Darf ein Sozialist schick essen gehen? Diese uralte Frage kam gerade neu auf den Tisch. Anlass: Juso-Chef Philipp Türmer war zu Gast in der „Paris Bar“ gewesen, einem Schickeria-Hotspot in Berlin-Charlottenburg. Wo die Schickeria speist und trinkt, sind schaulustige Journalisten nicht weit. Und so berichtete ein Newsletter des Magazins „Politico“ über Türmers Besuch „in weiblicher Begleitung“ und ließ nicht unerwähnt, dass am selben Abend auch noch die Ex-Chefin der Grünen Jugend, Jette Nietzard, reingeschneit war. Skandal? In Paris wäre man wohl froh, dass die Jugend Qualität zu schätzen weiß, statt sich auf dem Sofa Instant-Ramen reinzuziehen. Nicht aber in Berlin. Die „Berliner Zeitung“ klaubte ein paar gehässige Social-Media-Kommentare zu dem Newsletter-Schnipsel zusammen, um eine missbilligende Öffentlichkeit zu konstruieren. „Ein Beitrag“ und „ein anderer User“ wurden zitiert. „Wie war das noch mal mit Wasser predigen und dem Wein?“, fragte der Journalist. Er fragte es allerdings nicht Türmer, sondern nur so in den Text rein. Also dann, Herr Türmer, wie war es? Ist es dekadent, in die „Paris Bar“ zu gehen? Türmer ruft auf die F.A.S.-Anfrage hin schnell zurück. Er klingt gut gelaunt. Seine Antwort ist natürlich: Ja, auch ein Sozialist darf in die „Paris Bar“. Manche zeichneten halt ein Zerrbild von Sozialisten, meint er. „Wer glaubt, wir wollten ein Nordkorea 2.0 errichten, der muss dann natürlich irritiert sein. Aber wir wollen ja das Gegenteil, jeder soll mal essen gehen können.“ Ein Knackpunkt ist natürlich, wo. Ist es dekadent, in die „Paris Bar“ zu gehen? Türmer stellt zunächst mal klar, dass die nicht sein Stammlokal sei. Er habe vorher noch nie dort gegessen, nur einmal ein Glas Wein getrunken, weil eine Kneipe nebenan keinen Platz mehr gehabt habe. Außerdem: Er habe mit der „weiblichen Begleitung“, seiner Freundin, was zu feiern gehabt. Und sie wollte schon immer mal in die „Paris Bar“. Türmer dagegen habe immer gewarnt: „Ich kann da nicht hin, da chillen zu viele Springer-Journalisten.“ Geradezu hellsichtig – „Politico“, das seinen Besuch bezeugte, gehört dem Springer-Konzern. Gut, was gab’s denn? „Wir haben Muscheln und ein Steak frites geteilt.“ Miesmuscheln in Weißweinsud kosten 21,50 Euro, das Entrecote mit Sauce béarnaise, Pommes und Salat 39,50. Nicht gerade Mondpreise. Was Türmer ärgert, ist, dass irgendwo im Netz stand, dass da Steuergeld verprasst worden sei. Juso-Chef sei kein Beruf. „Mein Geld verdiene ich vor allem als Rechtsreferendar beim Land Brandenburg, nicht mit der Arbeit für die Jusos.“ Genug erklärt – wie hat es geschmeckt? Die Pommes und die Sauce seien sehr gut gewesen. „Das Steak so mittel.“ Kurze Überprüfung durch die F.A.S. am Donnerstagmittag, ohne Reservierung in der „Paris Bar“: kleines Pils (vier Euro), große Pommes mit großer Béarnaise (13,50 Euro). Sehr gut. Und macht satt bis abends.
