FAZ 06.12.2025
11:02 Uhr

So isst Politik: AfD-Popcorn: Schmeckt nicht so, wie es sich gehört


Wo Politik ist, wird auch gegessen und getrunken. Unsere Autorin probiert alles durch. Diesmal: blaues Popcorn auf der Gründungsversammlung der neuen AfD-Jugend.

So isst Politik: AfD-Popcorn: Schmeckt nicht so, wie es sich gehört

Popcorn gratis. So steht es auf einem Schildchen am Fanshop der AfD, im Vorraum der Gießener Messehalle, in der die Parteijugend gerade donnernd klatscht. Es ist ihre Gründungsversammlung, und irgendwer hat eben wieder „millionenfache Remigration“ gefordert, das sorgt hier zuverlässig für Szenenapplaus. Aber auch im Vorraum ist was los. Zum Beispiel an der Popcorntheke. Das Popcorn ist blau eingefärbt. Blaubeere, glaubt der junge Mann, der die Popcornmaschine bedient. Schmeckt diffus süß, dafür leider kaum karamellig, wie es sich für Popcorn eigentlich gehört. Aber macht satt. Und das ist hier nicht zu verachten, denn an der Theke, die warmes Essen ausgibt, stehen zwar auch Sattmacher bereit, aber zu Feinschmeckerpreisen. Na gut, das ist übertrieben, aber nicht sehr. Eine Currywurst mit Kartoffeln – warum auch immer Kartoffeln – kostet neun Euro, ein Pappteller gelb-grüner Tortellini neunfünfzig, einzunehmen im Stehen, was vielleicht auf Weihnachtsmärkten noch zum Erlebnis gehört, wobei aber die Einnahme von Glühwein eine entscheidende Rolle spielt, und der wird hier wie auch jeder andere Alkohol nicht ausgeschenkt. Also Popcorn. Echte Frauen sind kaum hier Zum Popcornschmaus aus der Papiertüte bietet sich ein Spaziergang zu umliegenden Ständen an. Einer stellt ein umfangreiches Stickersortiment aus. „Nett hier! Aber gehörst du nicht abgeschoben?“, steht auf einem, auf einem anderen „Knutschen für Remigration“. Beide zeigen sehr attraktive blonde Frauen in KI-Ästhetik. Echte Frauen sind kaum hier. Der Mann, der den Stand betreut, ein Barbourjackenträger mit einem auffällig blutunterlaufenen Auge, plant nebenbei eine Liegestützchallenge. Leute sollen sich an seinem Stand versammeln und Liegestütze machen, solange sie können. Zwei Stände weiter hat der rechtsextreme Verleger Götz Kubitschek seinen Büchertisch aufgebaut. Er empfiehlt Erik Lehnert, „Wozu Partei?“. Der schmale Band soll dem Katalog zufolge beschreiben, wozu die AfD überhaupt gut sein kann, wenn sie doch den „Gang aller Parteien gehen wird: den in ein oligarchisiertes Gebilde, das vor allem aus typischen Parteileuten besteht und sich in den Parteienstaat eingepasst hat“. Klingt nach verpasster Chance auf Revolution. Immerhin, eben hat sich Kubitscheks Vertrauter Björn Höcke schon blicken lassen. Der Thüringer AfD-Chef gehört weder zur Parteijugend noch zu den Älteren, die heute von der Bühne grüßen werden. Aber sogleich umlagern ihn Fans und Journalisten. Bis zum Abend gibt der Mann am Popcornstand Tüte um Tüte um Tüte heraus. Außerdem verschenkt er AfD-Sticker, die lachende junge Menschen mit heller Haut zeigen, randvolle Bierkrüge in der Hand, im Sonnenuntergang. Noch so ein KI-Szenario. Vor der Messehalle fällt Nieselregen.