FAZ 17.01.2026
16:22 Uhr

So isst Politik: Die richtige Wurst für den Veganuary


In Berlin gibt es eine Currywurstbude wie eine Volkspartei: Sie hat für jeden etwas im Angebot, selbst für Leute mit Neujahrsvorsätzen. Auch Bundesminister wurden dort schon gesehen.

So isst Politik: Die richtige Wurst für den Veganuary

Der Jahresbeginn regt zu Selbstoptimierung an. Weil alle wissen, dass sie ihre Vorsätze bald wieder aufgeben, versuchen sie es nur einen Monat lang. Manche schwören auf den Dry January, verzichten also vier Wochen auf Alkohol. Andere bevorzugen den Veganuary, sie versuchen, sich vorübergehend vegan zu ernähren. Wieso nicht beides – oder nichts davon? Auf diese Frage ist eine der bekanntesten Currywurstbuden von Berlin eingestellt, „Witty’s Bio-Currywurst“ am Bahnhof Friedrichstraße. Die Lage, zentral in Mitte, bringt es mit sich, dass an dieser Bude beinahe jeder früher oder später vorbeikommt. Oder immer wieder. Bundesminister wurden dort schon gesehen, Obdachlose ebenfalls. Diese Mischung schafft nur, wer für jeden etwas anzubieten hat, so wie eine Volkspartei. Im Fenster wirbt der Currywurstladen mit einem Veganuary-Menü: Vegane Bio-Currywurst, Bio-Pommes mit Sauce für 7,90 Euro. Mit Currywurst aus echter Wurst kostet es 10,60 Euro. Neben der Frage, wieso Wurst mit Pommes schon ein Menü sein soll, stellt sich auch jene nach der Angemessenheit des Preises: Muss eine Wurst wirklich so teuer sein? Die Frage wurde in Berlin schon ausdauernd diskutiert, mit dem Ergebnis, dass sie kostet, was sie kostet, und viele gerne zugreifen. Zwar betritt an diesem Freitag im Januar auch kurz ein abgerissen wirkender Mann den Laden, fragt nach dem Preis und dreht in der Tür wieder um, als er ihn hört. Aber drinnen stehen schon ein paar Touristen und schmausen. Dazu trinken sie Cola, obwohl auch noch Glühwein angeboten wird, mit 3,50 Euro dann wiederum recht günstig. Wer will, kann hier die Weihnachtsfeiertage mit Wurst und Wein wieder aufleben lassen – der Christbaum darf ja auch noch bis zum 2. Februar stehen, rieselnde Nadeln kommen einfach mit Uhu wieder dran – oder aber bei Wurstersatz und Wasser Mäßigung geloben. Warum trafen Markus Söder und Friedrich Merz sich nicht hier, als sie vor einem Jahr zum Currywurst-Gipfel in Berlin zusammenkamen? Stattdessen besuchten sie einen Stand namens „Original Berliner Currywurst“, vielleicht wegen des plakativen Namens. Oder hatte Söder Sorge, dass Bio-Ware, vielleicht sogar vegane Wurst seinen Ruf ruinieren könnte? Die F.A.S. scheut dieses Risiko zwar nicht, entscheidet sich bei „Witty’s“ aber für einen Kompromiss: kein Glühwein, dafür echte Currywurst, die mit reichlich Currysoße serviert wird, dazu Pommes rot-weiß. Das Ganze wird im Stehen eingenommen; so gehört es sich bei Imbisskost. Die Bude hat sowieso keine Sitzplätze. Und wo man schon auf den Beinen ist, kann man auch gleich noch eine Runde um den Block spazieren. Mehr Bewegung zählt ja zu den klassischen Neujahrsvorsätzen. Los geht’s – bevor der Januar schon wieder vorbei ist.