Sie wirft sich in die Kurven, schaut nicht zur Seite. Dort, wo sich ihre Konkurrentin den Hügel hinabschlängelt. Nur wenige Meter trennen sie. Doch jede konzentriert sich auf ihr eigenes Snowboard, auf ihre Spur, ihr Rennen. Am Ende machen sich beide klein, rasen über die Ziellinie. Für die eine, Claudia Riegler, 52 Jahre, sind es vielleicht die letzten Spiele. Für die andere, Ester Ledecka, 30 Jahre, eine der besten Athletinnen im Snowboardcross, sind sie es wahrscheinlich nicht. Unten angekommen, umarmen sie sich. Und Ledecka sagt zu Riegler: „Ich liebe dich.“ Längst ist sie eine Inspirationsfigur über ihren Sport hinaus. Claudia Riegler wollte ja gar nicht hier sein, in Livigno, bei den Olympischen Spielen. Doch dann überredete sie ihr Trainer. Und sie dachte sich: „Ja, warum eigentlich nicht.“ Sie motivierte sich, wie sie es schon so oft in ihrer Karriere getan hatte. Einer Karriere, die bereits mit 30 Jahren enden sollte. Damals fand der Cheftrainer der alpinen Snowboarderinnen Österreichs, sie sei zu alt für ihren Sport. Sie sei nicht mehr leistungsfähig genug. Sie wurde aus dem Kader geworfen. „Ich akzeptiere diese Grenzen einfach nicht“ Das wird für Riegler zum Antrieb. Sie will selbst herausfinden, ob sie wirklich zu alt ist. Und dass sie heute immer noch da ist, wo sie ist, zeigt, was ihre Antwort darauf ist: Nein. Riegler ist bei diesen Olympischen Spielen mit 52 Jahren die älteste Athletin. Sie lehnt sich an ihr Board und sagt: „Wir setzen uns selbst unsere Grenzen. Ich akzeptiere diese Grenzen einfach nicht.“ Die Geschichte von Claudia Riegler ist die einer Befreiung. Nicht selten, erzählt sie, fragen Leute sie: „Bist du nicht zu alt? Willst du wirklich weitermachen?“ Die ganze Zeit sei sie von diesen Fragen umgeben. Doch mit den Jahren hat sie verstanden: Die Wahrheit der anderen ist nicht ihre Wahrheit. Es gibt ein Video von Claudia Riegler und Ester Ledecka, das zehn Jahre alt ist. Im Weltcup treten sie gegeneinander an. Riegler stößt sich oben ab, rattert die dunkle Piste hinunter. Die unebene Piste bringt ihr Board ins Schlingern. Doch sie fährt weiter. Früher, erzählt sie, habe sie oft auf Fehler geachtet. Heute konzentriert sie sich auf jeden Schwung. Sie fährt von Schwung zu Schwung und konzentriert sich auf das, was ihr gelungen ist. Wenn sie da oben steht, verbindet sie sich mit ihrem Board und mit sich selbst. Seit Jahren beschäftigt sie sich damit, wie Gedanken uns beeinflussen. Sie meditiert, macht Atemübungen und arbeitet dazu mit einem Coach zusammen. Riegler gestikuliert nun wild in der Interviewzone: „Unsere Gedanken machen so bäm, bäm. Es schießt ein Gedanke nach dem anderen durch den Kopf“, sagt sie. Wir dächten eher negativ. Sie versucht ihre Zweifel umzuwandeln und sich selbst zu sagen: „Das ist nur ein Gedanke.“ „Vamos, geht schon, auf jetzt“ Schon mit 18 Jahren kaufte sich Claudia Riegler ihre ersten neurowissenschaftlichen Bücher. Sie ist fasziniert davon, was Gedanken mit uns machen, was sie auslösen, was für Botenstoffe sie senden, also was für Hormone sie in den Körper schicken. Je mehr sie las und las, erzählt sie, dachte sie sich: Wenn die Gedanken so viel in meinem Körper machen, dann habe ich einen ganz großen Einfluss auf meine Zellen. Doch wie sieht diese Gedankenarbeit aus? Riegler führt viele Selbstgespräche und sagt sich Sätze, die ihr helfen. Manchmal geht es dabei darum, ihre Mitte zu finden. Manchmal ist sie bei diesen Gesprächen mutig und entschlossen. Dann sage sie sich: „Vamos, geht schon, auf jetzt.“ Doch trotz dieser Gedankenarbeit gab es eine Zeit, in der Zweifel aufkamen. Riegler fuhr immer weiter und weiter, stürzte sich einen Hang nach dem nächsten hinunter. Aber als sie 40 war, lief ihre Saison nicht gut. Die Stimmen um sie herum wurden lauter. War sie etwa doch zu alt? Sie dachte daran, aufzuhören. Zwölf Jahre ist das nun her. Die Weltmeisterschaften im Lachtal, ihrer Heimat, standen an. Und sie wollte es wenigstens probieren. Vor dem Wettkampf visualisierte sie immer wieder eine Szene: Sie fährt als Erste über die Ziellinie. Die Menschen um sie herum jubeln, und sie bedankt sich. Und tatsächlich kam es genau so. Claudia Riegler wird Weltmeisterin, mit 41 Jahren. Sie gewinnt eine Harley-Davidson. Und damit fährt sie nun durch Salzburgs Innenstadt, von Café zu Café. Immer in Bewegung bleiben. Riegler liebt es, neue Dinge auszuprobieren. „Wenn ich jeden Tag das Gleiche mache, werde ich müde“, sagt sie. Unser Gehirn schafft außerdem neue Verbindungen, wenn wir Neues lernen. Sie will damit auch Menschen motivieren, die sich das nicht trauen. Ihre Botschaft: Lasst euch keine Grenzen vom Alter setzen. Manchmal, erzählt sie, muss sie an den Trainer denken, der ihr gesagt hat, dass sie zu alt ist. Aber sie ist auf eine Weise dankbar dafür. Vielleicht hätte sie sonst nicht die Motivation gefunden, immer weiterzumachen, sagt sie heute. Und nie herausgefunden, dass sie ihren Sport vor allem für sich selbst macht. Und für die Freude, die sie spürt, wenn sie die Piste runterbrettert.
