöre weltweit zur Spitze, wenn es um Grundlagenforschung in Schlüsseltechnologien geht. In sechs von neun Zukunftsfeldern der NATO – etwa bei KI, Quantentechnologien, Raumfahrt oder Energie – liege Europa bei den meistzitierten wissenschaftlichen Arbeiten vor den USA. „Aber zwischen dem Labor und der realen Welt klafft eine Lücke“, sagt Lang. „Aus exzellenter Forschung entstehen hierzulande zu selten Patente, Produkte und skalierbare Systeme. Während die USA Forschung schneller industrialisieren, bleibt Europa oft im Prototypenstadium stecken.“ Allerdings hat sich in Deutschland ein bemerkenswertes Defence-Tech-Ökosystem entwickelt, das vor allem aus softwaregetriebenen Start-ups besteht, die unbemannte Drohnen zu Lande, zu Wasser und vor allem in der Luft entwickeln. Helsing aus München gilt mit einer Bewertung von zwölf Milliarden Euro als wertvollstes Rüstungs-Start-up Europas. Ende Februar soll der Haushaltsausschuss die Mittel genehmigen, damit Helsing und das Berliner Unternehmen Stark Defence große Stückzahlen an Kamikaze-Drohnen zum Schutz der NATO-Ostflanke liefern. Um die großen Stückzahlen in der nötigen Qualität und Geschwindigkeit herstellen zu können, kooperieren Start-ups mit Industriekonzernen. Besonders in der leidenden Autoindustrie ist das Interesse groß. So arbeitet Helsing etwa mit dem für seine Getriebe bekannten Zulieferkonzern Schaeffler zusammen. Der Münchner Hersteller von Minipanzern ARX Robotics hat mit Daimler Truck, Renk und Deutz gleich drei renommierte Partner im Boot. Gleichzeitig treibt Rheinmetall, mit mehr als acht Milliarden Euro Jahresumsatz der einzige deutsche Konzern unter den Top 20 auf der Welt, die Konsolidierung voran. Vorstandschef Armin Papperger will den Panzerbauer zum Vollanbieter machen. Von der Lürssen-Gruppe kauften die Düsseldorfer die Militärsparte NVL, die Fregatten und Korvetten für die Bundeswehr baut. Auch im Weltraum hegt man Ambitionen, vor allem für radargestützte Aufklärung. Eine Konsolidierung unter den Großen in Europa bleibt aber ein schwieriges Unterfangen, wie die jüngsten Aussagen von Jean-Paul Alary zeigen. Der Chef des deutsch-französischen Rüstungskonzerns KNDS erteilte in der F.A.Z. einem Einstieg von Rheinmetall eine Absage. Seine Begründung: „kein Mehrwert“. Auch kommt Fincantieri aus Italien beim deutschen U-Boot-Bauer TKMS bislang nicht voran. Rüstungsexperten sind sich unterdessen einig, dass die Unabhängigkeit Europas in allen Verteidigungstechnologien weder realistisch noch notwendig ist. „Entscheidend ist strategische Autonomie, nicht Autarkie“, sagt BCG-Manager Lang. „Europa muss nicht alles selbst machen – aber in bestimmten Schlüsseltechnologien unverzichtbar sein.“ Das Ziel sei nicht, aus der transatlantischen Partnerschaft auszusteigen. Es gehe um eine neue Balance: „Europa als Mitgestalter der militärischen Zukunftstechnologien – nicht nur als deren Abnehmer.“ Innovationscluster China an der Spitze Ungleichheit in Deutschland Gymnasien gibt’s nur für Reiche