FAZ 14.02.2026
15:43 Uhr

Snowpark in Livigno: Wo Wintersport am coolsten ist


Zucken auf den Buckeln und Fliegen im eisigen Biest: Den hipsten olympischen Sport gibt es in Livigno. Ein Tag im Snowpark, an dessen Ende sich Vergangenheit und Zukunft einer Sportart treffen.

Snowpark in Livigno: Wo Wintersport am coolsten ist

Im Nähmaschinenrhythmus arbeiten sie sich Huckel für Huckel einen steilen Hang hinunter. Sie machen sich klein, ihre Körper sind komprimiert. Die Knie nah beieinander, um stabil zu bleiben und die direkte Linie zu finden. 12.15 Uhr im Snowpark in Livigno, die Sonne scheint auf die bucklige Piste, Moguls-Finale der Männer. Die Fahrer machen sich auf dem steilen Hang warm. Sie rattern hinunter und fliegen durch die Luft. Sie testen, was der schnellste Weg nach unten ist. Auf den richtigen Rhythmus kommt es bei der Sportart an. Blitzschnell schießen die Knie nach rechts und links. Die Abfahrt wirkt dagegen wie eine Fahrt auf der frisch geteerten Autobahn. Wer diesen Sport macht, muss schnell im Kopf sein. Und am Ende über eine Schanze springen und einen Trick in der Luft zeigen. Die Athleten schrauben sich in die Luft, nur um dann auf kleinen, dünnen Skiern zu landen. Der „König“ wirkt auf die nächste Generation Vor dem Wettkampf halten kanadische Fans ein Poster in die Höhe. „All Häel – the king.“ Gemeint ist damit Mikaël Kingsbury, der König unter den Moguls-Fahrern. Und tatsächlich, sein Körper zuckt so schnell nach rechts und links, dass man als Zuschauer ganz genau hinschauen muss. Die kanadischen Fans springen im Takt hoch und runter. Die Mützen mit der Aufschrift „Go Mik“ auf ihren Köpfen. In Kanada hat die Sportart eine lange Tradition. Es gibt eine Reihe von Athleten, die sich beeinflusst haben. Angefangen hat wohl alles mit Jean-Luc Brassard, der 1994 in Lillehammer Olympiasieger wurde. Weiter ging es mit Alexandre Bilodeau, der 2010 Gold in Vancouver gewann und das 2014 wiederholte. Dieser wiederum beeinflusste Kingsbury, der nun in Livigno die Piste herunterzuckt. Und auch Kingsbury als Athlet wirkt auf die nächste Generation. Seine jüngeren Teamkollegen Julien Viel und Elliot Vaillancourt folgen seinem Vorbild. Was macht Kingsbury so besonders? Sein Kollege Viel, der nach dem Wettkampf in der Interviewzone steht, die schmalen Ski in der Hand, die lila schimmernde Brille nach oben geschoben, sagt: „Niemand fährt so konstant wie er.“ Und trotzdem gewinnt er an diesem Mittag doch nicht die Goldmedaille, wie alle es erwartet hatten. Der Australier Cooper Woods-Topalovic starrt auf die Anzeigetafel: 83,71 Punkte, Gold. Er hebt die Skistöcke in den Himmel, wirft den Helm in den Schnee und schreit. Sein Teamkollege Jackson Harvey hat Tränen in den Augen. Und sagt über seine Fahrt: „Er hat jeden Hügel gut getroffen.“ Er habe eine sehr gelassene Art, Ski zu fahren. Und ja, entspannt sieht es tatsächlich aus. Athleten wie er schaffen es auch noch, diese irre anspruchsvolle Fahrt leicht aussehen zu lassen. 14 Uhr, Snowboardcross. Die Sonne hat sich hinter den Bergen versteckt. Das macht es für die Fahrer schwerer, denn sie sehen die Unebenheiten der Strecke so kaum. Die Athleten fahren hier einen kurvigen Parcours hinunter. Immer vier starten oben gemeinsam. Sie stoßen sich aus der Box ab und rasen los. Bei der Sportart geht es nicht nur darum, möglichst schnell nach unten zu fahren. Da vier gemeinsam auf den Parcours geschickt werden, muss jeder von ihnen aufpassen, nicht mit einem anderen zusammenzustoßen. Wenn das passiert, ist das Rennen meist vorbei. Wer auf dem Boden liegt, sich aufrappeln muss, kommt hinter den anderen nicht mehr her. Eine Disziplin, in der alles möglich ist Wenn oben jemand vorne liegt, bedeutet das noch gar nichts. Chaos ist bei dieser Sportart vorprogrammiert. Die Athleten fahren über Wellen, springen über kleine Rampen, gleiten über den Schnee. Manchmal fliegen die Sportler in ihren bunten Oberteilen synchron nebeneinander durch die Luft. Nicht selten passiert es, dass zwei sich in der Luft verhaken und gemeinsam auf den Schnee prallen. Wie bereitet man sich auf so eine verrückte Fahrt vor? „Unser Sport ist sehr technisch. Durch die Gegner musst du schnell reagieren“, sagt der deutsche Snowboardcrosser Martin Nörl. Und es bringe selten etwas, sich einen genauen Plan zurechtzulegen. Das heißt: Flexibel bleiben, nicht nur auf dem Board, sondern auch im Kopf. Seine eigene Linie finden, sich geschickt an den anderen vorbeischlängeln und dabei voraussehen, wie sich die Gegner bewegen werden. In dieser Sportart ist alles möglich. Der Deutsche Leon Ulbricht fährt im Viertelfinale vorne. Dann saust der Italiener Lorenzo Sommariva innen an ihm vorbei. Und Teamkollege Martin Nörl rast von hinten heran. In der letzten Linkskurve geht er ins Risiko. Er ist nah am Amerikaner Nick Baumgartner. Die drei fahren gemeinsam durch die Kurve. Nörl stößt mit Ulbricht zusammen, und die beiden Deutschen verschwinden in einer Schneewolke. Der Moderator sagt: „Hoffentlich können die beiden jetzt noch Freunde bleiben.“ Oder hat der Amerikaner Baumgartner den Crash der Deutschen verursacht, weil er so eng in die Kurve reingefahren ist und Nörl geschnitten hat? Baumgartner steht in der Interviewzone und plaudert locker. Nörl habe zu ihm gesagt: „Ich bin nicht sauer auf dich.“ Eine gewisse Gelassenheit muss man bei diesem Sport mitbringen. Hier kann der Erste am Ende Letzter sein und der Letzte am Ende Erster. „Alles kann passieren“, sagt Baumgartner. Er ist 44 Jahre alt, macht den Sport 20 Jahre, hat Gold bei den Winterspielen in Peking gewonnen und viele andere Titel. Nur ein paar Schritte weiter erzählt Leon Ulbricht davon, wie er den Moment erlebt hat. Er lag nach dem Crash auf dem Rücken. „Das ist schwierig zu vermeiden, das ist der Sport, das ist das Rennen“, sagt er. Was er an seinem Sport am meisten liebt: den Adrenalin-Kick, zu viert am Start stehen, die Gegner neben sich. „Wir haben Kurven, Sprünge, Gleitsektionen, ein geiler Mix aus allem.“ Erst ein schwerer Sturz, dann der Olympiasieg 19.30 Uhr, die Halfpipe ist in der Dunkelheit hell erleuchtet, Schnee rieselt hinab. Der Moderator sagt: „Life is good, yes, it is.“ Das Leben ist schön. Bevor es losgeht, kommt Snowboardlegende Shaun White vorbei. Die Daumen drücke er den Amerikanerinnen, sagt er. Die Halfpipe in Livigno ist ein eisiges Biest. Sieben Meter ist sie an den Seiten hoch. Bis zu drei Meter springen die Athletinnen in die Luft. Wenn sie stürzen, ist es, als ob sie vom Zehn-Meter-Sprungturm fallen. An der steilen Außenwand rasen sie dem eisigen Grund entgegen. Und an diesem Abend stürzen viele. Drei Runs gibt es, und die Athletinnen wollen hier die schwierigsten Tricks zeigen, die sie können. Bevor sie in die Pipe gleiten, hat jede von ihnen ein Ritual. Eine bewegt sich roboterartig, visualisiert ihren Lauf. Andere fassen sich an die weiten Hosen, klatschen in die Hände oder schließen die Augen und atmen durch. Nachdem sie sich in die Luft geschraubt hat, prallt die Südkoreanerin Choi Gaon auf die Kante der Halfpipe. Ihr kleiner Körper überschlägt sich, schlittert die Pipe hinab, kopfüber fällt sie in die Mitte. Es ist still. Doch sie bewegt sich. Ein Sanitäter fährt auf Skiern herbei, eine Trage wird gebracht. Dann steht sie auf und fährt vorsichtig die Pipe hinunter. Sie denke nicht, dass sie noch einmal antreten kann, sagt sie danach. Gaon ist erst 17 Jahre alt und ihr großes Vorbild ist Chloe Kim. Immer wieder schaute sie sich als Kind Tricks der Amerikanerin an, die als Beste in ihrer Disziplin gilt und später ihre Mentorin wurde. Kim hat den Sport geprägt wie keine andere. Nachdem sie pausiert hatte und über ihre mentalen Probleme sprach, gewann sie in Peking Gold in der Halfpipe. Stärker als je zuvor war sie zurückgekehrt. Ihre Botschaft: Pass auf dich selbst auf. Auch in Livigno schraubt sich Kim durch die Luft, fasst an ihr Board und dreht sich dabei, setzt jedes Mal sanft wieder in der Pipe auf. Den ersten Lauf geht sie entspannt an, trotzdem liegt sie am Ende vorne. Im zweiten Run will sie mehr zeigen, sie fällt. Wenn das passiert, ist der Run eigentlich vorbei, die Konzentration ist weg. Und die Snowboarderinnen zeigen nur noch einfache Sprünge. Letzter Run. Choi Gaon zeigt einen sanften Run. Jede Fahrerin hat einen anderen Stil, und Gaon fährt so lässig wie eine Skateboarderin, sie bewegt sich fließend und locker. Sie macht sich klein und dreht sich kopfüber, ist dabei mit ihrem Board verschmolzen. Am Ende wartet sie unten auf ihre Wertung. Sie setzt ihre Brille ab, ihr kommen die Tränen, sie setzt sie lieber wieder auf. Die Wertung: 90,25. Position eins. Sie versteht erst gar nicht, was passiert. Dann fällt sie ihren Coaches in die Arme. Jetzt kommt noch Chloe Kim, ihr Idol. Und in diesem Run geht sie ins Risiko. Sie zeigt den Double-Cork 1080. Drei volle Drehungen, kombiniert mit zwei Über-Kopf-Drehungen. Sie fällt und fährt direkt zu Gaon, die damit Gold gewonnen hat. „Sie ist mein Baby. Ich kenne sie, seit ich klein bin, und ich bin so stolz auf sie“, sagt sie. „Es bedeutet mir so viel, dass ich diese neue Generation inspiriert habe.“ Nach der Siegerehrung laufen Kim und Gaon ans Ende der Pipe, um ein Foto zu machen. Gaon humpelt. Sie grinsen sich an. Da stehen die beiden nebeneinander. Die Frau, die den Sport so sehr geprägt hat. Und die, die ihn vielleicht nun prägen wird.